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Schlossmuseum eröffnet neue Daueraustellung

Als der Südharz Heimat wurde

Mittwoch, 22. Mai 2019, 16:00 Uhr
Die Revolution rollt langsam über das Land. Sie kommt aus dem Süden, wandert Schritt für Schritt gen Norden, dem Harz entgegen und erschüttert in ihrem Lauf die Grundfesten der Welt. Wer sie bringt wissen wir nicht. Was sie bewirkt hat, sehen wir jeden Tag. Im Heringer Schloss wird man ihr ab Freitag nachspüren können...

Neue archäologische Dauerausstellung im Heringer Schloss (Foto: Angelo Glashagel) Neue archäologische Dauerausstellung im Heringer Schloss (Foto: Angelo Glashagel)

Vor über 7.000 Jahren haben Menschen in Thüringen zum ersten Mal einen Acker bestellt, zum ersten Mal Häuser gebaut und Vieh gehalten. Wo? Hier. Vor den Türen unserer Häuser, auf unseren Äckern, Feldern und Weiden. Das älteste Dorf Thüringens lag, dem aktuellen Stand der Forschung nach, zwischen Bielen und Windehausen, dort wo heute das Industriegebiet Goldene Aue seiner neuerlichen Nutzung harrt.

Von dem was einmal war, ist nichts mehr zu sehen. Die Geschichte schlummert tief unter dem Boden und tritt nur dann zu Tage, wenn eifrige Forscher zu den Schaufeln greifen. Oder sie ist überall zu sehen, um uns herum, ist alles, was wir aus der Vergangenheit mitgenommen haben. Gesellschaft und Gemeinschaft, Fortschritt und Technik, Handwerk und Werkzeug, Ackerbau, Kultur und Kunst um ihrer Selbst willen, Religion - der Kern, der unser tägliches Leben ausmacht, ist der gleiche geblieben.

Der Linie, die von den Menschen der "neolithischen Revolution", den epochalen Umwälzungen der Jungsteinzeit, bis zu uns führt, wird man ab Freitag im Heringer Schloss folgen können. In knapp zehn Monaten wurde hier ein kleines Museum aufgebaut, das sich mit dem archäologischen Erbe der Goldene Aue auseinandersetzt und den Besucher in das Dunkel unserer Geschichte entführen soll.

"Die Menschen sind lange tot, was geblieben ist sind ihre Objekte, die von ihrem Leben erzählen und die Brücke zur Gegenwart schlagen", erzählt die frischgebackene Museumsleiterin Mirjana Culibrk. Mit der Interessengemeinschaft des Heringer Schlosses und der tatkräftigen und finanziellen Unterstützung durch die Thüringer Staatskanzlei und dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie hat die junge Frau seit dem vergangenen Sommer daran gearbeitet, die Puzzleteile der Vergangenheit zu einem nachvollziehbaren Bild zusammenzufügen.

Die gelernte Archäologin fasziniert die Alltäglichkeit dieser anderen Welt und die Geheimnisse und Rätsel, welche die Bruchstücke und Überreste aufgeben. Warum haben die Menschen aufwendig und kunstvolle Figuren geschaffen? Hat man es hier mit einem Ahnenkult zu tun? Warum findet man nur Bruchteile? Wurden sie rituell zerschlagen? Warum begrub man ein ganzes Rindergespann und warum wurde dem Grab ein Mann beigelegt, der schon viel früher gestorben sein muss?

Will die Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart zeigen - Museumsleiterin Mirjana Culibrk (Foto: Angelo Glashagel) Will die Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart zeigen - Museumsleiterin Mirjana Culibrk (Foto: Angelo Glashagel)

Wer gewillt ist zu sehen, dem bieten die sechs Räume der neuen Dauerausstellung viele solcher Fragen und möglicher Geschichten, gespickt mit ein paar echten Highlights der Thüringer Archäologie, die effektvoll in Szene gesetzt werden. Im blau-schwarzen Dunkel betritt man das "älteste Dorf Thüringens" und kann, schön illustriert und illuminiert, dem Leben in der Goldenen Aue vor 7.000 Jahren nachspüren. Hier und da kann man nicht nur sehen, sondern auch anfassen, ausprobieren oder hören.

