Ausstellung zum Todestag der Königin Mathilde
Gedenket sorgsam dieses Ortes
Freitag, 05. Oktober 2018, 22:00 Uhr
Vor 1050 Jahren wurde eine Größe ihrer Zeit zu Grabe getragen, Königin Mathilde, Gemahlin des ersten deutschen Königs Heinrich I. Die Mutter der späteren Reichsstadt Nordhausen ehrte man heute mit einer Ausstellung zu ihrem Leben und Wirken. Zur Eröffnung befasste man sich dabei auch damit, wie die hohen Damen und Herren damals Politik gemacht haben und was das für den familiären Haussegen bedeuten konnte...
1050 Jahre tot und immer noch verehrt - eine neue Ausstellung befasst sich jetzt mit dem Leben und Wirken der Königin Mathilde (Foto: Angelo Glashagel)
Dort wo sich heute die Mauern des Doms erheben, da legte einst der Vater des ersten deutschen Königs den Grundstein für eine Wehranlage, die sein Sohn Heinrich I., bald König des ostfränkischen Reiches, fertig stellen sollte. Dem Gründervater stand damals auch eine Gründermutter zur Seite. Es war Königin Mathilde, die mit der Einrichtung eines Damenstiftes den Grundstein für die weitere Entwicklung des Fleckens am Südharzrand legen sollte.
Es war nicht die einzige fromme Stiftung, mit der sich die Königin ihren Platz in der deutschen Geschichte sicherte, auch in Enger, Pöhlde und Quedlinburg hinterließ sie deutliche Spuren, welche für die weitere Entwicklung der Orte von Bedeutung sein sollten.
Mitgefühl und Menschlichkeit, das Maß halten an sich selbst, aber auch der Stolz auf das Erreichte, das habe Mathilde in ihren Augen ausgemacht, sagte Hannelore Müller heute im Mathildenkostüm. Der Wunsch der Königin, jungen Mädchen und Frauen Erziehung und Bildung angedeihen zu lassen, habe die Entwicklung Nordhausens erst möglich gemacht.
Ähnlich lobende Worte fanden schon Mathildes Zeitgenossen. Einige der bedeutendsten Geschichtsschreiber des frühen Mittelalters haben sich mit dem Leben und Wirken der Herrin befasst, alle sprechen sie mit Bewunderung und Ehrfurcht von der Königin, sei es nun Widukind von Corvey, Thietmar von Merseburg oder Liuprand von Cremona. Eifriger als jeder andere sei sie gewesen, Gäste habe sie stets freigiebig behandelt und den Armen die Hände geöffnet, ohne dabei die Würde der Königin einzubüßen. Die Zeit reiche nicht, alle ihre Tugenden aufzuzählen, schreibt etwa Widukind von Corvey.
1050 Jahre tot und immer noch verehrt - eine neue Ausstellung befasst sich jetzt mit dem Leben und Wirken der Königin Mathilde (Foto: Angelo Glashagel)
Ein Überschwang an Lob für die hohen Herren und ihre Damen war im Mittelalter derweil keine Besonderheit. Die schöne Prosa von den tatsächlichen Geschehnissen zu trennen und sich der geschichtlichen Wahrheit anzunähern, das ist die Aufgabe des Historikers. Die deutsche Koryphäe auf dem Gebiet der Ottonen ist hier Prof. Dr. Gerd Althoff von der Universität Münster. Aus seiner Feder stammt die aktuelle Ausstellung in der Stadtbibliothek und der Historiker ließ es sich am Abend nicht nehmen, zu Mathilde und ihrem Bezug zu Nordhausen ausgiebig zu referieren.
Aber warum? Was war an Nordhausen so anders als an Pöhlde oder Quedlinburg? Sicher, hier hatte sie zwei ihrer Kinder zur Welt gebracht, den jüngeren Sohn Heinrich, vielleicht, so lassen es einige Quellen vermuten, der besondere Liebling der Königin und ihre Tochter Geberga.
Dem Historiker reicht einfache Sentimentalität als Erklärung nicht aus, blickt man tiefer in die politische Geschichte der Ottonen, zeigt sich im Hintergrund der harte, politische Alltag des ersten deutschen Königshauses.
