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WINDRÄDER CONTRA NATURSCHUTZ

Betonkreise auch in Südharzer Wäldern?

Mittwoch, 09. Januar 2019, 08:00 Uhr
„Hambi bleibt!“ Unter diesem Motto machten Tausende Umweltaktivisten gegen die Pläne des Energieversorgers RWE mobil, der in Nordrhein-Westfalen rund 100 Hektar Wald für die Erweiterung eines Braunkohlentagebaus roden will. Für den Bau neuer Windräder drohen den Thüringer Wäldern womöglich auch Kahlschläge. Bleibt der Südharz verschont?

Windrad im Südharz (Foto: Angelo Glashagel)
Südharz. Im Koalitionsvertrag der Groko ist vereinbart, den Anteil erneuerbarer Energien am Stromverbrauch von derzeit rund 36 Prozent auf 65 Prozent bis zum Jahr 2030 zu erhöhen. Dazu soll neben der Photovoltaik vor allem die Windkraft noch stärker genutzt werden.

Windkraftfrei werden demnach immer weniger Landstriche. Schon Ende 2016 waren in Thüringen 78 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von 1138 Megawatt installiert.

Thüringen plant eine Verdreifachung der Vorratsflächen für Windparks. In Zahlen entspricht das 750 Windkraftanlagen. Da der Platz für neue Rotoren nicht unbegrenzt ist, beabsichtigt Rot-Rot-Grün sowohl den Wald als auch bestimmte Schutzgebiete für die Windkraft zu öffnen. Will man das gesetzte Ziel erreichen, sei das unerlässlich, sagt die Regierung. Der Grüne Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, wird deutlicher: Man müsse auch „schöne Landschaften mit Windrädern verändern.“ Drohen jetzt verstärkt Säge und Axt auch Wäldern vor unserer Haustür?

Gerd Thomsen, Leiter des Forstamtes Bleicherode, bestätigt, dass Thüringen Forst nicht alle Waldgebiete für Tabuzonen erklärt. Es betreffe vor allem ökologisch weniger wertvoller Wirtschaftswälder aus Fichten und Kiefern. Sein Staatsforst sei nicht betroffen, zeigte sich der Forstamtsleiter erfreut. Sven Pasemann vom Sachgebiet für neue Geschäftsfelder in Thüringen Forst, meint, dass von 15 für die Windkraft vorgesehenen Gebieten nur eine Fläche davon Wald sei.

Sowohl Thomsen als auch Pasemann betonen eine sorgfältige Prüfung und Abwägung allen Für und Wider, bevor Windräder, die immer gewaltigere Ausmaße annehmen, irgendwo installiert würden. Man solle sich, hebt Pasemann hervor, bei der Energiewende nicht nur auf die Windkraft konzentrieren, verstärkt auch auf Photovoltaik, Wasserkraft, Pumpspeicherwerke und andere Möglichkeiten. Beide Forstexperten teilen nur mit Vorbehalt die Meinung des Tübinger OB.

Wie sich die Zeiten ändern. Als noch die CDU im Land das Sagen hatte, waren Wälder für Windräder generell tabu. Der damalige zuständige Minister für Landwirtschaft und Forsten, Jürgen Reinholz, bezeichnete Rotoren in Wäldern gar als Kranichschredder, die vielen Vögeln den Tod brächten. In der Tat ist das so, wie heute nicht nur Ornithologen wissen. Ein weiterer Nachteil:

Das Bundesamt für Naturschutz geht davon aus, dass pro Windkraftmast eine Fläche von 0,2 bis 0,7 Hektar Wald verloren geht. Dabei gehe es nicht nur um Flächenversiegelung durch Fundamente, sondern auch um Zufahrtswege und Servicegebäude. Rechne man dies anhand der bekannten Ausbaupläne hoch, dann drohe Deutschland in den kommenden Jahren ein erheblicher Verlust an Waldflächen durch den Ausbau der Windkraft.

Energiewende contra Naturschutz? Hier Kompromisse zu finden, wird mit Sicherheit ein schwieriges Unterfangen. Das sieht auch Martin Taeger von der Naturschutzbehörde des Landkreises so. Es seien öffentlich-rechtliche Verfahren, in die er sich nicht einmische. Er sehe aber große Hürden, Ausnahmeregelungen für Windkraftanlagen in schönen Landschaften bzw. Naturschutzgebieten, die gesetzlich geschützt seien, zu erlangen. Der Erholungswert müsse in jedem Fall erhalten bleiben.
Kurt Frank
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