Es folgt ein Zeitsprung von gut 500 Jahren und zeigt deutliche Veränderungen. "Das Areal wurde durchgängig besiedelt", erklärt Culibrk, "wir können Anhand der Funde aber deutliche Unterschiede in der kulturellen Praxis erkennen. Die Menschen leben weiter hier, aber sie haben sich verändert".

Unweit des Dorfes errichten die Nachkommen der "ersten Bauern" eine große "Kreisgrabenanlage", ein monumentales Werk aus mehreren Palisadenringen mit verschiedenen Eingängen, die nach dem Wandel des Sonnenstandes ausgerichtet wurden. Zum "Warum?" gibt es verschiedene Theorien, Culibrk tendiert zur kalendarischen Nutzung, die den Aufwand und die Präzision, die hier nötig gewesen sein müssen, für die frühen Ackerkulturen rechtfertigen würde. Einen Eindruck von den Ausmaßen der Anlage und seiner möglichen Funktion erhält der Besucher anhand eines Modells samt Illuminierung.

Noch ein Stück weiter und man taucht wieder ins Tageslicht und in die Gegenwart ein. Die Bezüge zum "Jetzt" werden hier besonders deutlich, von der Migration von Menschen und Ideen über die Verbindung von alter und "neuer" Technik bis zur Nutzung natürlicher Ressourcen werden Vergangenheit und Gegenwart buchstäblich gespiegelt.

An anderer Stelle, und wieder ein paar Jahrhunderte später, tritt man erneut ins Dunkel und begegnet der "Dame der Goldenen Aue", die mit außergewöhnlichen modischen Accessoires zu Grabe getragen wurde. Die archäologischen Ausgrabungen förderten nicht nur ihre Gebeine zu Tage, sondern auch hunderte durchbohrte Muschelscheiben und Hundezähne, die wahrscheinlich Teil ihrer Kleidung waren.

Schließlich folgt die nächste Revolution. Die Bronzezeit hält Einzug, die Technik entwickelt sich, das Leben wird ein wenig leichter. In allen Belangen, auch in Sachen Krieg. Schwerter und Pfeilspitzen findet man jetzt, aber auch viele feine Schmuckstücke, die um Arme und Hals oder in den Haaren getragen werden.

"Die Leihgaben aus Weimar sind Originalfunde die zum größten Teil aus der Ausgrabung bei Windehausen stammen. Das war damals eines der größten Grabungsareale in Thüringen. Schaut man aber auf die Karte, sieht man das es sich nur um einen Bruchteil der Goldenen Aue handelt.", erklärt die Museumsleiterin, allein hier, auf relativ engem Gebiet, habe man schon erstaunlich viele Funde aus unterschiedlichen Zeitepochen gemacht. Die fruchtbaren Auen bergen noch mehr Geheimnisse, da ist sich die Archäologin sicher.

Was wir heute zum Leben dieser "Auenländer" wissen und vermuten, das wird man sich ab morgen selber ansehen können. Am Donnerstag wird die Ausstellung um 14 Uhr feierlich eröffnet, für den weiteren Publikumsverkehr öffnet das Schlossmuseum ab Freitag seine Tore. Von Dienstag bis Freitag wird die Ausstellung jeweils von 10 bis 17 Uhr, am Wochenende von 10 bis 16 Uhr zu sehen sein. Der Eintritt beträgt 4,50 Euro, und erlaubt den Zutritt zu allen Ausstellungsräumen des Schlosses, nicht nur dem Museum. Die ermäßigte Karte schlägt mit einem Euro weniger zu Buche.

Die Ausstellung soll nicht das Ende sein, verspricht Culibrk, man werde in den kommenden Wochen ein museumspädagogisches Angebot aufbauen und eigene Veranstaltungen anbieten. Sie freue sich schon darauf viele Schulklassen im Schloss zu begrüßen und die Besucher durch die Ausstellung zu führen, sagt die Museumsleiterin. Das Zeug zu einem kleinen Highlight, hat die Ausstellung, nicht nur für Schulen. Ein Besuch lohnt sich und dank der schicken Inszenierung mag auch mancher Geschichtsmuffel die große Erzählung hinter den Scherben erkennen. Denn mag sich auch alles um die "Goldene Aue" drehen, berichtet der Lauf der großen Revolution, die sich hier vor 7.000 Jahren niederschlug, von nichts geringerem als dem Werden der Menschheit, wie wir sie kennen.
Angelo Glashagel
Autor: red

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