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Sigmund Jähn zu Gast in Nordhausen

Erinnerungen eines Kosmonauten

Sonnabend, 16. Februar 2019, 16:00 Uhr
Der erste Deutsche, der die weite des Weltalls aus nächster Nähe betrachten konnte, war ein DDR-Bürger. Sigmund Jähn hat Geschichte geschrieben und auch mit 82 Jahren ist der ehemalige Kosmonaut noch ein gefragter Mann. Heute war er in Nordhausen zu Gast...

Sigmund Jähn zu Gast in Nordhausen (Foto: Angelo Glashagel)
Wie fühlt es sich an in den Weltraum zu fliegen? Welche Gedanken gehen einem da durch den Kopf? Wie war der Händedruck Breschnews? Hat er Gagarin noch kennen gelernt und was hält er von Alexander Gerst? Wohin geht die Sternenreise der Menschheit heute? - Einem Mann wie Sigmund Jähn kann man viele, viele Fragen stellen. Der gealterte Kosmonaut ist nicht nur Zeitzeuge, er ist selbst ein Stück Geschichte.

Auf Einladung des IFA-Museums Nordhausen weilte der deutsche Raumfahrtpionier heute in der Rolandsstadt. Im Ratssaal hielt er am Nachmittag einen Vortrag zu seinen Erfahrungen und Erlebnissen im All und auf dem Erdboden. Es wird eine der letzten Gelegenheiten gewesen sein, Jähn live zu erleben. Der 82jährige will es in Zukunft ruhiger angehen lassen, sich auf seinen Garten konzentrieren, manchmal jagen gehen, kurz: ein alter Mann sein.

Für die IFA sei es eine besondere Freude gewesen Herrn Jähn willkommen zu heißen, erzählt Wilfried Geiger. Zum einen ist da die Geschichte der IFA selber, die ihren eigenen Anteil am Fortschritt der Raumfahrt im 20. Jahrhundert hatte. Es waren Experten des alten Werkes und Wissenschaftler aus der Sowjetunion, die nach dem Krieg die Triebwerke der V2-Raketen rekonstruierten und so einen Grundstein für den Schritt ins All legten. Zum anderen ist da die Person Jähn, das wofür er steht. "Als wir das Sputnik Signal im Radio hörten war ich noch ein Schulkind und wir haben nicht gleich verstanden was das für ein monumentaler Schritt war aber irgendwann war uns auch das klar", erzählt Geiger, "als dann ein DDR-Bürger, einer von uns, ins Weltall geflogen ist und alles dabei gut gegangen ist, das war ein echtes Ereignis". Der Name Sigmund Jähn ist ein Begriff, auch 40 Jahre nach seinem Flug, bei Jung und Alt.

Von der Vergangenheit weiß Jähn noch viel zu berichten. Etwa als man ihm kurz vor dem Start mitteilte das mit der Rakete alles in Ordnung sei solange die nur ordentlich vibriere und sich anfühle wie ein Fahrzeug, dass mit viereckigen Rädern fährt. Wie der Wiedereintritt ablief und was er tun musste um wieder festen Erdboden unter die Füße zu bekommen, wie er und seine Kollegen ihre natürlichen Abfälle im Weltall entsorgt haben oder wie seine Ausbildung im "Sternenstädtchen" bei Moskau ablief.

Auch irdische Geschichten sind dabei, etwa wie die nicht ganz reibungsfreien Dreharbeiten zur "Sandmännchenhochzeit" abliefen, die vielleicht noch manchem DDR-Kind im Gedächtnis geblieben sein dürfte oder wie der General der Volksarmee 1987 in das Luft- und Raumfahrtszentrum des Klassenfeindes eingeladen wurde und Erich Honecker den Brief an Jähn persönlich absegnete, bevor der ihn auch nur in den Händen hatte.

Als Dankeschön gab es von den Südharzern ein Bild vom höchsten Punkt der Region, einen Brockenpass und die Aussicht auf ein Treffen mit "Brocken-Benno" (Foto: Angelo Glashagel) Als Dankeschön gab es von den Südharzern ein Bild vom höchsten Punkt der Region, einen Brockenpass und die Aussicht auf ein Treffen mit "Brocken-Benno"

Der Kosmonaut taugt aber nicht nur für den Blick in die Vergangenheit, auch die Moderne, die jüngere Generation, kann manchen Anküpfungspunkt finden. Was sich dieser Tage im Weltall tut, darauf hat Jähn auch heute noch einen Blick. Das neue Rennen im Weltraum ist für ihn ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite sieht der Kosmonaut ein erneutes Wettrüsten, einen Kampf um Vorherrschaft zwischen Mond und Mars. Auf der anderen Seite steht aber auch eine Chance als Menschheit zusammen zu kommen. "In ihrer ethischen Entwicklung ist die Menschheit immer noch primitiv. Die Wissenschaft bringt die Raumfahrt voran, aber nicht die Menschen", sagt Jähn, dabei wäre internationale Zusammenarbeit im Weltall besser und billiger als nationale Alleingänge oder private Vorstöße. Und die Zeichen das dass funktionieren kann gibt es, zwischen alten Feinden wie den Amerikanern und Russen und international in Form der ISS. "Das wäre ein Weg der zu gehen gut wäre", sagt Jähn, "wir brauchen Abrüstung, Frieden und Zusammenarbeit. Am Ende sitzen wir alle gemeinsam auf dieser Kugel".

Eingetragen (Foto: Stadtverwaltung Nordhausen) Vor dem Vortrag im Nordhäuser Bürgerhaus trug sich Sigmund Jähn in das Goldene Buch der Stadt Nordhausen ein

Er glaube nicht das die Menschheit bald ihre Zelte auf dem Mars aufschlagen werde, der Drang nach Erkenntnis und danach das mögliche auch zu tun, der wohne dem Menschen inne und der werde uns weiter ins All treiben.

Bleibt zu hoffen das noch mancher junge Astronaut in die Fußstapfen Sigmund Jähns tritt. Wer auch immer ihm noch folgen mag, er wird immer der Erste bleiben. Ein Stück Geschichte und ein Symbol nicht nur für die DDR oder Deutschland, sondern für den Forscherdrang der Menschheit und dem friedliches Streben nach neuen Horizonten.
Angelo Glashagel
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