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Angemerkt

Wiederholt sich Geschichte?

Montag, 03. September 2018, 11:00 Uhr
Ich gebe es zu. Mit Interesse verfolgte und verfolge ich die "Vorgänge" in Chemnitz. Einerseits erinnern sie mich an "Vorgänge" vor 29 und 30 Jahren in diesem Teil Deutschlands. Andererseits...


...begibt man sich natürlich wieder in Gefahr, als rechter Hetzer gebrandmarkt zu werden. Trotzdem, ich muss da was loswerden:

1. Die Sache mit den Zahlen

Das Schätzen von Teilnehmerzahlen ist eigentlich nicht mein Ding. Meist verständigt man sich bei Demos zum Beispiel mit Kollegen. Mitunter muss man auch der Polizei vertrauen. Die Differenz zwischen den selbst geschätzten und den offiziellen Zahlen war bislang unterschiedlich. Aber noch nie lag sie bei 100 Prozent.

So aber geschehen bei den Demos am Samstag in Chemnitz. Ein Stadtsprecher wurde am Samstagabend als offizielle Quelle herangezogen: 4000 Teilnehmer "links", 4.500 Teilnehmer "rechts". Wer allerdings die Bilder gesehen hatte, der wunderte sich. Gewundert haben müssen sich auch die Beamten der Polizei, denn die korrigierte einen Tag später, also gestern, die Zahlen nach oben und nach unten: 3.000 "links" und 8.000 "rechts". Sein Urteil über die Zahlenspielerei kann sich jeder selbst bilden.

Erinnert sei an dieser Stelle an die Hochzeit der Pegida-Demos in Dresden. Da griffen die Medien "irgendwann" nicht mehr auf Polizeizahlen zurück, sondern vertrauten einem Studentenprojekt unter dem Namen "Durchgezählt". Das war vermutlich etwa so, als wenn man einem AfD-Ortsverband das Schätzen von Zahlen der Gegendemonstranten überlassen hätte.

2. Die Hetzjagd(en)

Die Empörung war riesig. Nicht nur die sonst Üblichen, sondern selbst Frau Merkel, ihr Sprecher und dazu noch ein Hochkommissar der UNO meldeten sich zu Wort. Was aber war die Ursache? Ein vermutlich einziger Videoclip, auf dem ein Mann hinter einem (vermutlich) Ausländer hinterher rennt. Clip Ende. Gepostet hat das Teil eine Organisation namens "Antifa Zeckenbiss".

Nun kommen neben den auf- und angeregten Medien von Spiegel Online bis Tagesschau andere mediale Plattformen ins Spiel. Nein, ich meine nicht Journalistenwatch oder ähnliche Vertreter der scheinbar medialen Zunft. Ich meine Medien wie Achgut.com oder Publicomag.com.

Letzteres Portal hatte sich an den Sprecher der Dresdner Generalstaatsanwaltschaft mit der Frage gewandt, ob es denn in Chemnitz eine oder mehrere Hetzjagden gegeben habe? Die Antwort lautete: „Nach allem uns vorliegenden Material hat es in Chemnitz keine Hetzjagd gegeben“, so Sprecher Wolfgang Klein.

3. Wiederholt sich Geschichte?

Mein Alter und meine berufliche Vita bringen es mit sich, dass ich ähnliche Vorgänge in Gesellschaft und Medien bereits einmal durchleben durfte. Damals waren wir nicht nur dabei, sondern mittendrin. Betroffen. Nahezu tagtäglich wurden Nachrichten hinausposaunt von angeblich konterrevolutionären Aktionen, von Provokationen und Spionen aus dem Westen, von Störern, die Volksfeste verhindern wollten.

Selbst an jenem denkwürdigen 9. Oktober 1989, den ich in Leipzig miterleben durfte, wurde ähnliches in Bildungseinrichtungen wie der Fachschule des damaligen VdJ kolportiert. Als wir uns dann am späten Nachmittag aufmachten, um die Konterrevolution in Leipzig in Augenschein zu nehmen, trafen wir auf rund 70.000 friedlich demonstrierende Menschen, die - damals noch - eine demokratische DDR einforderten.

Die Medien, also auch ich, wir hatten gelogen, hatten die Rezipienten betrogen, hatten mitgemacht. Viele meiner Kollegen, auch ich, haben uns in den folgenden Wochen entschuldigt. Nur wenige unserer Zunft hatten schon vorher versucht, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Ihnen gilt jetzt immer noch meine Hochachtung und mein Respekt.

So wie der Alexander Wendt gehört, dem Herausgeber von publicomag.com. Für diejenigen, die jetzt vielleicht meine, der Mann sei dem hetzerischen Medienspektrum zuzurechnen und ein glasklarer Nazi, hier ein Auszug aus seiner Vita: Alexander Wendt, Jahrgang 1966, beschäftigt sich als Redakteur bei Focus seit 1995 mit Politik- Wirtschafts- und Wissenschaftsthemen. Von 1989 bis 1995 arbeitete er als Redakteur und freier Journalist für die Wirtschaftswoche, den Stern, Tagesspiegel und anderen Medien. 2013 schrieb er zusammen mit Gideon Böss und Silvia Meixner das Buch „Auf ein Gläschen mit Helmut Schmidt“ (Knaus Verlag), das die dunklen Seiten des deutschen Überkanzlers beleuchtet. Im Focus gehören Energiewirtschaft und Strommarkt seit mehreren Jahren zu seinen Themen. Im Jahr 2012 schrieb er die Focus-Titelgeschichte „Die große Illusion“ über die Fehler und Paradoxien der Energiewende. "

Die Frage, wiederholt sich Geschichte, kann ich trotzdem nicht beantworten. Noch nicht...
Peter-Stefan Greiner

Die Zahl der Demonstranten in Leipzig am 9.10.89 wurde auf richtige 70.000 korrigiert
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