Jugendliche bedrängen Migranten
Eine hässliche Geschichte
Donnerstag, 07. Juni 2018, 07:30 Uhr
Manchmal wäre es schön eine gute Geschichte erzählen zu können. Eine Geschichte wie die der Familie Omar. Aber das hier ist keine schöne Geschichte, sondern eine, die sich am vergangenen Samstag auf dem Petersberg absgespielt hat und die hässlichen Seiten unserer Gesellschaft zeigt...
Erst als die Mutter das Handy zückt, zieht sich die Gruppe zurück (Foto: privat)
Herr Omar kam 2015 nach Nordhausen, war vor dem Krieg in Syrien geflohen und fand hier nicht nur Freunde sondern auch eine Aufgabe. Vom ersten Tag an hat Herr Omar geholfen, Flüchtlingen das Ankommen in Deutschland zu erleichtern, erst in der Unterkunft, dann als ehrenamtlicher Helfer, heute als hauptamtlicher Integrationsbegleiter.
Nach einem kurzen Intermezzo von ein paar Monaten in Aachen kehrte er an den Harzrand zurück, es gab Arbeit für den engagierten Mann, seit zwei Jahren steht er nun schon in Lohn und Brot und hat mit Deutsch seine nunmehr vierte Sprache gelernt. Frau und Kinder konnte er aus den Flüchtlingscamps nach Deutschland holen, seine Älteste kommt in diesem Jahr in die Schule, seine Frau lernt die Landessprache, die B1 Prüfung hat sie schon bestanden.
Es wäre eine Geschichte die man heutzutage nicht mehr zu hören kriegt, weil sie nur zeigt wie es sein müsste, ein Bericht ohne Auseinandersetzung und Konflikt. Normalität erregt kein Interesse.
Aber das hier ist keine schöne Geschichte, sondern eine über die hässlichen Seiten unserer Gesellschaft. Am vergangenen Samstag sind Frau Omar und ihre beiden Kinder, drei und sechs Jahre alt, auf dem Spielplatz auf dem Petersberg. Es ist spät, fast sieben, die Kinder sollen sich noch einmal austoben, bevor es ins Bett geht. Ihr Mann ist bei Arbeitskollegen in Salza. Sie könnten auch hinter dem Mehrfamilienhaus spielen, in dem sie wohnen, aber da sind auch die Nachbarn und mit denen versteht man sich nicht so gut.
Den Eltern als auch den Kindern wurde immer wieder zu verstehen gegeben, das man nicht erwünscht sei, erzählt Herr Omar, im Haus wie auf dem Hinterhof. Richtigen Ärger habe es nie gegeben, aber Streit wenn die Kinder angeblich einmal zu laut gespielt haben. Inzwischen gehe man sich einfach aus dem Weg. Das ist einfacher.
Aber auch auf dem Petersberg sind sie an diesem Vorabend nicht willkommen. Eine Gruppe Jugendlicher, fünf Jungen zwei Mädchen, sagen ihnen, dass sie wieder verschwinden sollen, das sie hier nicht her gehörten, weg vom Spielplatz, raus aus Deutschland. Haut ab. Seine Frau habe das zunächst ignoriert, erzählt Herr Omar, auf dem Petersberg ist viel Platz, man zog sich weiter zurück. Zwei mal wechselte sie mit den Kindern den Platz.
Doch es sollte nicht bei verbalen Attacken bleiben. "Zwei der Jungen sind ihnen gefolgt, einer mit dem Fahrrad, einer mit dem Moped. Er ist im Kreis um die Kinder herumgefahren, wie im Film, der Junge mit dem Moped ist dann auch mehrmals direkt auf die Kinder zu, hat dabei beschleunigt und kurz vor ihnen wieder abgebremst. Der Rest stand daneben und hat gelacht.", erzählt Herr Omar. Die Kinder erschrickt das alles, sie fangen an zu weinen, die Jugendlichen hält das nicht davon ab weiter zu machen. Auch den Bitten der Mutter schenkt man kein Gehör, erzählt Herr Omar.
Erst als sie das Handy zückt und das Geschehen festhalten will, zieht sich die Gruppe zurück. Auf dem Video, welches der nnz vorliegt, hört man die Kinder noch deutlich schluchzen und weinen, das Mädchen droht den Jugendlichen unter Tränen mit der Polizei, die bestimmt bald komme und die Mutter fragt warum die Jugendlichen den Kindern das antun würden, während der Mopedfahrer einige Meter entfernt auf seinem Gefährt sitzt und sich langsam rückwärts bewegt.
Herr Omar selbst war da noch nicht vor Ort, seine Frau berichtet es ihm am Telefon, zweimal ruft sie ihn an, er soll schnell kommen.
