nnz-online
Jendrickes "Masterplan Mobilität"

Autonome Busse auf Nordhausens Straßen?

Donnerstag, 09. Mai 2019, 14:30 Uhr
Die Welt wandelt sich und manchmal geht es schneller als man denkt. Seit dem vergangenen Jahr wird in Nordhausen wieder über die Zukunft des öffentlichen Personennahverkehrs diskutiert. Landrat Matthias Jendricke legt nun noch eine Schippe drauf: ab 2020 könnten Teilautonome Busse über die Straßen des Kreises rollen und das wäre nur ein Teil des "Masterplans"...

Landrat stellt Projekt zum Autonomen ÖPNV vor (Foto: Angelo Glashagel) Landrat stellt Projekt zum Autonomen ÖPNV vor (Foto: Angelo Glashagel)

Im Kern geht es Jendricke um drei Punkte, die in den kommenden Jahren umgesetzt werden könnten. Wenn alles so kommt wie geplant.

Elektrisch unterwegs

Sicher ist die Einführung der Elektromobilität im ÖPNV zwischen Ellrich, Ilfeld, Neustadt und Niedersachswerfen. Sowohl die Stadt wie auch der Kreis haben aus einem 15 Mio. Euro starken Förderprogramm zusammen insgesamt 4,9 Millionen Euro erhalten, um jeweils drei Elektro-Busse zu beschaffen und die nötige Ladeinfrastruktur bei den Verkehrsbetrieben in Nordhausen und am Knotenpunkt in Niedersachswerfen aufzubauen. Der Landkreis will zwei seiner Busse am Südharzrand einsetzen, eine weiterer Bus soll zwischen Haynrode, Wolkramshausen und Nordhausen verkehren.

Für den Landrat liegen die Vorteile auf der Hand: die CO2 Bilanz des ÖPNV wird verbessert und die Wartungskosten fallen für Elektrofahrzeuge in der Regel deutlich geringer aus als bei herkömmlichen Bussen. Zudem müssen die Fahrzeuge zum "tanken" nicht zurück in den Betriebshof insofern die Ladeinfrastruktur vorhanden ist.

Selbst ist der Bus

Soweit, so bekannt. Die Visionen des Landrates gehen aber weiter und das nicht erst seit heute. Schon im vergangenen Jahr hatte Jendricke die Möglichkeit in den Raum gestellt, einmal auch autonome Fahrzeuge auf den Straßen des Kreises zu testen. "Damals klang das auch für mich noch wie Zukunftsmusik aber die Dinge haben im Moment eine ungeheure Dynamik", erzählte Jendricke heute.

Im März wurde man im Landratsamt auf ein Forschungs- und Förderprogramm des Bundesverkehrsministeriums aufmerksam, das sich ganz der autonomen Technik im ÖPNV widmet, oder vielmehr ihrer Alltagstauglichkeit. Bundesweit sollen mit insgesamt 53 Mio. Euro Projekte gefördert werden, die (teil-)autonome System einem Realitätscheck unterziehen.

"Autonom" bedeutet hier: Autonomität der Stufe 4 (von 5). Ganz ohne Mensch kommen diese Fahrzeuge noch nicht aus, im Führerhaus muss jemand sitzen, der im Notfall eingreifen kann. Doch das muss kein ausgebildeter Busfahrer mit Personenbeförderungsschein sein. Es reicht ein sogenannter "Steward" der im Fall der Fälle "den roten Knopf" drücken könne um einen Nothalt auszulösen.

Man habe nur einen knappen Monat Zeit gehabt zu reagieren, einen Antrag zu erarbeiten und entsprechend zu unterfüttern, erzählt Jendricke. Wäre man nicht bereits mittendrin in der Diskussion um die Zukunft des ÖPNV gewesen, hätte man so schnell nicht reagieren können. Es gibt mindestens zwei weitere Mitbewerber aus Thüringen, Nordhausen hätte aber gute Chancen den Zuschlag zu erhalten, meint der Landrat, auch weil man fachlich gut vorbereitet war.

Der Masterplan

Seinen Optimismus ließ Jendricke nicht unbegründet. Dem Kreis schweben zwei mögliche Projektmodule vor, die unabhängig voneinander umsetzbar wären. An erster Stelle steht die "kleine" Lösung: der Einsatz eines autonom fahrenden Busses im verkehrsarmen, ländlichen Raum zwischen Neustadt und Niedersachswerfen. "Dem Bund geht es nicht darum die technischen Aspekte zu erproben, die Fahrzeuge gibt es in Serienreife, sie funktionieren und die Projektpartner haben freie Hand bei der Auswahl", erklärt der Landrat. Über die zweijährige Laufzeit solle vielmehr untersucht werden, inwiefern die Angebote von der Bevölkerung angenommen würden.

Das Gebiet zwischen Neustadt und Niedersachswerfen biete hier gewisse Vorteile. Zum einen wird die Kurstadt auch von Gästen frequentiert, die von dem Angebot Gebrauch machen können. Wichtiger ist Jendricke aber der Anschluss an die Schiene. "Bisher kennt man vor allem Pilotprojekte die sich im begrenzten Rahmen bewegen, etwa auf Parkplätzen oder Messegeländen. Wir wollen versuchen die Busse auf die Taktung des Schienenverkehrs abzustimmen und so neue Synergien zu schaffen". Statt 20 Minuten auf den nächsten Anschluss zu warten sollen es dann nur noch fünf sein.