Von ihrem Mann Heinrich I. hatte Mathilde unter anderem auch Nordhausen als "Wittum", als Witwengeschenk erhalten, mit dessen Einkünften sie nach dem Ableben des Gemahls ein auskömmliches und standesgemäßes Leben führen können sollte. Wie auch in ihren anderen Besitztümern schuf die Königin besagte fromme Stifte und rang dem Gatten wie dem Sohn das Versprechen ab, den Bestand ihrer Gründungen über ihren Tod hinaus zu erhalten.
Nur hätte sie das wahrscheinlich, juristisch betrachtet, gar nicht gedurft, denn Nordhausen wie auch die anderen Wittumsgüter waren nur zu Lebzeiten ihr Eigen und eigentlich Besitz der Krone. Besitz den ein junger Regent einsetzen mochte um die eigene Königin zu beschenken, etwa Theophanu, die Prinzessin aus dem fernen Byzanz die Otto II. ehelichte, oder Kunigunde, die Frau Heinrichs II.
Und siehe da, zwei der primären Quellen für das Leben und Wirken der Königin Mathilde, zwei "Viten" oder "Lebensbeschreibungen" richten sich an eben jene Herrscher. Schon das es zwei dieser Werke gibt, sei außerhalb der Norm, berichtete Prof. Althoff zur Ausstellungseröffnung und beide konzentrieren sich sehr auf Mathildes Sorge um Nordhausen. Interessant auch: während sich die "Vita", die sich an Otto II. richtet, sich kaum mit dem Verhältnis von Mathilde und ihrem jüngeren Sohn Heinrich befasst, den Bayernherzog gar nur mit einem Satz erwähnt, befasst sich die spätere Vita mit dem Adressaten Heinrich II. weit ausführlicher mit diesem Zweig der Familie und seinen vermeintlichen Tugenden.
Die frommen Werke der Königinmutter und ihrer Kinder waren nämlich keinesfalls unumstritten. Die caritativen Einrichtungen wie die Mathildes, insbesondere die Armenspeisung, waren schon damals eine kostspielige Angelegenheit. Und auch Otto der Große versuchte sich mit eigenen Bistumsgründungen hervorzutun, sehr zum Leidwesen der etablierten Geistlichkeit. Dem Bistum Halberstadt etwa nahm der König ein Drittel seiner Einkünfte um sein neues Bistum in Magdeburg zu etablieren, damals ein politischer Skandal, der heute wohl manche Titelseite geziert hätte. Ein ähnliches Schicksal mag man auch in Nordhausen befürchtet haben.
In die gleiche Zeit fallen auch die frommen Aktivitäten Mathildes, die ihrem Sohn ein Dorn im Auge gewesen sein mögen. Der familiäre Streit ging soweit, dass die Mutter eine Zeit lang in das Exil ihrer alten heimischen Güter verbannt wurde. Man vertrug sich wieder und die Mutter schaffte es dem König mit viel flehen und bitten den weiteren Erhalt des Nordhäuser Stiftes abzuringen, "gedenket sorgsam dieses Ortes", soll sie ihm ins Gewissen geredet haben, heißt in einer ihrer Viten.
Ob es das beherzte Drängen der alten Mutter auf ihren Sohn war, oder allein der Griff zur Feder, der Nordhausen das weiterbestehen sicherte, mag heute fraglich sein und bleiben. Sicher ist jedoch das es weiterging mit Mathildes jüngster Gründung. Im Gedächtnis der inzwischen mehr als tausendjährigen Stadt ist die Szene zwischen Mathilde und Otto bis heute geblieben. 1912 ließ man sie vom Künstler Hans Loschen auf Leinwand bannen. Das Original verbrannte wie so vieles während der Zerstörung der Stadt im zweiten Weltkrieg. Im Jahr 2000 ließ man es wieder auferstehen und aus alten Fotografien neu kreieren. Auch damals war es die Mitglieder des Vereins für lebendiges Mittelalter, der sich für das Gedenken an "ihre" Königin stark gemacht hatten. Das großformatige Bild, das sonst im Rathaus hängt, kann man aktuell auch in der Bibliothek bewundern, direkt neben der Ausstellung zum Leben der Stadtmutter Mathilde.
Angelo Glashagel
Autor: red
1050 Jahre tot und immer noch verehrt - eine neue Ausstellung befasst sich jetzt mit dem Leben und Wirken der Königin Mathilde (Foto: Angelo Glashagel)
Dort wo sich heute die Mauern des Doms erheben, da legte einst der Vater des ersten deutschen Königs den Grundstein für eine Wehranlage, die sein Sohn Heinrich I., bald König des ostfränkischen Reiches, fertig stellen sollte. Dem Gründervater stand damals auch eine Gründermutter zur Seite. Es war Königin Mathilde, die mit der Einrichtung eines Damenstiftes den Grundstein für die weitere Entwicklung des Fleckens am Südharzrand legen sollte.
