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Brecht war da!

Samstag, 12. Februar 2005, 13:21 Uhr
Nordhausen/Rudolstadt (nnz). Was kann uns der Kommunist und Dramatiker Bertolt Brecht heute noch sagen? Der hat doch mit seiner didaktischen Dialektik auf der ganzen Linie verloren, wie die Weltgeschichte uns zeigt. Oder? Das Rudolstädter Schauspielensemble ging der Frage nach und stellte gestern Abend im Nordhäuser Theater erstmalig seinen Lösungsansatz vor.



Brecht war da! (Foto: nnz) Brecht war da! (Foto: nnz) Und der war vor allem eins: frei von Didaktik und erhobenem Zeigefinger. Regisseur Christoph Brück vertraute die Geschichte einem spielfreudigen Ensemble an, das sich im schlichten, aber sehr funktionalen Bühnenbild von Karola Hupfer mit phantasievollen Kostümen (Heinz-Dieter Ruhland) äußerst wohl fühlte. Die Parabel „Der gute Mensch von Sezuan“ erzählt in einer Phantasiewelt von den Mühen der Götter, auch nur einen einzigen guten Menschen auf der Erde zu finden. Und um es vorweg zu nehmen – sie finden keinen.

Ihre einzige Hoffnung, die Prostituierte Shen Te wird in ihrer Gutherzigkeit so gnadenlos von ihren Mitmenschen ausgeplündert, dass sie sich in die Rolle ihres eigenen Vetters rettet, den sie als skrupellosen und unnachgiebigen Geschäftsmann gibt; kompromisslos den Blick auf seinen und seiner Cousine eigenen Vorteil richtet. Kurz gesagt: ein Kapitalist. Katja Szigethy spielt diese Doppelrolle überzeugend und jederzeit glaubhaft, so wie vom ganzen Ensemble gesagt werden muss, dass es ein so erfreulich hohes schauspielerisches Niveau aufweist, wie es in Nordhausen schon seit einigen Jahren nicht mehr zu sehen war.

Am Ende scheitert Shen Te, schwanger und von allen allein gelassen. Den wirklich didaktischen brechtschen Epilog erspart uns die Inszenierung gnädigerweise.

Aber ob es die verlotterte Familie arbeitsscheuer Subjekte ist, die mondäne Hausbesitzerin (Ute Schmidt), der dienstfertige Polizist (Johannes Arpe) oder der bigotte Barbier Shu Fu (René Laier); sie alle verteidigen ihre Figuren, die auf dem schmalen Grat zwischen Brechtschen Karikaturen und naturalistischer Menschendarstellung wandeln.

Ein Schelm, wer Absicht dahinter vermutet, dass gerade eine Parabel ausgesucht wurde, die im ach so aufstrebenden China spielt. Schnell hätte man hier Anklage erheben können gegen den Frühkapitalismus, der sich unter dem Deckmantel der so genannten Globalisierung im Land der Mitte auf unvorstellbar brutale und arbeitsplatzvernichtende Weise austobt. Oder man hätte die desinteressierten Götter den Politikern gleichstellen können. Einer von ihnen sagt unter dem Gelächter des Premierenpublikums trocken: „In das Wirtschaftliche können wir uns nicht einmischen“. Aber die Rudolstädter Inszenierung macht es dem Zuschauer nicht so leicht. Er soll sich selbst was denken! Und das führt uns zu Brecht zurück, der genau das von den Zuschauern erwartet hatte.

Georg Hensel, einer der größten bundesdeutschen Theaterkritiker hat über dieses Stück in einer anderen Wirklichkeit (in den 1970er Jahren) einmal geäußert: „Brecht, dem Schulmeister, hat die wirtschaftliche Entwicklung vielerorts die Note >ungenügend< erteilt. Dort fasziniert allein Brecht, der Theatermann: den Satten sind von seinem sozialkritischen Mantel- und Degenstück nur noch Mantel und Degen interessant.“

Diese Aussage muss wohl für 2005 revidiert werden, denn so aktuell wie heute war Brechts scharfe Kapitalismuskritik schon lange nicht mehr.

Olaf Schulze
Autor: osch

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