Schweißtreibende Gedanken
Mahd bei 35 Grad
Dienstag, 31. Juli 2018, 19:31 Uhr
35 Grad hin oder her. Was soll’s. Gemäht werden muss trotzdem. Schließlich haben wir vom BUND-Kreisverband Verträge mit den Thüringer Behörden zur Pflege sensibler Biotope in unseren Naturschutzgebieten abgeschlossen, und die Kontinuität der Bewirtschaftung ist ein maßgebliches Kriterium für die Erhaltung bedrohter Pflanzen- und Tierarten.. Bodo Schwarzberg berichtet...
Bei 35 Grad im Schatten (Foto: B. Schwarzberg)
Mahd bei 35 Grad im Schatten.
Gemäht wurden geschätzt 600 Quadratmeter im Naturschutzgebiet Harzfelder Holz zwischen 10 Uhr und 13:30. Diesmal von mir ganz allein. Wenn die ewige Dürre überhaupt etwas Positives haben sollte, dann ist es der geringe Mähwiderstand: Denn der Aufwuchs auf dem Halbtrockenrasen ist so gering wie seit Jahren nicht.
Beim Mähen kann man gut abschalten und sich Gedanken machen, umso mehr in Zeiten der nächsten Jahrhundertdürre wie dieser. Und beim Denken spürt man die Hitze weniger.
Das wenige Gras, das mir beim Mähen wohl hilft, ist für die Landwirte eine Katastrophe: Trotz der vielfach ins Gerede gekommenen Düngung der Futterwiesen wird für sie 2018 kein zweiter und dritter Schnitt möglich sein, mit schwerwiegenden Konsequenzen für die Versorgung der Tiere und für ihre Existenzsicherheit.
Dennoch, so denke ich mir, sollten die Landwirte nicht einfach nur legitime finanzielle Unterstützung seitens der Politik fordern: Viel wichtiger und grundlegender wäre es doch, von der Regierung und von den einst gewählten Volksvertretern zu fordern, endlich die Klimaveränderung so ernst zu nehmen, wie sie es aus Gründen unseres Überlebens verdient hätte. Und zwar unabhängig davon, ob man nun Klimaskeptiker ist oder nicht, ob man also den MENSCHGEMACHTEN Klimawandel nun leugnet oder ob man ihn als real akzeptiert. Denn auch als Klimaskeptiker spürt man die Wetterkapriolen: Immer häufiger auftretende Hitzewellen, die sich mit Sturzfluten verursachenden Starkregen abwechseln, mehr Stürme, mehr wetterbedingtes Unwohlsein. Egal welche Meinung wir zum Thema haben: Das eben Genannte ist Fakt, für jeden von uns sicht- und spürbar, teils auch messbar.
Die Landwirte sollten also nicht nur auf eine Milliardenspritze hoffen und wie ihre Vorväter auf ertragreicheres Wetter im kommenden Jahr. In Zeiten des Klimawandels kann so nicht mehr gehofft und gerechnet werden.
Angesichts dessen müsste man sich eigentlich wünschen, dass alle Betroffenen, und das sind halt wir alle, von der Politik mehr Taten als Worte fordern: Schnellste Maßnahmen für Klimaschutz oder doch wenigstens für mehr Anpassung, international übrigens. Es müsste ein Ruck durch unsere Gesellschaft gehen, die den Klima- bzw. Menschenschutz konsequent einfordert. Denn, so sagt die Mehrheit der Akzeptanden des menschgemachten Klimawandels, das, was wir jetzt gerade erleben und was wir in den letzten Jahren immer häufiger erleben mussten, ist erst der Anfang. Aber was passiert nach diesem heißen Anfang?
Vor meinem Mäher wirbelt Staub auf, Bodenteilchen und Blätter, die im Juli schon zerfallen. Und doch Überlebenskünstler:
Trotz der monatelangen Hitze und Trockenheit, der vielen sterbenden, gerade erst gepflanzten Bäume in der Flur, der grauen Blätter selbst an großen Buchen im Alten Stolberg und der wegen Sauerstoffmangel verendenden Fische, ist es erstaunlich, dass manche Arten sich von 35 Grad im Schatten und vielleicht 55 in der Sonne kaum beeindrucken lassen:
Vor meinem Mäher tauchen hunderte Exemplare der Kleinen Pimpinelle (Pimpinella saxifraga) auf und der Stengellosen Kratzdistel (Cirsium acaule), die die Extreme hervorragend für sich nutzen können. Denn Konkurrenten haben sie in diesem Jahr fast keine auf der Wiese. Wie in der Wirtschaft halt. Denn da gibt es neben den Landwirten doch noch Gewinner. Nur auch für diese Gewinner gibt es eine definierte Grenze: Liegt sie bei 39 oder 42 Grad? Wann sterben auch die letzten Lebewesen in der zunehmenden Hitze? Wann lassen sich die Kosten nicht mehr refinanzieren?
Als Mensch möchte ich das eigentlich lieber nicht wissen, als Wissenschaftsnarr schon.
Kleiner Perlmuttfalter (Foto: B. Schwarzberg)
Ein Kleiner Perlmuttfalter lässt sich bei 35 Grad von der Sonne und vom Nektar augenscheinlich ungestört verwöhnen.
Aber all das um sich herum geschehen lassen, ohne nachzudenken, das ist natürlich ebenso eine glücklich machende Strategie, die ich auch wieder auf meiner Mähwiese bestätigt finde: Anhand der beiden Bläulinge zum Beispiel und des Kleinen Perlmuttfalters (Argynnis lathonia), die bei größter Hitze mit unstillbarem Appetit Nektar an einer Wiesen-Flockenblume saugen.
