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Sorglose Genießer und der Burgschreck

Nordhausen liegt im Schlaraffenland

Samstag, 27. April 2019, 11:47 Uhr
Der Südharz und Nordhausen liegen im Schlaraffenland. Milch und Honig fließen zwar nur im gleichnamigen Grimm’schen Märchen. Im „Reich“ der
Schlaraffen sind Humor, Kunst und Freundschaft das Lebenselixier, weiß Martin Roland zu berichten...


Die 1859 in Prag gegründete deutschsprachige Vereinigung fand 1877 in Nordhausen einen Ableger. Fälschlicherweise wurde der philanthropische Männerbund mit den Freimaurern verwechselt. Auf Druck der Nazi-Obrigkeit kam es 1937 zur Selbstauflösung. Skeptisch verfolgt wurden die Schlaraffen auch in der DDR. Jetzt sind sie wieder im Südharz heimisch.

Der Begriff Schlaraffe soll vom mittelhochdeutschen Wort „Slur-Affe“ abgeleitet sein, was damals soviel hieß wie „sorgloser Genießer“. Der Wahlspruch der Vereinigung lautet in Latein „In arte voluptas“ (frei übersetzt: in der Kunst liegt Vergnügen). Die Schlaraffen grenzen sich auch von Service-Clubs wie Rotary International und Lions Club ab.

Während der Glanzzeit ihrer Nordhäuser Vertretung hatten die Schlaraffen ihre Hofburg in der Töpferstrasse Nr 3. Diese „Kyffhäuser-Burg“ fiel beim zweiten Luftangriff der Royal Air Force am 4. April 1945 in Schutt und Asche. Anfang der dreißiger Jahre wurden interne Fehden zwischen Anhängern der Urschlaffen und dem Zeitgeist verfallenen Verfechtern völkisch-nationalistischen Auffassungen mit antisemitischen Tendenzen ausgetragen. Es ging
um Arisierung und das Führerprinzip.

Der aus Nordhausen gebürtige Dr. med. Hellmuth Unger (Ritter Candidus der Schattenspieler) avancierte 1933 sogar an die Spitze des Bundes Deutsche Schlaraffia, einer Abspaltung der Allschlaraffia. Er hatte 1906 die „Kyffhäuser-Burg“ in Nordhausen gegründet. Er sollte im „Dritten Reich“ eine kriminelle Rolle beim Euthanasie-Programm der Nazis spielen. Unger schrieb Romane, die zur Vorlagen für Ärzte-Filme der Ufa wurden.

Die Urschlaffen und ihre Nachfolger pflegten im Rahmen des ritterlichen Spiels neben dem ernsten Vortrag von Literatur und musikalischen und anderen künstlerischen Darbietungen mit harmlosen Scherz und geschliffenem Humor die adlig-spätfeudalen Verhältnisse des 19. Jahrhunderts, wie ein Buch des Geschichts- und Altertumsvereins Nordhausen vermittelt.

Schlaraffisches Symbol für Weisheit, Humor und Tugend ist der Uhu. Beim Betreten ihres Vereinslokals – im Stile eines mittelalterlichen Rittersaales – grüßen sie den Uhu. Dann folgt ein festgelegtes Zeremoniell. Im zweiten Teil der wöchentlichen Zusammenkünfte an einem bestimmten Tag folgen künstlerische Darbietungen. Sturmhauben, Helme und Rüstungen sind aus buntem Stoff, die Waffen wie Junkerdolch und Ritterschwert aus Holz. Nach schlaraffischer Zeitrechnung befinden wir uns erst im Jahre a.U. (anno Uhu) 160. Gerechnet wird seit der Prager Gründung. Schlaraffen sind außerhalb ihrer „Sippung“ an der Rolandsnadel erkennbar, einer kleinen weißen Perle, die im linken Revers getragen wird – oder am Aufkleber mit einem blinzelnden Uhu am Auto. Die Satzung des Weltverbandes Allschlaraffia steht in der Tradition von Fürsten- und Sachsenspiegel, Eulen- und Ritterspiegel.

Örtliche Gruppen der Schlaraffen werden „Reyche“ genannt. Nordhausen war die Gründung Nr. 6 im Deutschland, Initiator der Kaufmann Eduard Braess. Das rituelle „Reychsschwert“ ging in den Wirren bei Kriegsende 1945 verloren. Vermutlich hatte es ein amerikanischer Besatzungssoldat „mitgehen“ lassen, denn es wurde nach Jahrzehnten in den USA wieder entdeckt und dank einer privaten Initiative zurückgeholt. Heute befindet es sich im Museum in
der Flohburg.

Auch wenn man sich in der „Profanei“ duzt, reden sich Schlaraffen mit dem altertümlichen Ihr an. Das Schlaraffen-Latein in antiquiertem Deutsch wird in der ganzen Welt gesprochen. Ätzung und Labung für Essen und Trinken, Troß für Familie und Burgfrau, Burgschreck für Schwiegermutter, Burgwonne für Freundin, Benzinross für Auto, Quasselstrippe für Telefon, Schwalbenschwanz für Frack. Einreiten für Besuch ortsfremder Schlaraffen. Mancher Begriff ist auch Nicht-Schlaraffen geläufig.

Zum illustren Kreis der Schlaraffen gehörten im deutschsprachigen Raum die Komponisten Nico Dostal, Franz Lehar, Oscar Strauss, Gustav Mahler, die Schauspieler Attila und Paul Hörbiger, die Schriftsteller Ludwig Ganghofer und Peter Rosegger, berühmte Ärzte und Architekten sowie ZDF-Meteorologe Uwe West. Zu Ehrenschlaraffen (ES) wurden posthum erkoren Goethe (ES Faust), Hermann Löns (Mümmelmann), Schiller (Funke), Karl May (Kara Ben Nemsis) und Heinz Erhardt (Alberich von Schalk).
Martin Roland
Autor: red

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