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SEINE EHEMALIGE BESTE SCHÜLERIN SANG IHM EIN LIED ZUM 90.

Da bekam Lehrer Stolz schnell feuchte Augen

Mittwoch, 03. Oktober 2018, 11:26 Uhr
Spannungsgeladen wartete der junge Mann auf die Kunde seines Einsatzes: Wo würde er seine erste Unterrichtsstunde als Lehrer haben? In welchem Dorf? In welcher Stadt? Diese Frage bewegte den 22-Jährigen insgeheim sehr. Dann war es soweit. Dieser Satz prägte sich in sein Gedächtnis: „Sie werden in der Grundschule in Günzerode unterrichten“...

 Auch sangesfreudige Frauen und Männer aus Kraja und Kleinbodungen, wo Stolz auch als Chorleiter wirkte, fanden sich musikalisch zu einem Geburtstagsständchen ein. (Foto: Kurt Frank) Auch sangesfreudige Frauen und Männer aus Kraja und Kleinbodungen, wo Stolz auch als Chorleiter wirkte, fanden sich musikalisch zu einem Geburtstagsständchen ein. (Foto: Kurt Frank)
Auch sangesfreudige Frauen und Männer aus Kraja und Kleinbodungen, wo Stolz auch als Chorleiter wirkte, fanden sich musikalisch zu einem Geburtstagsständchen ein.

Günzerode/Kraja. Es war ein kalter Januartag des Jahres 1950. Was würde ihn in Günzerode erwarten? Der Lehrer machte sich auf den Weg. Der Bürgermeister des Dorfes empfing ihn. Bei der Familie Johannes Kaempffe würde er ein Zimmer erhalten, erklärte der Ortschef und wies ihm den Weg. Zaghaft klopfte Gerhard Stolz wenig später an deren Wohnungstür. Die Familie empfing ihn freundlich, bat ihn sogleich zu Tische.

Der junge Lehrer bemerkte auch zwei kleine Mädchen der Kaempffes. Neugierig und schüchtern musterten Hanne und Ingrid den Gast. Der würde sie wohl auch unterrichten. Ihnen vielleicht eins mit der Rute überziehen. Hatten sie doch von Erwachsenen im Dorf gehört, dass dies Lehrer zu ihrer Schulzeit taten. Einigen war noch Kantor Friedrich Bilzhause in Erinnerung. Der war nicht gerade zimperlich mit ihnen umgegangen. Es erweckte mitunter den Anschein, als wollte er Wissen mit dem Stock einbläuen.

Doch schon nach kurzer Zeit hatten die Kinder zu Gerhard Stolz Vertrauen gefasst. Dieser hübsche junge Mann wurde ihnen immer sympathischer. Niemals, waren sie überzeugt, würde er sich eines Stockes oder einer Ohrfeige bedienen. Ihr Gast-Mieter gehörte alsbald zur Familie Kaempffe, fühlte sich dort wohl und geborgen.

Schulleiter Otto Lerp stellte den Neulehrer den Mädchen und Jungen in der Schule vor. Stolz solle die Klassen fünf, sechs und sieben unterrichten. Unter den Kindern, die man ihm anvertraute, gehörte Erika Nebelung, eine 13-Jährige. Schon nach kurzer Zeit schwärmte sie wie auch die anderen Mädchen ihrer Klasse von ihrem Lehrer. Jung, gut aussehend, stand er da. Und, staunten sie alsbald, konnte der gut singen. Bald schon wurde Stolz auf das besondere musische Talent dieser Schülerin aufmerksam.

Vor 68 Jahren hatten die Kaempffe-Mädchen Hanne und Ingrid den Lehrer Gerhard Stolz in der Wohnung ihrer Eltern neugierig gemustert. Zu seinem 90. Geburtstag erfreuten sie ihn gemeinsam mit Erika Hoyer musikalisch (Foto: Kurt Frank) Vor 68 Jahren hatten die Kaempffe-Mädchen Hanne und Ingrid den Lehrer Gerhard Stolz in der Wohnung ihrer Eltern neugierig gemustert. Zu seinem 90. Geburtstag erfreuten sie ihn gemeinsam mit Erika Hoyer musikalisch (Foto: Kurt Frank)
Vor 68 Jahren hatten die Kaempffe-Mädchen Hanne und Ingrid den Lehrer Gerhard Stolz in der Wohnung ihrer Eltern neugierig gemustert. Zu seinem 90. Geburtstag erfreuten sie ihn gemeinsam mit Erika Hoyer musikalisch.

Er sei in einer Zeit nach Günzerode gekommen, wo die Spuren des Krieges noch spürbar waren: Viele Heimatvertriebene, Schmalhans dominierte deren Küche, Wohnungsnot. Und Kinder, deren Väter nicht aus dem Krieg zurückkehrten. Pädagoge Stolz sah eine besondere Aufgabe darin, nicht nur gut unterrichten zu wollen, sondern vor allem den Kindern, die unter diesen Umständen besonders zu leiden hatten, Lebensmut zu geben. Optimistisch in die Zukunft sollten sie, aufgerichtet, blicken.

Das organisatorische und künstlerische Talent des Lehrers sollte sich noch im Frühling des Jahres anschaulich beweisen. Er hatte eine Vision. Ein Bühnenstück wollte er aufführen. Der Name: „Der Bach im Heimat-Tal“. Allein der Helme-Ort verfügte über keinerlei Bühne. Also, so des Lehrers Gedanken, müsse man eine schaffen. In der Natur, am Waldesrand, sollte sie entstehen.

