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KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora

Als der Wahnsinn seinen Anfang nahm

Dienstag, 28. August 2018, 22:09 Uhr
Vor 75 Jahren, am 28. August 1943, traf der erste Transport nahe Nordhausen ein. Das Lager Dora nahm seinen Betrieb auf und schon bald begann das Sterben. An diesen Beginn der Lagergeschichte erinnert sei heute ein Plakat am Stolleneingang zu den unterirdischen Anlagen im Kohnstein. Der knappe Einblick in ein kleines Stück Geschichte hat man dem Engagement freiwilliger Helfer zu verdanken...

Stollenarbeiten in Dora, Zeichnung von Werner Brähe, deutscher Werkschronist (Foto: Angelo Glashagel) Stollenarbeiten in Dora, Zeichnung von Werner Brähe, deutscher Werkschronist (Foto: Angelo Glashagel)

Um eine unnötige Belastung des Betriebes mit körperlich mangelhaftem Menschenmaterial und eine dadurch bedingte Annhäufung von Arbeitsunfähigen zu vermeiden, wäre eine entsprechend strenge Auswahl der Häftlinge vor Arbeitseinstellung unbedingt zu empfehlen [...] Ebenso ist der Bau eines Krematoriums so bald als möglich aus hygienischen Gründen notwendig. Hierbei ist sofort an ausreichenden Verbrennungsraum zu denken.
- Gesundheitsverhältnisse im Aussenlager "Dora", Hygiene-Institut der Waffen-SS
Berlin-Zehlendorf, 23.12.1943


"Geheim" prankt in großen, roten Lettern auf dem Papier, aus dem Dr. Stefan Hördler, Leiter der Gedenkstätte Mittelbau-Dora am Nachmittag zitiert. Als der Bericht der SS verfasst wird, da ist die Arbeit in "Dora" schon in vollem Gange. Am 28. August 1943 war der erste Transport aus Buchenwald eingetroffen. Entgegen der Norm hat man sich nicht die Zeit genommen, das Arbeitslager vorzubereiten und Baracken aufzubauen, die ersten Häftlinge müssen unter katastrophalen Bedingungen in den Stollen hausen. Kurze Zeit später beginnt das sterben.

An die Ankunft des ersten Häftlingstransports im Mittelbau-Dora erinnert dieser Tage ein großes Plakat am Eingang zu den Resten der weitläufigen Stollenanlage. Für das KZ-System sei der Betrieb von Dora eine Zäsur gewesen, erklärte Hördler. Dora habe Modellcharakter gehabt, hier wurde die groß angelegte Untertageverlagerung der deutschen Rüstungsindustrie erprobt. Mit den sogenannten "B-Vorhaben" in den zahlreichen Außenlagern hatten die Nationalsozialisten Produktionsstätten geplant, die den ganzen Größenwahn des Unternehmens bis heute verdeutlichten.

Es ist "nur" ein Plakat, ein kleiner, knapper Einblick in die historische Faktenlage, mit dem jetzt an den Beginn des Grauens von Dora erinnert wird. Alltag für die Gedenkstätte. Hinter dem reinen "sichtbar machen" steht derweil ein integraler Teil der Erinnerungskultur am Südharzrand. Erstellt wurde das Plakat nicht von den ausgebildeten Profis des Hauses, sondern von den Freiwilligen Helfern, die hier ihr "Freiwilliges soziales Jahr in der Kultur" verbracht haben.

Erinnerungsarbeit durch Freiwillige, Florentine Wieser hat mit ihren FSJ-Kollegen an dem Plakat gearbeitet  (Foto: Angelo Glashagel) Erinnerungsarbeit durch Freiwillige, Florentine Wieser hat mit ihren FSJ-Kollegen an dem Plakat gearbeitet (Foto: Angelo Glashagel)

Anderthalb Monate habe es zu Beginn gedauert sich nur in die Thematik vor Ort einzuarbeiten, erzählt Florentine Wieser, seitdem hat die junge Dame vor allem in der pädagogischen Abteilung gearbeitet, hat Führungen angeboten und Schulklassen betreut. Für die kleine Plakataktion mussten sie und ihre Kollegen noch einmal tief in die Materie eintauchen. Das Trio recherchierte jedem der 107 Menschen dieses ersten Transportes nach. Menschen wie Wincenty Kapron, geboren am 16. Januar 1904, Landwirt, Vater zweier Kinder und Zeuge Jehovas, ein "Bibelforscher" im Jargon der Nazis. Im Juli 1943 wird er von der SS in Lublin verhaftet. Er sollte der erste Tote Doras sein.

"Die Arbeit die unsere Kulturfreiwilligen leisten spielt eine enorm große Rolle für uns", sagt Gedenkstättenleiter Hördler, in der Regel zeichneten sich die FSJler bereits durch starkes Engagement und hohe Kompetenzen aus, die nach einem Jahr intensiver Begleitung durch die Gedenkstätte, durch geübte Quellenkritik und eine reflektierte Auseinandersetzung mit dem Thema noch steigen würden. Der Aspekt der Freiwilligkeit dürfe man dabei nicht unterschätzen.

Die nächsten drei Kandidaten sind für das kommende Jahr bereits gefunden. Für Florentin Wieser hat das FSJ den weiteren Weg bereitet, sie strebt ein Studium der Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität an. Und da muss es nicht enden. Im Publikum fand sich heute auch Nadine Jenke. Zwei Jahre lang hatte die junge Historikerin an der Gedenkstätte die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit als Volontärin betreut und arbeitet heute im Haus der Geschichte in Berlin. "Das FSJ ist ein gute Möglichkeit sich zu orientieren und erste praktische Erfahrungen in der Gedenkstättenarbeit und der Geschichte zu sammeln", sagt Jenke. Ihr eigener Weg in die Vergangenheit führt heute tiefer, neben der Arbeit in Berlin befasst sie sich über die Gedenkstätte auch mit der Geschichte der Außenlager Doras. Eingehend und ausführlich, um so einen umfassenden Einblick zu erlangen und die historischen Vorgänge für die Nachwelt nachvollziehbar zu machen.
Angelo Glashagel
Autor: red

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