THüringer Engagement-Preis
Großer Preis für kleinen Verein
Montag, 03. Dezember 2018, 14:51 Uhr
Am Freitag verlieh die Thüringer Ehrenamtsstiftung zum fünften Mal den Engagement-Preis des Freistaates. Der mit insgesamt 25.000 Euro dotierte Preis ist der größte Preis seiner Art in Thüringen und würdigt herausragendes freiwilliges bürgerschaftliches Engagement. Ein Preis ging in den Landkreis Nordhausen...
5.000 Euro für den Kirchenbauverein Wülfingerode (Foto: privat/Ehrenamtsstiftung)
Der Preis wird ausgelobt in den Kategorien Senioren, Einzelperson, Vereine, Unternehmen und Jugend und spiegelt somit die verschiedenen Lebensbereiche und Personenkreise unserer Gesellschaft wider. Jede Preisbegründung beschreibt eine ganz besondere Leistung und einen ganz besonderen Menschen.
Der Preis in der Kategorie Vereine ging in diesem Jahr an den Kirchenbauverein Wülfingerode. In der Laudatio dazu hieß es: Wanderer, kommst du nach Wülfingerode... dieser Satz hätte vor Zeiten als Klagelied geendet: Wanderer, kommst du nach Wülfingerode, so erblickst du dort im schönen Tal der Wipper eine alte Dorfkirche im Verfall: der Dachstuhl stark beschädigt, das Dach undicht, Schwamm, Holzwurm und Mauerrisse überall, Elektrik und Regenwasserleitungen defekt, Fußböden, Treppen und Fenster kaputt, die Orgel in desolatem Zustand. Eine rundum traurige Erscheinung. Und heute?
Wanderer, kommst du nach Wülfingerode, so erblickst du eine Kirche, deren Schönheit dich überraschen und beeindrucken wird. Zierde statt Zerfall. Es glänzt nicht mehr nur allein der 1684 für Hans von Bodenhausen gefertigte "Goldene Sarg", der als kostbares Zeugnis meisterlicher Handwerkskunst in der Kirche zu besichtigen ist.
Die erstaunliche Wende zum Guten hat ein Datum, den 22. Oktober 1997. An diesem Mittwoch vor 21 Jahren wurde eine Idee von Dagmar Becker und Holger Kaffka Wirklichkeit. Im alten Wülfingeröder Dorfgemeinschaftshaus versammelten sich 20 tatkräftige Bürger und gründeten einen Verein, um das Gotteshaus und bekannte Kulturdenkmal St. Elisabeth zu retten. "Lasst doch die Kirche im Dorf!" sprach Pfarrer Kaffka. Seine Aufforderung, die nicht nur den Kirchgängern im Ort galt, wurde zum geflügelten Wort des Vereins.
Was dann geschah, die unzähligen mühsamen kleinen Schritte auf dem Weg zum großen Ziel, kann man in der Vereinschronik nachlesen. Offensichtlich hatten die Gründer damals einen Nerv getroffen, im Dorf und darüber hinaus. Viele fühlten sich angesprochen, wollten mittun. Chöre sangen für das Projekt, Spendensammler gingen von Haus zu Haus und fanden offenen Türen, freiwillige Feuerwehrleute und Kirmesburschen halfen. Und natürlich erkundete man auch mögliche Fördergelder.
1998 wurde der erste Bauabschnitt eingeläutet: die Sanierung des Kirchturms. Heute ist die gesamte Kirche und ihr Umfeld in einem guten Zustand. Das betrifft ebenso die Knauf-Orgel, zu deren Restaurierung die Vereinsaktion "948 Pfeifen suchen einen Paten" entscheidend beitrug. Nicht zuletzt sind die Heimatstube im Pfarrhaus oder das Lutherzimmer unbedingt erwähnenswert.
Die Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete Kirche erlebt also im 21. Jahrhundert eine neue Blütezeit. Sie ist wie erhofft im Dorf geblieben, auch als sein kultureller Mittelpunkt. Die Veranstaltungen gehören zu den Höhepunkten des Dorflebens. Längst weiß hier jeder: Wo etwas Interessantes und Wichtiges im Dorf und für das Dorf geschieht, da sind die Mitglieder des Kirchenbauvereins nicht weit.
Für den Bürgermeister der Gemeinde Sollstedt, deren Ortsteil Wülfingerode ist, liegt das Erfolgsgeheimnis auf der Hand: Dieser Verein schafft es nicht nur, die Einwohner immer wieder für die Mithilfe zu begeistern, sondern es gelingt ihm vorbildlich, die große Kraft der Vereine im Ort für ein gemeinsames Handeln zu bündeln. So überwindet man leichter Hürden, erreicht mehr und festigt den Zusammenhalt.
Natürlich scheint auch in Wülfingerode nicht ständig die Sonne. Es gab Rückschläge, unerwartete Hemmnisse, Unwetterschäden, Ärger mit Behörden. Aber am Ende setzten sich Beharrlichkeit, Kreativität und Mut durch.
Wer die Kirche im Dorf lässt, der sollte zugleich über den eigenen Kirchturm schauen. Genau das tut der Verein. Eines seiner neuen Ziele ist es deshalb, in Wülfingerode ein Informationszentrum für die Nordthüringer Kirchenbauvereine aufzubauen, um den großen Erfahrungsschatz zu nutzen. Außerdem startet in Zusammenarbeit mit Thüringens Imkerverband das Schulprojekt "Bienen-Kirche". Umtriebige Vereine wie diesen in Wülfingerode und einen so engagierten langjährigen Vorsitzenden wie Stephan Domann wünscht sich wohl jeder Ort.