Es war nicht die einzige fromme Stiftung, mit der sich die Königin ihren Platz in der deutschen Geschichte sicherte, auch in Enger, Pöhlde und Quedlinburg hinterließ sie deutliche Spuren, welche für die weitere Entwicklung der Orte von Bedeutung sein sollten.
Die Wohltäterin
In Nordhausen wird die Königin bis heute verehrt, nicht umsonst treten Hannelore Müller vom Verein für lebendiges Mittelalter und ihr Gemahl immer wieder als altes Herrscherpaar auf. Es ist dem Verein und der Unterstützung der Stadtverwaltung zu verdanken, dass man die Ausstellung "Königin Mathilde - Leidenschaft für fromme Werke", seit heute in der Stadtbibliothek erkunden kann.Mitgefühl und Menschlichkeit, das Maß halten an sich selbst, aber auch der Stolz auf das Erreichte, das habe Mathilde in ihren Augen ausgemacht, sagte Hannelore Müller heute im Mathildenkostüm. Der Wunsch der Königin, jungen Mädchen und Frauen Erziehung und Bildung angedeihen zu lassen, habe die Entwicklung Nordhausens erst möglich gemacht.
Ähnlich lobende Worte fanden schon Mathildes Zeitgenossen. Einige der bedeutendsten Geschichtsschreiber des frühen Mittelalters haben sich mit dem Leben und Wirken der Herrin befasst, alle sprechen sie mit Bewunderung und Ehrfurcht von der Königin, sei es nun Widukind von Corvey, Thietmar von Merseburg oder Liuprand von Cremona. Eifriger als jeder andere sei sie gewesen, Gäste habe sie stets freigiebig behandelt und den Armen die Hände geöffnet, ohne dabei die Würde der Königin einzubüßen. Die Zeit reiche nicht, alle ihre Tugenden aufzuzählen, schreibt etwa Widukind von Corvey.
1050 Jahre tot und immer noch verehrt - eine neue Ausstellung befasst sich jetzt mit dem Leben und Wirken der Königin Mathilde (Foto: Angelo Glashagel)
Ein Überschwang an Lob für die hohen Herren und ihre Damen war im Mittelalter derweil keine Besonderheit. Die schöne Prosa von den tatsächlichen Geschehnissen zu trennen und sich der geschichtlichen Wahrheit anzunähern, das ist die Aufgabe des Historikers. Die deutsche Koryphäe auf dem Gebiet der Ottonen ist hier Prof. Dr. Gerd Althoff von der Universität Münster. Aus seiner Feder stammt die aktuelle Ausstellung in der Stadtbibliothek und der Historiker ließ es sich am Abend nicht nehmen, zu Mathilde und ihrem Bezug zu Nordhausen ausgiebig zu referieren.
Ottonische Familienpolitik am Harzrand
In den letzten Jahren ihres Lebens lag Mathilde besonders ihre jüngste Gründung, der Damenstift zu Nordhausen, besonders am Herzen. Während über ihr Leben während der Regenschaft ihres Gatten kaum etwas bekannt ist, befassen sich die historischen Quellen eingehend mit dem Wirken der Königinnenwitwe und ihren Sorgen um Nordhausen.Aber warum? Was war an Nordhausen so anders als an Pöhlde oder Quedlinburg? Sicher, hier hatte sie zwei ihrer Kinder zur Welt gebracht, den jüngeren Sohn Heinrich, vielleicht, so lassen es einige Quellen vermuten, der besondere Liebling der Königin und ihre Tochter Geberga.
Dem Historiker reicht einfache Sentimentalität als Erklärung nicht aus, blickt man tiefer in die politische Geschichte der Ottonen, zeigt sich im Hintergrund der harte, politische Alltag des ersten deutschen Königshauses.
Von ihrem Mann Heinrich I. hatte Mathilde unter anderem auch Nordhausen als "Wittum", als Witwengeschenk erhalten, mit dessen Einkünften sie nach dem Ableben des Gemahls ein auskömmliches und standesgemäßes Leben führen können sollte. Wie auch in ihren anderen Besitztümern schuf die Königin besagte fromme Stifte und rang dem Gatten wie dem Sohn das Versprechen ab, den Bestand ihrer Gründungen über ihren Tod hinaus zu erhalten.
