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Die besondere Show des Herrn Tiefensee

Ein Moped als Belohnung

Mittwoch, 04. Juli 2018, 19:00 Uhr
Die Firma Fredmax des Orthopädieschuhmachermeister André Fredrich macht sich seit Jahren gut für Stationen der Thüringer Landesregierung, wenn deren Vertreter sich in die Nordthüringer Provinz trauen. Heute war es ein besonderes Erlebnis...

André Fredrich im Gespräch mit Wolfgang Tiefensee (Foto: nnz) André Fredrich im Gespräch mit Wolfgang Tiefensee (Foto: nnz)
Anfang vorigen Jahres ließ sich Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow in die Geheimnisse der Maß- und Orthopädieschuhanfertigung einweihen und bekam gezeigt, dass neben jeder Menge handwerklichem Know How in diese Branche immer mehr die digitale Technik einzieht.

Das war im Februar 2017 nicht viel anders als heute am späten Nachmittag. Wieder führte Unternehmensgründer Fredrich das digitale Vermessen eines Fußes vor, das letztlich für die Herstellung des Leistens unglaubliche Zeitvorteile bringt. Damals war es ein Ministerpräsident, diesmal kam mit Wolfgang Tiefensee als Wirtschafts- und Digitalminister an den Grimmel.

Was bei der Vorjahres-Sommertour in Sachen Tourismus noch sehr nebulös war, das klärte sich heute auf. Nämlich die Beantwortung der Frage, wem und was nützt solch ein Besuch? Vor allem könnte er einer Mitarbeiterin der Nordhäuser Arbeitsagentur nützen, denn die - sie war rein zufällig auch zu Besuch am Grimmel - soll sich am besten am Wochenende oder im Urlaub Gedanken zu einem neuen Arbeitsmarktprogramm machen, das branchenfremde Fachkräfte passgenau auf die Anforderungen eines Orthopädieschuhmachers qualifiziert. Also Qualifizierung und Weiterbildung nicht pauschal, sondern auf den Punkt gebracht. Und dafür, so der Minister Tiefensse bekäme die Mitarbeiterin, nachdem er alles mit Kai Senius von der Arbeitsagentur geregelt habe, als Preis vielleicht eine Woche Urlaub oder ein Moped. Vermutlich das, was gerade verfügbar ist.

Auf solche Ideen muss man erst mal kommen. Was für den Unternehmer eine Super-Sache ist, das ist für die öffentliche Hand erst einmal Geld in die Hand nehmen, denn kosten soll ein Mitarbeiter in Weiterbildung nichts, das mögen das Land, der Bund oder sonst wer übernehmen. Das eigene, das unternehmerische Risiko spielte in den heutigen Diskussionen kaum eine Rolle. Ob Wirtschaft tatsächlich so funktionieren soll, bleibt dahingestellt.

Ein erster Schritt (Foto: nnz) Ein erster Schritt (Foto: nnz) Hier wird die digitale Vermessung eines Fußes demonstriert

Und auch die Schulen müssten sich umstellen, denn neben dem vermittelten Allgemeinwissen könnten, so Wolfgang Tiefensee, Praktika und Arbeitsgemeinschaften den Unternehmen helfen, frühzeitig den entsprechenden Nachwuchs für die eigene Profession zu begeistern. Auch dieser Ansatz bedarf nicht einer Minister-Rundreise, der ist allseits bekannt und erinnert an die Ansätze aus einem fernen Bildungssystem. Nur muss heute alles anders benannt werden. In Nordhausen hat die Verzahnung von Schule und Wirtschaft schon länger als zehn Jahre der Unternehmerverband begriffen und einen Arbeitskreis ins Leben gerufen, der auch arbeitet.

Unbestritten ist die Erfolgsgeschichte des Nordhäuser Unternehmens, die 2006 begann und zwölf Jahre später noch kein Ende findet. Auch weil ein Ehepaar Fredrich ein Risiko einging, eine Firma aufbaute, dabei Fehler machte, nicht aufgab und an den eigenen Erfolg glaubte. Fredrich, seine Frau und das gesamte Team werden diesen Weg weiter beschreiten und werden an der Digitalisierung weiter arbeiten. Weil es es müssen. Der nächste Schritt wird die eigene Herstellung von Leisten sein, denn die werden immer noch bei einem Dienstleister produziert. Und irgendwann wird auch der 3D-Druck die Geschwindigkeit haben, dass er am Grimmel Einzug hält. Ohne Risiko wird jedoch für die Fredrichs die unternehmerische Zukunft nicht zu gestalten sein.

Das muss nicht schlecht sein. Flankieren kann durchaus die Politik, sie kann aber nicht gänzlich für das Risiko eintreten. Die Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, doch dabei scheint der Zug der Fachkräfte vielleicht schon aus dem eigenen Freistaat-Bahnhof herausgefahren zu sein. Denn die Probleme, die in den kommenden Jahren auf die Wirtschaft generell und damit auch auf den Arbeitsmarkt zukommen, die sind zum Teil hausgemacht. Bislang haben nicht nur in Thüringen Wirtschaft und Politik zu oft reagiert statt agiert und sich der eine auf den anderen verlassen.

Das wird sich so bald nicht ändern und die Mitarbeiterin der Arbeitsagentur wird wohl vergeblich auf das neue Moped warten, das ihr der Herr Tiefensee heute beinahe versprach.
Peter-Stefan Greiner
Autor: red

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