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Aufschwung Ost nach Art des Hauses

Donnerstag, 13. September 2001, 10:07 Uhr
Nordhausen (nnz). Für die Vorstandsetage der Reemtsma Zigarettenfabriken GmbH scheint es bereits festzustehen: In Nordhausen wird das Traditionsunternehmen der Zigarettenindustrie geschlossen. Ein paar kleine Formalien sind noch mit dem Betriebsrat - der guten Form halber - zu regeln, aber dann geht's ran an's Plattmachen.


Das Makabere daran ist, dass diese Botschaft an dem Tag verkündet wurde, an dem vor genau elf Jahren, damals mit Beteiligung der Bundesprominenz, der Reemtsmakonzern mit lautem Getöse das Nordhäuser Traditionsunternehmen übernommen hat. Und heute? Heute begründet man mit simpler und einleuchtend wirkender Zahlenakrobatik, dass sich die ganze Sache mit den drei Produktionsstandorten nicht mehr rechne. Bleibt am Ende des Spieles mit den geduldigen Zahlen die Suche nach einem Standort, der geschlossen werden muss. Und ob man es wahr haben will oder nicht, der Osten muß mal wieder, wie kann es anders sein, für die Gesundung der altbundesdeutschen Wirtschaftsstandorte herhalten. Logisch, dass sich die Belegschaft gegen solche Pläne zur Wehr setzt.

Man will, nein man muss den Traditionsstandort der Tabak- und Zigarettenbranche in Nordhausen erhalten. Gestern, unmittelbar nach der Pressekonferenz in der NORTAK GmbH bekam die Belegschaft Unterstützung. Unterstützung, die dringend gebraucht wird. Landrat Joachim Claus und der Referatsleiter Ludwig aus dem Thüringer Wirtschaftsministerium besuchten das Unternehmen und sprachen mit der Belegschaft und mit den Vertretern des Reemtsmavorstandes. Gegenüber dem Vorstand machte Referatsleiter Ludwig deutlich, dass es die Landesregierung nicht zulassen werde, dass in Nordhausen die Zigarettenproduktion eingestellt werde. Die Landesregierung sei fest entschlossen, den Standort zu erhalten ob mit oder ohne die Reemtsma GmbH. Er baute sogar den Vorstandsmitgliedern eine Brücke, indem er mit Hilfe der Fördermöglichkeiten des Freistaates die Entwicklung der Nordhäuser Firma zu einem hochmodernen Produktionsstandort anbot. Um die Ernsthaftigkeit dieses Angebotes zu unterstreichen, werden der Wirtschaftsminister Schuster und sein Referatsleiter heute nach Hamburg fliegen, um den Erhalt des Standortes Nordhausen einzufordern.

Landrat Joachim Claus brachte es dann auf den Punkt. So sehr auch die wirtschaftlichen Aspekte, und nur diese, von Reemtsma in den Vordergrund gespielt werden: die politischen Konsequenzen, die sich aus einer Schließung des Nordhäuser Werkes für Reemtsma ergeben, liegen auf der Hand. Seit 1990, so Landrat Claus, haben bereits 7.000 Menschen den Landkreis Nordhausen in Richtung alte Bundesländer verlassen. Das Angebot von Reemtsma, die 230 Mitarbeiter aus Nordhausen in Hannover und Berlin zu übernehmen, unterstützt diesen negativen Trend. Wenn man alle Mitarbeiter übernehmen will, warum bleibt man dann nicht am Standort Nordhausen? Warum will man den Betrieb schließen und dann die Immobilie veräußern, an wen auch immer? Gegenwärtig sieht der Landrat in der Unternehmensphilosophie von Reemtsma einen Trugschluss. Die Zigarettenmarken "Cabinett" und "Duett" werden vorrangig von den ostdeutschen Rauchern gekauft, weil es Produkte sind, die in unserer Region hergestellt wurden.

Und da ist auch etwas dran. Reemtsma wird sicher keine Umsatzsteigerungen in der Weise erreichen, wenn sie gestandene ostdeutsche Produkte, auf Grund von Stillegung des Ursprungswerkes dieser Marken in Thüringen von altbundesdeutschen Betrieben herstellen lassen.

Auch das Angebot der Übernahme des Personales ist wohl mehr der sozialen Beruhigung des Reemtsmavorstandes geschuldet. Man macht schlichtweg ein Angebot und wer es nicht annimmt, der ist halt draußen. So einfach gestaltet sich der "Abbau Ost". Joachim Claus ist sich nach dem geführten Gespräch sicher, dass alle politisch Verantwortlichen in der Stadt und dem Landkreis Nordhausen ihre Kräfte bündeln werden, um mit der Unterstützung der Landesregierung und wenn es sein muss auch mit Unterstützung des Bundes um den Erhalt des Tabakstandort Nordhausen kämpfen werden.
Autor: nnz

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