Gerhard Stolz wusste seine Schützlinge zu begeistern. Aus der Idee schlugen Feuer und Flamme. Motiviert gingen die Kinder mit ihm ans Werk. Spaten, Harken und Schubkarren bestimmten die Einsätze. Wochenlang. Eine ehemals unansehnliche Fläche nahm mehr und mehr Gestalt an. Sitzreihen auf weichem Gras formten sich.

Aufmerksam lauschte Gerhard Stolz einem Lied, das ihm seine ehemalige beste Schülerin Erika Nebelung sang. Ihr einstiger Lehrer bekam feuchte Augen. (Foto: Kurt Frank) Aufmerksam lauschte Gerhard Stolz einem Lied, das ihm seine ehemalige beste Schülerin Erika Nebelung sang. Ihr einstiger Lehrer bekam feuchte Augen. (Foto: Kurt Frank) Aufmerksam lauschte Gerhard Stolz einem Lied, das ihm seine ehemalige beste Schülerin Erika Nebelung sang. Ihr einstiger Lehrer bekam feuchte Augen.

Jedes Kind bekam eine Rolle. Fleißig wurde sie eingeübt. Drehbuchautor und Bühnenbildner Stolz selbst übernahm eine Doppelrolle: Förster und Lehrer. Erika Nebelung spielte den Frühling. Natürlich mit Gesangseinlage. „Eine Bachstelze wippte das Ufer lang, wo ihr trefflich gelang mancher Mückenfang…“ sang sie mit glockenheller Stimme. Michael Roth bewies großes Talent beim Basteln eines Mühlenrades. „Der Bach im Heimat-Tal“ erlebte eine Uraufführung ohnegleichen. Die Freilichtbühne wurde regelrecht belagert. Stürmischer Applaus. Noch im gleichen Jahr wurde Gerhard Stolz versetzt. Leider. Mit Wehmut nahm er Abschied. Die Verbindung zu Günzerode, dem Ort seiner „Feuertaufe“, riss aber nicht ab.


Am 1. Oktober war Gerhard Stolz 90 Jahre alt geworden. In körperlicher und geistiger Frische, fit wie ein neuer Turnschuh, feierte er Geburtstag. Im Gemeinschaftshaus seines Wohnortes Kraja empfing er die Gäste. Wen erblickte er da neben vielen anderen Gratulanten? Hanne und Ingrid, die Keampffe-Mädchen von damals. Heute heißen sie Prade und Schieke. Natürlich war auch das musikalische Talent aus Günzerode gekommen: Erika Nebelung, verheiratete Hoyer.

Die Aufnahme der Klasse entstand 1950. Links außen Lehrer Gerhard Stolz. Ganz rechts Alice Mohrich, neben ihr Schulleiter Otto Lerp. (Foto: privat) Die Aufnahme der Klasse entstand 1950. Links außen Lehrer Gerhard Stolz. Ganz rechts Alice Mohrich, neben ihr Schulleiter Otto Lerp. (Foto: privat) Die Aufnahme der Klasse entstand 1950. Links außen Lehrer Gerhard Stolz. Ganz rechts Alice Mohrich, neben ihr Schulleiter Otto Lerp.

Alle drei boten dem Jubilar liebevolle musikalische Ständchen. Erika auch in solo. „Freud dich über jede Stunde, die du lebst auf dieser Welt…“ sangt sie mit ihrer warmen Stimme, in den Händen die Gitarre. Es war ein Lied voller Harmonie und Wärme. Eine Melodie, die zu Herzen ging. Was nicht zu übersehen war: Die Augen ihres ehemaligen Lehrers wurden immer feuchter. Bewegt dankte er seiner einst besten Schülerin und den Kaempffe-Mädchen, die ihn vor 68 Jahren neugierig in Augenschein genommen hatten.

Dieses Foto entstand am 1. Mai des Jahres 1950. Es zeigt den damaligen Schulchor. Ganz links Erika Nebelung mit Gitarre, dahinter Lehrer Gerhard Stolz. Im Hintergrund rechts daneben Schulleiter Otto Lerp. (Foto: privat) Dieses Foto entstand am 1. Mai des Jahres 1950. Es zeigt den damaligen Schulchor. Ganz links Erika Nebelung mit Gitarre, dahinter Lehrer Gerhard Stolz. Im Hintergrund rechts daneben Schulleiter Otto Lerp. (Foto: privat) Dieses Foto entstand am 1. Mai des Jahres 1950. Es zeigt den damaligen Schulchor. Ganz links Erika Nebelung mit Gitarre, dahinter Lehrer Gerhard Stolz. Im Hintergrund rechts daneben Schulleiter Otto Lerp.

Eingefunden hatten sich auch sangeskundige Frauen und Männer aus Kraja und Kleinbodungen, wo Gerhard Stolz einen Chor leitete. Unter ihnen Gesichter aus der Schulzeit. Auch sie erheiterten und erfreuten das Geburtstagskind mit ihren Auftritten. Das wusste nicht so recht, wie er den zahlreichen Gratulanten mit ihren herzlichen Worten und Glückwünschen danken sollte.
Kurt Frank
Autor: red

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