Insgesamt gaben im Vorfeld der Preisverleihung rund 13.500 Bürgerinnen und Bürger in einem Internet-Voting ihre Stimme für die Nominierten ab. Das Ergebnis wurde in der Preisverleihung am vergangenen Freitag im Collegium Maius in Erfurt feierlich verkündet.
Autor: red
5.000 Euro für den Kirchenbauverein Wülfingerode (Foto: privat/Ehrenamtsstiftung)
Der Preis wird ausgelobt in den Kategorien Senioren, Einzelperson, Vereine, Unternehmen und Jugend und spiegelt somit die verschiedenen Lebensbereiche und Personenkreise unserer Gesellschaft wider. Jede Preisbegründung beschreibt eine ganz besondere Leistung und einen ganz besonderen Menschen.
Der Preis in der Kategorie Vereine ging in diesem Jahr an den Kirchenbauverein Wülfingerode. In der Laudatio dazu hieß es: Wanderer, kommst du nach Wülfingerode... dieser Satz hätte vor Zeiten als Klagelied geendet: Wanderer, kommst du nach Wülfingerode, so erblickst du dort im schönen Tal der Wipper eine alte Dorfkirche im Verfall: der Dachstuhl stark beschädigt, das Dach undicht, Schwamm, Holzwurm und Mauerrisse überall, Elektrik und Regenwasserleitungen defekt, Fußböden, Treppen und Fenster kaputt, die Orgel in desolatem Zustand. Eine rundum traurige Erscheinung. Und heute?
Wanderer, kommst du nach Wülfingerode, so erblickst du eine Kirche, deren Schönheit dich überraschen und beeindrucken wird. Zierde statt Zerfall. Es glänzt nicht mehr nur allein der 1684 für Hans von Bodenhausen gefertigte "Goldene Sarg", der als kostbares Zeugnis meisterlicher Handwerkskunst in der Kirche zu besichtigen ist.
Die erstaunliche Wende zum Guten hat ein Datum, den 22. Oktober 1997. An diesem Mittwoch vor 21 Jahren wurde eine Idee von Dagmar Becker und Holger Kaffka Wirklichkeit. Im alten Wülfingeröder Dorfgemeinschaftshaus versammelten sich 20 tatkräftige Bürger und gründeten einen Verein, um das Gotteshaus und bekannte Kulturdenkmal St. Elisabeth zu retten. "Lasst doch die Kirche im Dorf!" sprach Pfarrer Kaffka. Seine Aufforderung, die nicht nur den Kirchgängern im Ort galt, wurde zum geflügelten Wort des Vereins.
Was dann geschah, die unzähligen mühsamen kleinen Schritte auf dem Weg zum großen Ziel, kann man in der Vereinschronik nachlesen. Offensichtlich hatten die Gründer damals einen Nerv getroffen, im Dorf und darüber hinaus. Viele fühlten sich angesprochen, wollten mittun. Chöre sangen für das Projekt, Spendensammler gingen von Haus zu Haus und fanden offenen Türen, freiwillige Feuerwehrleute und Kirmesburschen halfen. Und natürlich erkundete man auch mögliche Fördergelder.
1998 wurde der erste Bauabschnitt eingeläutet: die Sanierung des Kirchturms. Heute ist die gesamte Kirche und ihr Umfeld in einem guten Zustand. Das betrifft ebenso die Knauf-Orgel, zu deren Restaurierung die Vereinsaktion "948 Pfeifen suchen einen Paten" entscheidend beitrug. Nicht zuletzt sind die Heimatstube im Pfarrhaus oder das Lutherzimmer unbedingt erwähnenswert.
Die Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete Kirche erlebt also im 21. Jahrhundert eine neue Blütezeit. Sie ist wie erhofft im Dorf geblieben, auch als sein kultureller Mittelpunkt. Die Veranstaltungen gehören zu den Höhepunkten des Dorflebens. Längst weiß hier jeder: Wo etwas Interessantes und Wichtiges im Dorf und für das Dorf geschieht, da sind die Mitglieder des Kirchenbauvereins nicht weit.
Für den Bürgermeister der Gemeinde Sollstedt, deren Ortsteil Wülfingerode ist, liegt das Erfolgsgeheimnis auf der Hand: Dieser Verein schafft es nicht nur, die Einwohner immer wieder für die Mithilfe zu begeistern, sondern es gelingt ihm vorbildlich, die große Kraft der Vereine im Ort für ein gemeinsames Handeln zu bündeln. So überwindet man leichter Hürden, erreicht mehr und festigt den Zusammenhalt.
Natürlich scheint auch in Wülfingerode nicht ständig die Sonne. Es gab Rückschläge, unerwartete Hemmnisse, Unwetterschäden, Ärger mit Behörden. Aber am Ende setzten sich Beharrlichkeit, Kreativität und Mut durch.
Wer die Kirche im Dorf lässt, der sollte zugleich über den eigenen Kirchturm schauen. Genau das tut der Verein. Eines seiner neuen Ziele ist es deshalb, in Wülfingerode ein Informationszentrum für die Nordthüringer Kirchenbauvereine aufzubauen, um den großen Erfahrungsschatz zu nutzen. Außerdem startet in Zusammenarbeit mit Thüringens Imkerverband das Schulprojekt "Bienen-Kirche". Umtriebige Vereine wie diesen in Wülfingerode und einen so engagierten langjährigen Vorsitzenden wie Stephan Domann wünscht sich wohl jeder Ort.
Insgesamt gaben im Vorfeld der Preisverleihung rund 13.500 Bürgerinnen und Bürger in einem Internet-Voting ihre Stimme für die Nominierten ab. Das Ergebnis wurde in der Preisverleihung am vergangenen Freitag im Collegium Maius in Erfurt feierlich verkündet.
