nnz-online
EINE FRAGE, DIE SICH LAUT STATISTIK ERGIBT:

Zappenduster ohne die Ärzte aus dem Ausland?

Freitag, 21. Dezember 2018, 11:00 Uhr
Kopfschütteln. Was fehlt eigentlich nicht alles in diesem Land? Jetzt mangelt es neben Pflegekräften, Personal in den Kitas, Polizisten, Fachleuten in Industrie und Gewerbe, Lehrern und Juristen auch noch an Berufskraftfahrern und an Köchen. Je 40000 sollen es sein...


Nordhausen. Bei allem Ungemach - die Aufzählung ist unvollständig. Ein weiteres Dauer-Klagethema: Ärztemangel! Praxen schließen. Auf dem Lande wird es immer bedenklicher. Kein Nachwuchs in Sicht. Wieso hört man da, wenn überhaupt, aus Krankenhäusern keine nennenswerten Klagen?

Woher kommt die verhaltene Zuversicht? Sie kommt aus dem Ausland. Jeder 7. Klinikarzt, errechnete die Bundesärztekammer, komme von dort. Die Quote betrage derzeit 14,6 Prozent. Das importierte Ärzte aus anderen Ländern den Betrieb an großen deutschen Kliniken am Laufen halten, ist längst zur Regel geworden und kein Geheimnis mehr.

Auch nicht am Südharz-Krankenhaus der Kreisstadt. Dort soll die Quote noch höher sein. Den Patienten kommt das zugute. Sie können sich darüber freuen. Die Klinikleitung hält sich bedeckt, hütet die Zahlen wie ein Geheimnis. Fakt ist: In sieben Jahren habe sich die Zahl ausländischer Ärzte in Deutschland verdoppelt. Es gebe Abteilungen, da habe nur der Chefarzt Deutsch als Muttersprache. Besonders aus dem osteuropäischen Markt frischen Krankenhäuser ihren Bedarf auf.

Für Baden-Württemberg besagt die Statistik der letzten Jahre: 560 Ärzte kamen aus Rumänien, 292 aus Griechenland, 230 aus Ungarn. Hinzu komme starker Zuwachs aus Flüchtlingsländern: 114 Syrer praktizieren inzwischen an baden-württembergischen Kliniken. 50 kamen 2017 hinzu. Weitere aus dem Irak und dem Jemen. Erfahren die ausländischen Mediziner nur eine Aus- und Weiterbildung in Deutschland? Gehen sie später in ihre Heimatländer zurück, um ihren Landsleuten zu helfen, die es bitter nötig haben? Oder ist es das „Goldene Kalb“, der Lockruf des Geldes, der sie für immer im gelobten Land bleiben lässt? Allgemeines Schweigen.

Frank Ulrich Montgomery, Chef der Bundesärztekammer in Berlin, sieht es so: „Wir können und sollten nicht versuchen, unser Fachkräfteproblem im ärztlichen Dienst durch Zuwanderung aus dem Ausland zu lösen.“ Montgomery sieht zum einen den großen Aufwand – Sprachbarrieren und hohen deutschen Standard für die Approbation – zum anderen ein politisches Problem: In den Herkunftsländern fehlten letztlich die Kollegen, was die ohnehin ungenügende medizinische Versorgung der Bevölkerung dort weiter verschlechtere. Der Chef der Bundesärztekammer fordert daher zusätzliche Studienplätze für Medizin und nennt eine Zahl: Tausend bundesweit!

Im Gegensatz zu anderen lautstark klagenden Branchen mangelt es an Bewerbungen für den Arztberuf nicht. Im Gegenteil! Auf einen Studienplatz kommen derzeit fünf Bewerber. Nach dem Abitur steht oft ein Studium an. Das für Medizin ist für viele Abiturientinnen und Abiturienten sehr verlockend. Aber immer dann, wenn an Universitäten oder Fachhochschulen Studiengänge mit dem Numerus clausus (NC) belegt sind, bedeutet das eingeschränkte Plätze.