Als der Vater zusammen mit dem Arbeitskollegen eintrifft und die Gruppe konfrontiert, beteuern die ihre Unschuld, sie hätten nichts falsches getan. Seien einfach nur so herumgefahren. Auf Anraten des deutschen Kollegen ruft die Familie nicht die Polizei, die würde eh nicht viel machen können, man sollte einfach gehen, meint der Kollege. Erst am Montag sucht Herr Omar die Dienststelle der Nordhäuser Polizei auf, was die Polizei bestätigte. Er will das nicht so einfach stehen lassen.
"Die Kinder hat das alles völlig verstört. Die Große ist alt genug um zu verstehen was da passiert, mit den Nachbarn oder im Kindergarten. Das sie anders behandelt wird, weil sie anders aussieht oder anders spricht. Aber das auf dem Spielplatz hat den beiden einfach nur Angst gemacht. Es ist eine Sache wenn man selber unterwegs ist, Abends, da kann man so etwas ignorieren. Aber wenn es die eigenen Kinder betrifft, am helllichten Tag, auf einem öffentlich Spielplatz, das geht nicht."
In den acht Monaten, die er in Aachen verbrachte, sei ihm so etwas nie zu Ohren gekommen. "Ich will nicht sagen hier ist die Hölle und dort der Himmel, dumme Leute gibt es überall. Aber es ist anders hier, der Umgang ist ein anderer." In Nordhausen hört er immer wieder von Beleidigungen und Übergriffen. Als Integrationsbegleiter ist er oft der erste und manchmal auch der Einzige, dem man sich anvertraut. Gerade Frauen mit Kopftuch wären häufig das Ziel von Anfeindungen. "Die meisten reden nicht darüber, schon gar nicht mit der Polizei weil sie befürchten dann Ärger zu bekommen. Sie bleiben lieber still und gehen weg." Die Angreifer würde das am Ende in ihrem handeln bestärken.
Herr Omar kam aus Aachen zurück in den Südharz, weil er hier Arbeit und Freunde gefunden hat und hier will er auch bleiben. "Wir sind hier nicht als Touristen, wir wollen uns hier ein Leben aufbauen. In einem Land, in dem unsere Kinder selber entscheiden können, wer sie sein und was sie glauben wollen, ohne Angst haben zu müssen dafür in Schwierigkeiten zu geraten".
Mit viel Konsequenzen werden die mutmaßlichen Täter wohl nicht zu rechnen haben, ein wenig Nötigung, was soll schon sein. Sind ja nur Teenager. Die machen sowas halt. Am Ende steht Aussage gegen Aussage, so man sich denn die Mühe macht, die Gruppe ausfindig zu machen. Es ist nur eine kleine Episode, eine die sich wahrscheinlich so oder so ähnlich tagtäglich in Deutschland abspielen wird. Niemand wurde verletzt, ein bisschen Aufregung, die sich schnell wieder legt und kein anhaltendes Interesse erzeugen wird. Keine schöne Geschichte, aber auch keine die schlecht genug ist, um wirklich Gehör zu finden.
Und doch eine, die erzählt werden muss. Weil sie einen Abriss aus dem Alltag von Migranten in Nordhausen zeigt und eine Seite unserer Gesellschaft, die man nur allzugerne ignorieren würde. Wie man in diesem Land mit Flüchtlingen, Asylbewerbern und Migranten umgehen will, darüber kann man politisch diskutieren, auf dem Boden der Gesetze und Normen, die dieses Land zusammenhalten. Sollten die demokratischen Entscheidungen fallen und sich Mehrheiten finden, die hier andere Wege eingeschlagen wollen, dann wird dem so sein. Den eigenen Frust an Frauen und Kinder auf offener Straße auszulassen, sie anzugehen und einzuschüchtern, das ist einfach nur feige und widerlich.
Angelo Glashagel
Autor: red
Erst als die Mutter das Handy zückt, zieht sich die Gruppe zurück (Foto: privat)
Herr Omar kam 2015 nach Nordhausen, war vor dem Krieg in Syrien geflohen und fand hier nicht nur Freunde sondern auch eine Aufgabe. Vom ersten Tag an hat Herr Omar geholfen, Flüchtlingen das Ankommen in Deutschland zu erleichtern, erst in der Unterkunft, dann als ehrenamtlicher Helfer, heute als hauptamtlicher Integrationsbegleiter.
Nach einem kurzen Intermezzo von ein paar Monaten in Aachen kehrte er an den Harzrand zurück, es gab Arbeit für den engagierten Mann, seit zwei Jahren steht er nun schon in Lohn und Brot und hat mit Deutsch seine nunmehr vierte Sprache gelernt. Frau und Kinder konnte er aus den Flüchtlingscamps nach Deutschland holen, seine Älteste kommt in diesem Jahr in die Schule, seine Frau lernt die Landessprache, die B1 Prüfung hat sie schon bestanden.