Nur hätte sie das wahrscheinlich, juristisch betrachtet, gar nicht gedurft, denn Nordhausen wie auch die anderen Wittumsgüter waren nur zu Lebzeiten ihr Eigen und eigentlich Besitz der Krone. Besitz den ein junger Regent einsetzen mochte um die eigene Königin zu beschenken, etwa Theophanu, die Prinzessin aus dem fernen Byzanz die Otto II. ehelichte, oder Kunigunde, die Frau Heinrichs II.
Und siehe da, zwei der primären Quellen für das Leben und Wirken der Königin Mathilde, zwei "Viten" oder "Lebensbeschreibungen" richten sich an eben jene Herrscher. Schon das es zwei dieser Werke gibt, sei außerhalb der Norm, berichtete Prof. Althoff zur Ausstellungseröffnung und beide konzentrieren sich sehr auf Mathildes Sorge um Nordhausen. Interessant auch: während sich die "Vita", die sich an Otto II. richtet, sich kaum mit dem Verhältnis von Mathilde und ihrem jüngeren Sohn Heinrich befasst, den Bayernherzog gar nur mit einem Satz erwähnt, befasst sich die spätere Vita mit dem Adressaten Heinrich II. weit ausführlicher mit diesem Zweig der Familie und seinen vermeintlichen Tugenden.
Mittelalter-Propaganda
Hat ein Schreiber (oder eine Schreiberin) hier möglicherweise versucht den hohen Herren ins Gewissen zu reden die Versprechungen ihrer Vorfahren zu ehren? Ein Stück mittelalterliche Propaganda um den Status der Südharzer Gründung zu sichern, das vielleicht sogar aus einer Nordhäuser Feder stammt? Letzeres lässt sich heute nicht mehr definitiv beantworten, die Autoren sind unbekannt, erscheint aber wohl denkbar. Ersteres ist sogar wahrscheinlich, zumindest wenn man in Betracht zieht, was die Quellen verschweigen.Die frommen Werke der Königinmutter und ihrer Kinder waren nämlich keinesfalls unumstritten. Die caritativen Einrichtungen wie die Mathildes, insbesondere die Armenspeisung, waren schon damals eine kostspielige Angelegenheit. Und auch Otto der Große versuchte sich mit eigenen Bistumsgründungen hervorzutun, sehr zum Leidwesen der etablierten Geistlichkeit. Dem Bistum Halberstadt etwa nahm der König ein Drittel seiner Einkünfte um sein neues Bistum in Magdeburg zu etablieren, damals ein politischer Skandal, der heute wohl manche Titelseite geziert hätte. Ein ähnliches Schicksal mag man auch in Nordhausen befürchtet haben.
In die gleiche Zeit fallen auch die frommen Aktivitäten Mathildes, die ihrem Sohn ein Dorn im Auge gewesen sein mögen. Der familiäre Streit ging soweit, dass die Mutter eine Zeit lang in das Exil ihrer alten heimischen Güter verbannt wurde. Man vertrug sich wieder und die Mutter schaffte es dem König mit viel flehen und bitten den weiteren Erhalt des Nordhäuser Stiftes abzuringen, "gedenket sorgsam dieses Ortes", soll sie ihm ins Gewissen geredet haben, heißt in einer ihrer Viten.
Ob es das beherzte Drängen der alten Mutter auf ihren Sohn war, oder allein der Griff zur Feder, der Nordhausen das weiterbestehen sicherte, mag heute fraglich sein und bleiben. Sicher ist jedoch das es weiterging mit Mathildes jüngster Gründung. Im Gedächtnis der inzwischen mehr als tausendjährigen Stadt ist die Szene zwischen Mathilde und Otto bis heute geblieben. 1912 ließ man sie vom Künstler Hans Loschen auf Leinwand bannen. Das Original verbrannte wie so vieles während der Zerstörung der Stadt im zweiten Weltkrieg. Im Jahr 2000 ließ man es wieder auferstehen und aus alten Fotografien neu kreieren. Auch damals war es die Mitglieder des Vereins für lebendiges Mittelalter, der sich für das Gedenken an "ihre" Königin stark gemacht hatten. Das großformatige Bild, das sonst im Rathaus hängt, kann man aktuell auch in der Bibliothek bewundern, direkt neben der Ausstellung zum Leben der Stadtmutter Mathilde.
Angelo Glashagel