Beschränkte Zulassungszahlen. Abiturienten mit dem Traumziel Mediziner werden über den Abi-Schnitt ermittelt und zugelassen. Ist der NC noch zeitgerecht? Das fragt sich jetzt auch das Bundesverfassungsgericht. Und verlangt Änderungen. Das Verfahren für die Studienvergabe sei zum Teil nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Bund und Länder müssten deshalb bis Ende 2019 die Auswahlkriterien neu regeln, die es neben der Abiturstufe gibt. Die Note soll nicht der einzige Faktor sein. Geklärt werden müsste zudem eine einheitliche Abitur-Regelung, die in den Ländern unterschiedlich ist. Ein Flickenteppich, wie einst die Kleinstaaterei.

Der Numerus clausus gehört abgeschafft, sagt auch der junge Allgemeinmediziner Dr. Sebastian Dreher, der die Praxis seines Vaters an der Geseniusstraße erst kürzlich offiziell übernommen hat. Sein Vater habe sehr gefreut, dass er nicht eine Stelle in einer Klinik antrat, wo er es leichter haben könnte. Montgomerys Forderungen sollten jetzt Taten folgen, betont der Arzt. Der Numerus clausus sei ein Hindernis für viele junge Menschen, die nach dem Abitur ein Medizinstudium anstreben.

Das sieht auch Hautarzt Dr. Thomas Lehner so, dessen Praxis sich an der Gerhart-Hauptmann-Straße befindet. Er gehe in wenigen Jahren in den Ruhestand. Nachfolge? Weit und breit nicht in Sicht. Er müsse dann wohl wie Kollege Dr. Nekwasil die Praxis schließen. Für die vielen Patienten wäre das ein Drama. Nach dem Studium werde es jungen Ärzten nach seiner Meinung nicht leicht gemacht, eine Praxis zu übernehmen oder eine zu gründen. So nehme auch die überbordende Bürokratie vielen jungen Ärzten die Lust. Leider übernehme sein Sohn später einmal die Praxis nicht.

Bislang ist es so: Wer Arzt werden will, braucht ein überdurchschnittlich gutes Abitur. Wer das nicht hat, kann Wartesemester in grauen Haaren zählen. Gewartet haben viele Anwärter sieben und mehr Jahre, ehe sie überhaupt einen Platz an einer Universität bekamen. Ein Abiturient mit der Note 2 müsse zwangsläufig kein schlechterer Mediziner werden als der mit 1 plus.

Erklärungsabsichten und Forderungen allein, ob von Montgomery oder Gesundheitsminister Spahn, bringen keinen Arzt mehr in die Praxen. Was macht eigentlich die Politik, um das Dilemma zu beheben? Sie steht daneben und versichert, was wir schon oft hörten: „Wir wollen!“, „Wir müssen!“, „Wir werden!“

Patienten hier in Nordhausen können, allgemein gesehen, mit der medizinischen Versorgung zufrieden sein. Viele langjährig praktizierende und verdienstvolle Ärzte gingen in der Rolandstadt zwar in den Ruhestand, doch Sohn oder Tochter übernahmen: Urologie Linder (Tochter und Sohn). Hautarztpraxis Wienrich (Sohn). Allgemeinmediziner Dreher (Sohn). Praxis Konschak (Sohn). Frauenarzt Höpker (Sohn). Vielleicht haben auch andere Mediziner das Glück auf Nachfolge. Womöglich auch Urologe Bauersfeld oder Dr. Haumer.

Dürfen künftige Patienten-Generationen hoffen: auf schnellen Nachwuchs bei Praxisschließungen, auf mehr Ärzte auf dem Land, auf kürzere Wartenzeiten auf einen Facharzttermin und auf weniger proppenvolle Wartezimmer? Man darf hoffen.
Kurt Frank
Autor: red

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de