Bodo Schwarzberg
Autor: nnz
Bei 35 Grad im Schatten (Foto: B. Schwarzberg)
Mahd bei 35 Grad im Schatten.Gemäht wurden geschätzt 600 Quadratmeter im Naturschutzgebiet Harzfelder Holz zwischen 10 Uhr und 13:30. Diesmal von mir ganz allein. Wenn die ewige Dürre überhaupt etwas Positives haben sollte, dann ist es der geringe Mähwiderstand: Denn der Aufwuchs auf dem Halbtrockenrasen ist so gering wie seit Jahren nicht.
Beim Mähen kann man gut abschalten und sich Gedanken machen, umso mehr in Zeiten der nächsten Jahrhundertdürre wie dieser. Und beim Denken spürt man die Hitze weniger.
Das wenige Gras, das mir beim Mähen wohl hilft, ist für die Landwirte eine Katastrophe: Trotz der vielfach ins Gerede gekommenen Düngung der Futterwiesen wird für sie 2018 kein zweiter und dritter Schnitt möglich sein, mit schwerwiegenden Konsequenzen für die Versorgung der Tiere und für ihre Existenzsicherheit.
Dennoch, so denke ich mir, sollten die Landwirte nicht einfach nur legitime finanzielle Unterstützung seitens der Politik fordern: Viel wichtiger und grundlegender wäre es doch, von der Regierung und von den einst gewählten Volksvertretern zu fordern, endlich die Klimaveränderung so ernst zu nehmen, wie sie es aus Gründen unseres Überlebens verdient hätte. Und zwar unabhängig davon, ob man nun Klimaskeptiker ist oder nicht, ob man also den MENSCHGEMACHTEN Klimawandel nun leugnet oder ob man ihn als real akzeptiert. Denn auch als Klimaskeptiker spürt man die Wetterkapriolen: Immer häufiger auftretende Hitzewellen, die sich mit Sturzfluten verursachenden Starkregen abwechseln, mehr Stürme, mehr wetterbedingtes Unwohlsein. Egal welche Meinung wir zum Thema haben: Das eben Genannte ist Fakt, für jeden von uns sicht- und spürbar, teils auch messbar.
Die Landwirte sollten also nicht nur auf eine Milliardenspritze hoffen und wie ihre Vorväter auf ertragreicheres Wetter im kommenden Jahr. In Zeiten des Klimawandels kann so nicht mehr gehofft und gerechnet werden.
Auch die sonstige Wirtschaft
Denn auch alle Ökonomen und Unternehmer werden sich eingestehen müssen, dass z.B. die Arbeitsleistung der Mitarbeiter tatsächlich absinkt, wenn es so heiß ist, dass die Leute bei Hitze weniger kaufen, dass Lieferungen wegen zunehmender Wetterkatastrophen auch mal ausbleiben, dass die Versicherungskosten gegen Hochwasser oder Stürme steigen, und erst recht die Kosten der Beseitigung von Katastrophenschäden. Dass also die Wirtschaft durch den Klimawandel, ob vom Menschen oder nicht vom Menschen verursacht, belastet wird.Angesichts dessen müsste man sich eigentlich wünschen, dass alle Betroffenen, und das sind halt wir alle, von der Politik mehr Taten als Worte fordern: Schnellste Maßnahmen für Klimaschutz oder doch wenigstens für mehr Anpassung, international übrigens. Es müsste ein Ruck durch unsere Gesellschaft gehen, die den Klima- bzw. Menschenschutz konsequent einfordert. Denn, so sagt die Mehrheit der Akzeptanden des menschgemachten Klimawandels, das, was wir jetzt gerade erleben und was wir in den letzten Jahren immer häufiger erleben mussten, ist erst der Anfang. Aber was passiert nach diesem heißen Anfang?
Vor meinem Mäher wirbelt Staub auf, Bodenteilchen und Blätter, die im Juli schon zerfallen. Und doch Überlebenskünstler:
Trotz der monatelangen Hitze und Trockenheit, der vielen sterbenden, gerade erst gepflanzten Bäume in der Flur, der grauen Blätter selbst an großen Buchen im Alten Stolberg und der wegen Sauerstoffmangel verendenden Fische, ist es erstaunlich, dass manche Arten sich von 35 Grad im Schatten und vielleicht 55 in der Sonne kaum beeindrucken lassen:
Vor meinem Mäher tauchen hunderte Exemplare der Kleinen Pimpinelle (Pimpinella saxifraga) auf und der Stengellosen Kratzdistel (Cirsium acaule), die die Extreme hervorragend für sich nutzen können. Denn Konkurrenten haben sie in diesem Jahr fast keine auf der Wiese. Wie in der Wirtschaft halt. Denn da gibt es neben den Landwirten doch noch Gewinner. Nur auch für diese Gewinner gibt es eine definierte Grenze: Liegt sie bei 39 oder 42 Grad? Wann sterben auch die letzten Lebewesen in der zunehmenden Hitze? Wann lassen sich die Kosten nicht mehr refinanzieren?
Als Mensch möchte ich das eigentlich lieber nicht wissen, als Wissenschaftsnarr schon.
Kleiner Perlmuttfalter (Foto: B. Schwarzberg)
Ein Kleiner Perlmuttfalter lässt sich bei 35 Grad von der Sonne und vom Nektar augenscheinlich ungestört verwöhnen.Aber all das um sich herum geschehen lassen, ohne nachzudenken, das ist natürlich ebenso eine glücklich machende Strategie, die ich auch wieder auf meiner Mähwiese bestätigt finde: Anhand der beiden Bläulinge zum Beispiel und des Kleinen Perlmuttfalters (Argynnis lathonia), die bei größter Hitze mit unstillbarem Appetit Nektar an einer Wiesen-Flockenblume saugen.
Bodo Schwarzberg
