Suchthilfezentrum bietet Unterstützung
Wieder normal Trinken – ist das möglich?
Montag, 28. Januar 2019, 12:33 Uhr
Kontrolliertes Trinken, ein Reizthema in der Suchthilfe. Ist es für einen alkoholabhängigen Menschen überhaupt möglich wieder kontrolliert Alkohol zu trinken? Seit einigen Jahren bietet das Suchthilfezentrum der Diakonie in Nordhausen einen Kurs zum kontrollierten Trinken an und hat Erfahrungen in der Praxis gesammelt...
Seit einigen Jahren gibt es eine verstärkte Diskussion zu diesem Thema, sowohl in der Wissenschaft, als auch in der praktischen Suchthilfe, sowie in den Betroffenen-Verbänden, wie z.B. dem Blauen Kreuz. Die Standpunkte reichen von völliger Ablehnung sich mit solchen Gedanken überhaupt auseinanderzusetzten bis hin zum euphorischen Zuspruch, nun endlich eine Methode zu haben, die das Alkoholtrinken wieder möglich macht.
Wie ist nun die Erfahrung aus der Praxis? Im Landkreis Nordhausen leben ca. 85 000 Personen. Wenn man die statistischen Zahlen der Suchtforschung zu Grunde legt, würde es bedeuten, dass allein in unserem Landkreis ca. 2900 Menschen unter einer Alkoholabhängigkeit leiden. Das heißt, diese Menschen haben die Kontrolle über ihr Trinkverhalten verloren, es ist ihnen auf Dauer nicht mehr möglich selbstbestimmt darüber zu entscheiden, ob sie Trinken oder wieviel Alkohol sie trinken.
Die Suchterkrankung ist wohl eine der am schwersten nachvollziehbaren Krankheiten überhaupt. Es ist einfach nicht zu verstehen, warum der oder die alkoholkranke Person nicht einfach Nein sagen kann, nicht einfach das zweite Bier, Wein, etc. stehen lassen kann.
Das wiederum führt dazu, dass die Suchterkrankung und der Suchtkranke stigmatisiert werden, Sucht eine Form von Willensschwäche, von Versagen. Der oder die Suchtkranke versuchen dann viele Jahre vergeblich das Problem in den Griff zu bekommen. Die Folgen für sie selber und ihre Familien sind dann gravierend.
Für diese Menschen ist es unserer Erfahrung nach zwingend, gänzlich auf Alkohol zu verzichten. Selbst wenn eine geringe Chance bestehen würde die Kontrolle zurückzugewinnen, das Risiko ist zu groß. Anders verhält es sich mit einer weiteren Konsumenten-Gruppe. Ungefähr 2700 Personen im Landkreis Nordhausen trinken missbräuchlich Alkohol.
Darunter versteht man, dass sie in gesundheitsgefährdendem Ausmaß Alkohol trinken und in der Regel auch schon negative Auswirkungen erlebt haben. Zum Beispiel gab es Streit in der Familie oder man ist schon mit Restalkohol Auto gefahren, auf der Arbeit gab es erste Auffälligkeiten, Freunde und Bekannte haben schon mal ein Wort über das zu viel Trinken verloren.
Auch hier ist es dringen geraten sein Trinken zu überprüfen und auf ein geringeres Niveau zu bringen. Die größte Gruppe ist noch gar nicht erwähnt. Ca. 12 000 Menschen trinken riskant, das heißt sie liegen über der Norm, die von der Weltgesundheitsorganisation als unproblematisch festgelegt wurde. Für Männer bedeutet es, sie trinken mehr als eineinhalb bis zwei Flaschen Bier am Tag. Für Frauen gilt immer die Hälfte dieser Konsummenge. Hier gibt es in der Regel keine Probleme, aber es ist medizinisch gesehen zu viel. Alkohol ist nun mal ein Zellgift und kein Nahrungsmittel.
Aber zurück zur Praxis. In den zurückliegenden Jahren konnten wir umfangreiche Erfahrungen machen, ob das von uns angebotene Programm zum kontrollierten Trinken etwas Positives bewirkt oder eher Menschen in Gefahr bringt und ihr Leiden verlängert.
Kurz und knapp kann man sagen, dass von den 50 Personen, die an diesem Programm teilgenommen haben, ein Drittel ihren Alkoholkonsum deutlich reduzieren konnte und dies auch über die Zeit stabil halten konnte. Ein weiteres Drittel hat feststellen müssen, dass es ihnen nicht gelingt, trotz der intensiven Begleitung und therapeutischer Unterstützung, ihren Konsum zu reduzieren. Für diese Gruppe stand am Ende fest, ganz auf Alkohol verzichten zu wollen. Einige beantragten dann im Verlauf der Begleitung eine stationäre Entwöhnungstherapie. Das übrige Drittel hat das Programm abgebrochen, ohne eine Änderung erreicht zu haben.
Zweidrittel konnten also durchaus profitieren, entweder weil sie ihre Ziele erreicht haben oder weil sie nun Klarheit bekommen haben wo sie stehen und sich entschieden haben ohne Alkohol zu leben – was allen Kritikern zum Trotz durchaus möglich ist. Mir ist jedenfalls niemand bekannt, der sein altes Leben zurück wollte. Aufgrund dieser Erfahrungen halten wir es für notwendig, dass sich die Angebote der Suchtberatungsstelle nicht nur auf die Abstinenz richten.
