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Suchtberatung in Nordhausen

Für ein Leben ohne Sucht

Montag, 18. März 2019, 13:41 Uhr
"Drogenfahrt gestoppt", "Mit Alkohol am Steuer erwischt" - Meldungen über den Missbrauch von Rauschmitteln und Alkohol finden sich fast tagtäglich in den lokalen Nachrichten. Einen Einblick wie tief der Konsum in allen Teilen der Gesellschaft sitzt, bekommen die Mitarbeiter der Suchthilfezentrums in ihrer täglichen Arbeit. Für das Jahr 2018 wurde jetzt Bilanz gezogen...


Foto: jarmoluk/pixabay.com

Zigaretten, Alkohol, Methamphetamin und Cannabis aber auch exzessives spielen, Medienabhängigkeit und Magersucht - wer seine Sucht loswerden will, es aus eigener Kraft heraus nicht schafft oder gezwungen wird wieder ins Reine zu kommen, der landet in Nordhausen mit hoher Wahrscheinlichkeit im Suchthilfezentrum der Diakonie in der Arnoldstraße.

Insgesamt 654 Personen suchten hier im vergangenen Jahr Beratung und Hilfe. Spitzenreiter ist und bleibt der Alkoholkonsum, der in 276 Fällen als Hauptproblem diagnostiziert wurde, dicht gefolgt vom Stimulantienmissbrauch mit 159 Fällen. Auf Platz drei rangiert die Beratung für Angehörige mit 96 Fällen, der Konsum von Cannabis brachte 75 Personen in die Arnoldstraße. Weiter unten in der Statistik rangierten Tabak- und Mediensucht mit jeweils 10 Fällen, sowie pathologisches Spielen mit 11 Fällen.

Das sich die Probleme der Menschen nicht so statistisch sauber voneinander trennen lassen, haben die Erfahrungen der letzten Jahre gezeigt. Vielfach sehen sich die Mitarbeiter der Suchthilfe heute mit sogenanntem "Mischkonsum" konfrontiert, Alkohol und Drogen gehen häufig Hand in Hand. Im Fokus stehen dabei vor allem Methamphetamin (177 Fälle) und Amphetamine (141 Fälle). Der Blick in die Vergangenheit macht den rasanten Anstieg der Problematik deutlich: im Jahr 2008 hatte man es gerade einmal mit 34 Fällen von (Meth-)Amphetaminmissbrauch zu tun, zehn Jahre später sind die Fallzahlen auf 318 geklettert.

Durch alle Schichten

Suchtproblematiken finden sich in jeder gesellschaftlichen Schicht, vom Schüler bis zum Rentner, bei Arbeitslosen, Arbeitgebern und Auszubildenden, auch das zeigt die Statistik wieder einmal. Das bestimmte Personengruppen eher zu Suchtmitteln greifen, lässt sich nicht erkennen. Ihren Weg zur Suchthilfe fanden im Jahr 2018 insgesamt 221 Personen im ALG II Bezug, 216 Personen waren entweder Angestellte, Arbeitgeber oder Beamte, 68 Suchtkranke befanden sich bereits im Rentenalter, die Gruppe der Schüler. Studenten und Auszubildenden war mit 71 Fällen nur unwesentlich größer.

Interessant ist hier die Entwicklung zwischen Hartz IV-Empfängern und Menschen die einer geregelten Beschäftigung nachgehen. Während die Zahl der Personen im ALG-II Bezug mit ein wenig Auf und Ab in den letzten zehn Jahren relativ konstant geblieben ist, hat die Zahl der Klienten, die in Lohn und Brot stehen, stetig zugenommen. Einen genereller gesellschaftlicher Trend muss sich daraus nicht zwangsläufig ableiten, die Entwicklung könnte ebenso gut ein Spiegel der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung sein. Mehr Menschen in Arbeit bedeute auch mehr Suchtkranke, die einer Beschäftigung nachgehen.

Auch der Beziehungsstatus einer Person sagt wenig aus, 51 Prozent der Klienten lebten mit einem Partner zusammen, 49 Prozent lebten allein. Deutlichere Unterschiede treten zwischen den Geschlechtern hervor. Auf 211 weibliche Suchtkranke kamen 442 männliche.

Zum Suchthilfezentrum muss auch, wer eine "MPU", eine medizinisch-psychologische Untersuchung bestehen muss, um wieder in den Besitz des Führerscheins zu gelangen. Insgesamt 29 Personen wurden zur MPU "verdonnert" nachdem sie mit Drogen am Steuer erwischt worden waren, 22 Personen mussten wegen Alkoholmissbrauch zur Untersuchung. Nach Vorbereitung bestanden 90% der Teilnehmer die MPU.

Kein Thema für das stille Kämmerlein

Suchthilfe ist gut und richtig. Noch besser ist es freilich, wenn sie gar nicht erst benötigt würde. In diesem Sinne engagierte sich das Suchthilfezentrum im vergangenen Jahr auch wieder in der Prävention. In Zusammenarbeit mit der Nordhäuser Hochschule und der Stiftung Mensch wurde eine Broschüre mit exemplarischen Lebensläufen ehemaliger und gegenwärtiger Klienten, die mit einer Auflage von 1.000 Exemplaren gedruckt werden konnte. Dem vorangegangen war eine Studie der Hochschule, die sich mit Drogenerfahrungen und -konsum von 1.211 Personen im Alter zwischen 12 und 35 Jahren befasste. Der Höhepunkt im Bereich Erstkonsum lag dabei im Altersbereich zwischen 14 und 16 Jahren. Die meisten regelmäßig Konsumierenden waren zwischen 15 und 20 Jahre alt, Hauptdroge war mit 48% Cannabis. Die Hauptgründe für den Konsumbeginn wurden mit „Neugier“ und „konsumierende Freunde“, maßgebliche Gründe für den Weiterkonsum mit „Stressabbau“ und „Spaß haben“ angegeben.

Die ausführliche Studie wurde zum Öffentlichkeitstag des Suchthilfezentrums vorgestellt. Mit dabei war dabei auch die "Klasse 2000", ein Präventionsprojekt, das die Suchthilfe in Kooperation mit diversen Schulen des Landkreises durchführt.

Fruchtet alle Prävention nicht muss der Weg aus der Sucht gefunden werden. Fernziel ist dabei immer die "zufriedene Abstinenz", die in einem mehrstufigen Programm erreicht werden soll. Der Weg dahin ist für manchen länger, für andere kürzer. So befanden zum Zeitpunkt des aktuellen Berichtes 237 Personen weiterhin in der Beratung. 220 Klienten verfolgen derzeit einen konkreten Behandlungsplan, 53 Personen wurden an andere Einrichtungen übergeben und 136 Personen brachen die Behandlung vorzeitig ab.

Die ausführliche Statistik findet der geneigte Leser hier
Angelo Glashagel
Autor: red

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