Modul Nummer zwei sieht den Einsatz von zwei Bussen in Bleicherode vor, die vor allem die Erreichbarkeit des Ost-Bahnhofes in der zweitgrößten Kommune des Kreises verbessern könnte. Dieser ambitioniertere Projektteil könnte im Fall der Fälle zu Gunsten der "kleinen" Variante aufgegeben werden, im Idealfall fördert der Bund das Gesamtpaket. Oder es wird alles nichts, auch diese Option steht im Raum.

Marcel Hardrath und Landrat Matthias Jendricke über den möglichen Fahrplänen (Foto: Angelo Glashagel) Marcel Hardrath und Landrat Matthias Jendricke über den möglichen Fahrplänen (Foto: Angelo Glashagel)

Die Überlegungen hinter dem Bleicheröder Ansatz erläuterte Marcel Hardrath, ÖPNV Koordinator im Landratsamt. Aktuell machte das Personal rund 50% der Beförderungskosten im ÖPNV aus. Konkret bedeutet das: sobald der Schulverkehr am Morgen und dem Nachmittag bewältigt ist, passiert nicht mehr viel. Das Angebot wird zurückgefahren, der Bus kommt nur noch alle paar Stunden. Selbst in einer relativ großen Kommune wie Bleicherode fährt der letzte Bus bereits am späten Nachmittag. Und das macht den ÖPNV als Alternative zum Pkw unattraktiv.

Der autonome Verkehr könnte das Angebot radikal ändern. "Wir sind in dem glücklichen Umstand das wir sehr engagierte Mitarbeiter haben und bereits einen theoretischen Fahrplan für die angedachten Linien aufstellen konnten", erzählt Hardrath, eine Strecke von der Helios-Klinik über Löwentor und Schillerplatz könne man demnach bis 22:47 Uhr anbieten, insgesamt seien pro Tag 104 Hin- und Rückfahrten möglich. "Momentan könnten wir, und auch jeder andere Verkehrsbetrieb, so etwas unmöglich leisten", sagt Hardrath.

In der autonomen Technik sieht man eine mögliche Lösung für eine ganze Reihe von Problemen. Anstatt halbleere Bahnen und Busse paralell fahren zu lassen könnte das ÖPNV Angebot dank niedriegerer Kosten zwischen den Ortschaften und Anschlusspunkten wie dem Ostbahnhof in Bleicherode oder den Bahnhöfen in Wolkramshausen und Niedersachswerfen ausgebaut werden. Die Attraktivität des ÖPNV würde allgemein zunehmen, das Angebot vor Ort verdichtet und mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene verlagert.

Im Grunde verfolgten Jendrickes bisherige "Visionen" diese Idee bereits, speziell in Verbindung mit dem Ausbau des Nordhäuser Straßenbahnnetzes durch eine "Linie 20". Die Möglichkeit die Ansätze nun autonom zu testen ist denn auch vor allem eine Erweiterung, keine Grundvorraussetzung für ein Umdenken im ÖPNV.

Die Grundlage

"Wir wollen die Linienplanung auf den Kopf stellen und den ÖPNV für jung und alt attraktiv machen", sagt Jendricke, Grundlage dafür müsse aber auch ein gemeinsames Tarifsystem sein. Denkbar wäre ein Zusammenschluss mit dem Verkehrsverbund Mittelthüringen oder ein eigener Nordthüringer Verkehrsverbund, der die Kreise Nordhausen, Unstrut-Hainich, Eichsfeld und Kyffhäuser vereint. Entsprechende Optionen würden aktuell durchgerechnet und verhandelt. Eine Nordthüringer Lösung mit einem gemeinsamen Zonentarif würde zwar zu Einnahmeverlusten von rund 1,6 Mio. Euro führen, das Geld ließe sich aber über Zuschüsse des Freistaates ausgleichen, meint der Landrat.

Zudem würden einheitliche Systeme die Einführung von sogenannten "Handytickets" erleichtern, die Zeit der festen Automaten gehe ihrem Ende entgegen.

Das Sahnehäubchen

Der Ankündigungen Ende war damit noch nicht erreicht. Das Landratsamt hat ein zweites "elektrisches" Projekt in der Warteschlange, das die bereits erwähnten Angebote touristisch ergänzen würde. In Rothesütte, Sophienhof und an der Eisfelder Talmühle könnten ab 2020 mobile Ausleihstationen für jeweils 10 E-Bikes und 10 E-Roller entstehen. Die Möglichkeit zur Ausleihe soll tariflich mit dem ÖPNV verbunden werden können.

Sowohl das Projekt zu den autonomen Bussen wie auch die Ausleihstationen befinden sich noch in der Beantragung. Es ist also keineswegs ausgemacht, das man ab 2020 mit "Auto"-E-Bus und E-Roller durch den Südharz reisen wird. Insofern handelt es sich erst einmal nur um Ankündigungspolitik. Einen radikalen Systemwechsel werde es im ÖPNV auf absehbare Zeit nicht geben, unterstrich Jendricke, der Wandel werde eher graduell ablaufen. Die Ideen, mit denen man im Landratsamt arbeitet, zeigen immerhin wohin die Reise einmal gehen könnte. Und das vielleicht schneller als man denkt.
Angelo Glashagel
Autor: red

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de