Aus unterschiedlichsten Gründen gibt es viele Menschen, dich nicht ganz auf Alkohol verzichten wollen aber trotzdem bereit sind ihr Trinken zu überprüfen und zu reduzieren. Um hier Unterstützung anbieten zu können bietet das Programm zum kontrollieren Trinken eine gute Hilfe.
Dirk Rzepus, Leiter Suchthilfezentrum der Diakonie in Nordhausen
Autor: redSeit einigen Jahren gibt es eine verstärkte Diskussion zu diesem Thema, sowohl in der Wissenschaft, als auch in der praktischen Suchthilfe, sowie in den Betroffenen-Verbänden, wie z.B. dem Blauen Kreuz. Die Standpunkte reichen von völliger Ablehnung sich mit solchen Gedanken überhaupt auseinanderzusetzten bis hin zum euphorischen Zuspruch, nun endlich eine Methode zu haben, die das Alkoholtrinken wieder möglich macht.
Wie ist nun die Erfahrung aus der Praxis? Im Landkreis Nordhausen leben ca. 85 000 Personen. Wenn man die statistischen Zahlen der Suchtforschung zu Grunde legt, würde es bedeuten, dass allein in unserem Landkreis ca. 2900 Menschen unter einer Alkoholabhängigkeit leiden. Das heißt, diese Menschen haben die Kontrolle über ihr Trinkverhalten verloren, es ist ihnen auf Dauer nicht mehr möglich selbstbestimmt darüber zu entscheiden, ob sie Trinken oder wieviel Alkohol sie trinken.
Die Suchterkrankung ist wohl eine der am schwersten nachvollziehbaren Krankheiten überhaupt. Es ist einfach nicht zu verstehen, warum der oder die alkoholkranke Person nicht einfach Nein sagen kann, nicht einfach das zweite Bier, Wein, etc. stehen lassen kann.
Das wiederum führt dazu, dass die Suchterkrankung und der Suchtkranke stigmatisiert werden, Sucht eine Form von Willensschwäche, von Versagen. Der oder die Suchtkranke versuchen dann viele Jahre vergeblich das Problem in den Griff zu bekommen. Die Folgen für sie selber und ihre Familien sind dann gravierend.
Für diese Menschen ist es unserer Erfahrung nach zwingend, gänzlich auf Alkohol zu verzichten. Selbst wenn eine geringe Chance bestehen würde die Kontrolle zurückzugewinnen, das Risiko ist zu groß. Anders verhält es sich mit einer weiteren Konsumenten-Gruppe. Ungefähr 2700 Personen im Landkreis Nordhausen trinken missbräuchlich Alkohol.
Darunter versteht man, dass sie in gesundheitsgefährdendem Ausmaß Alkohol trinken und in der Regel auch schon negative Auswirkungen erlebt haben. Zum Beispiel gab es Streit in der Familie oder man ist schon mit Restalkohol Auto gefahren, auf der Arbeit gab es erste Auffälligkeiten, Freunde und Bekannte haben schon mal ein Wort über das zu viel Trinken verloren.
Auch hier ist es dringen geraten sein Trinken zu überprüfen und auf ein geringeres Niveau zu bringen. Die größte Gruppe ist noch gar nicht erwähnt. Ca. 12 000 Menschen trinken riskant, das heißt sie liegen über der Norm, die von der Weltgesundheitsorganisation als unproblematisch festgelegt wurde. Für Männer bedeutet es, sie trinken mehr als eineinhalb bis zwei Flaschen Bier am Tag. Für Frauen gilt immer die Hälfte dieser Konsummenge. Hier gibt es in der Regel keine Probleme, aber es ist medizinisch gesehen zu viel. Alkohol ist nun mal ein Zellgift und kein Nahrungsmittel.
Aber zurück zur Praxis. In den zurückliegenden Jahren konnten wir umfangreiche Erfahrungen machen, ob das von uns angebotene Programm zum kontrollierten Trinken etwas Positives bewirkt oder eher Menschen in Gefahr bringt und ihr Leiden verlängert.
Kurz und knapp kann man sagen, dass von den 50 Personen, die an diesem Programm teilgenommen haben, ein Drittel ihren Alkoholkonsum deutlich reduzieren konnte und dies auch über die Zeit stabil halten konnte. Ein weiteres Drittel hat feststellen müssen, dass es ihnen nicht gelingt, trotz der intensiven Begleitung und therapeutischer Unterstützung, ihren Konsum zu reduzieren. Für diese Gruppe stand am Ende fest, ganz auf Alkohol verzichten zu wollen. Einige beantragten dann im Verlauf der Begleitung eine stationäre Entwöhnungstherapie. Das übrige Drittel hat das Programm abgebrochen, ohne eine Änderung erreicht zu haben.
Zweidrittel konnten also durchaus profitieren, entweder weil sie ihre Ziele erreicht haben oder weil sie nun Klarheit bekommen haben wo sie stehen und sich entschieden haben ohne Alkohol zu leben – was allen Kritikern zum Trotz durchaus möglich ist. Mir ist jedenfalls niemand bekannt, der sein altes Leben zurück wollte. Aufgrund dieser Erfahrungen halten wir es für notwendig, dass sich die Angebote der Suchtberatungsstelle nicht nur auf die Abstinenz richten.
Aus unterschiedlichsten Gründen gibt es viele Menschen, dich nicht ganz auf Alkohol verzichten wollen aber trotzdem bereit sind ihr Trinken zu überprüfen und zu reduzieren. Um hier Unterstützung anbieten zu können bietet das Programm zum kontrollieren Trinken eine gute Hilfe.
Dirk Rzepus, Leiter Suchthilfezentrum der Diakonie in Nordhausen
