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Januarveranstaltung in der Dichterstätte Sarah Kirsch

Leben als Hauptberuf

Montag, 21. Januar 2019, 07:13 Uhr
Leben und Werk des Dichters Matthias Claudius stehen am 26. Januar um 14:30 Uhr auf dem Programm der Dichterstätte in Limlingerode. Die Mitglieder des Fördervereins laden wie immer alle Interessierten dazu recht herzlich ein...


Matthias Claudius – sein Abendlied scheint heute berühmter als sein Dichter. Welch sinnreicher Bezug zu jenem Vers aus seinem Mondscheinlied: „Seht ihr den Mond dort stehen / er ist nur halb zu sehen...“. Matthias Claudius selbst ist heute wie der von ihm einst so sinnreich besungene Mond nur noch halb im Bewusstsein unseres Zeitgeistes präsent. Am kommenden Samstagnachmittag wollen wir deshalb unserem Publikum diese unbeleuchtete Seite seiner Sprachkunst vorstellen.

Geboren wurde der Dichter am 15. August 1740 als viertes Kind im Pfarrhaus zu Reinfelden. Sein Vater war in dem kleinen holsteinischen Ort Pastor. Das gesellschaftliche Umfeld und die heimische Natur werden für den Verlauf des Dichterlebens prägend. Da war einerseits die fromme Erziehung im Pfarrhaus und andererseits die dörfliche Natur mit ihrer anmutigen Gegend, die nicht nur seine Jugendjahre nachhaltig beeinflussten.

Nach dem Besuch der Plöner Lateinschule studiert er zunächst gemeinsam mit seinem Bruder Josias in Jena Theologie. Nach dem plötzlichen Tod des Bruders wechselt er jedoch das Fach und widmet sich Juristerei und Kameralistik. Vielleicht ist das geistig kulturelle Leben Jenas ein Grund dafür gewesen, dass sich Claudius nach seinem Studium mehr dem Dichterischen zugeneigt fühlte, statt in bürokratischen Amtsstuben einem faden Brotberuf nachzugehen. Erste Gehversuche, noch deutlich der Anakreontik verpflichtet, werden alsbald veröffentlicht.

Da er seinem Vater jedoch nicht länger finanziell zur Last fallen möchte, nimmt er eine Stelle als Privatsekretär beim Grafen Holstein an, die ihn 1764 für ein Jahr nach Kopenhagen führt. Die Stadt weitet seinen Horizont. Er schafft sich einen illustren Bekanntenkreis, lernt u.a. dort auch Klopstock kennen. Nach einer Leerzeit von fast drei Jahren passiert das Unerwartete, Matthias Claudius verirrt sich in einen Beruf. Er wird Journalist bei den Hamburger Adreß-, und Comptoir – Nachrichten, einem vordergründig informierenden Blatt mit Meldungen über Schifffahrt, Handel, Lotterie und Börse. Aber Claudius ließ es sich nicht nehmen, dem Ganzen eine persönliche Note hinzuzufügen, so dass die Leser beispielsweise an einem Montag im April erfuhren, dass gestern die erste Nachtigall geschlagen habe.

Es gelingt ihm, in das papierne Netzwerk der kalten Nüchternheiten einen literarischen Winkel zu etablieren, eine Art Feuilleton. Als er dann 1771 den Wandsbecker Boten herausgibt, kann er dort seinen dichterischen Ambitionen nachgehen und auch die schreibende Prominenz ist sich nicht zu schade am Profil der Zeitung mitzuwirken. Klopstock, Herder, Lessing, Goethe und Voß sind u. a. mit von der Partie. Aber leider, Weltläufigkeit und Lokales haben sehr wohl miteinander zu tun, sind aber häufig kein erfolgreiches Geschäftsmodell. Nach vier Jahren ist das Papier am Ende, nicht aber der Wandsbecker Bote, denn der ist jetzt Matthias Claudius selbst.

Sein Freund Hamann nennt ihn einen „micromegas“, also einen, der es versteht, im Kleinen das Große zu finden. Nach eigenem Rhythmus lässt er von sich hören. In acht Teilen veröffentlicht er über einen Zeitraum von 37 Jahren seine Werke, ist also Herausgeber und Autor in Personalunion. Dem albumartigen Aufbau des Asmus, wie er sein Opus und sich selbst nennt, liegt ein guter Plan zugrunde. Die Lektüre soll verblüffen, abwechslungsreich und launig sein, listig und lustig ihr Ziel verfolgen – kurz: eine kunstvolle Kunstlosigkeit.

Das Selbstverständliche kann wunderbar werden, das Beiläufige bemerkenswert. Es braucht gewöhnliche Worte um das Ungewöhnliche zu sagen. Die Ehe mit seiner 25 Jahre jüngeren Frau Rebecka war glücklich. Zwölf Kinder werden geboren, nicht alle überleben. Tod und Leben müssen erlebt werden. Nicht umsonst ziert das Titelblatt des Wandsbecker Boten der Knochenmann, Freund Hain (sic.), wie Claudius ihn liebevoll nennt. Am 21 Januar 1815 stirbt der Dichter in Hamburg, wo er bei seiner Tochter Caroline und seinem Schwiegersohn, dem Buchhändler und Verleger Friedrich Perthes, seine letzte Lebenszeit verbrachte.
Karin Kisker
Autor: red

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