Es wäre eine Geschichte die man heutzutage nicht mehr zu hören kriegt, weil sie nur zeigt wie es sein müsste, ein Bericht ohne Auseinandersetzung und Konflikt. Normalität erregt kein Interesse.
Aber das hier ist keine schöne Geschichte, sondern eine über die hässlichen Seiten unserer Gesellschaft. Am vergangenen Samstag sind Frau Omar und ihre beiden Kinder, drei und sechs Jahre alt, auf dem Spielplatz auf dem Petersberg. Es ist spät, fast sieben, die Kinder sollen sich noch einmal austoben, bevor es ins Bett geht. Ihr Mann ist bei Arbeitskollegen in Salza. Sie könnten auch hinter dem Mehrfamilienhaus spielen, in dem sie wohnen, aber da sind auch die Nachbarn und mit denen versteht man sich nicht so gut.
Den Eltern als auch den Kindern wurde immer wieder zu verstehen gegeben, das man nicht erwünscht sei, erzählt Herr Omar, im Haus wie auf dem Hinterhof. Richtigen Ärger habe es nie gegeben, aber Streit wenn die Kinder angeblich einmal zu laut gespielt haben. Inzwischen gehe man sich einfach aus dem Weg. Das ist einfacher.
Aber auch auf dem Petersberg sind sie an diesem Vorabend nicht willkommen. Eine Gruppe Jugendlicher, fünf Jungen zwei Mädchen, sagen ihnen, dass sie wieder verschwinden sollen, das sie hier nicht her gehörten, weg vom Spielplatz, raus aus Deutschland. Haut ab. Seine Frau habe das zunächst ignoriert, erzählt Herr Omar, auf dem Petersberg ist viel Platz, man zog sich weiter zurück. Zwei mal wechselte sie mit den Kindern den Platz.
Doch es sollte nicht bei verbalen Attacken bleiben. "Zwei der Jungen sind ihnen gefolgt, einer mit dem Fahrrad, einer mit dem Moped. Er ist im Kreis um die Kinder herumgefahren, wie im Film, der Junge mit dem Moped ist dann auch mehrmals direkt auf die Kinder zu, hat dabei beschleunigt und kurz vor ihnen wieder abgebremst. Der Rest stand daneben und hat gelacht.", erzählt Herr Omar. Die Kinder erschrickt das alles, sie fangen an zu weinen, die Jugendlichen hält das nicht davon ab weiter zu machen. Auch den Bitten der Mutter schenkt man kein Gehör, erzählt Herr Omar.
Erst als sie das Handy zückt und das Geschehen festhalten will, zieht sich die Gruppe zurück. Auf dem Video, welches der nnz vorliegt, hört man die Kinder noch deutlich schluchzen und weinen, das Mädchen droht den Jugendlichen unter Tränen mit der Polizei, die bestimmt bald komme und die Mutter fragt warum die Jugendlichen den Kindern das antun würden, während der Mopedfahrer einige Meter entfernt auf seinem Gefährt sitzt und sich langsam rückwärts bewegt.
Herr Omar selbst war da noch nicht vor Ort, seine Frau berichtet es ihm am Telefon, zweimal ruft sie ihn an, er soll schnell kommen.
Als der Vater zusammen mit dem Arbeitskollegen eintrifft und die Gruppe konfrontiert, beteuern die ihre Unschuld, sie hätten nichts falsches getan. Seien einfach nur so herumgefahren. Auf Anraten des deutschen Kollegen ruft die Familie nicht die Polizei, die würde eh nicht viel machen können, man sollte einfach gehen, meint der Kollege. Erst am Montag sucht Herr Omar die Dienststelle der Nordhäuser Polizei auf, was die Polizei bestätigte. Er will das nicht so einfach stehen lassen.
"Die Kinder hat das alles völlig verstört. Die Große ist alt genug um zu verstehen was da passiert, mit den Nachbarn oder im Kindergarten. Das sie anders behandelt wird, weil sie anders aussieht oder anders spricht. Aber das auf dem Spielplatz hat den beiden einfach nur Angst gemacht. Es ist eine Sache wenn man selber unterwegs ist, Abends, da kann man so etwas ignorieren. Aber wenn es die eigenen Kinder betrifft, am helllichten Tag, auf einem öffentlich Spielplatz, das geht nicht."
In den acht Monaten, die er in Aachen verbrachte, sei ihm so etwas nie zu Ohren gekommen. "Ich will nicht sagen hier ist die Hölle und dort der Himmel, dumme Leute gibt es überall. Aber es ist anders hier, der Umgang ist ein anderer." In Nordhausen hört er immer wieder von Beleidigungen und Übergriffen. Als Integrationsbegleiter ist er oft der erste und manchmal auch der Einzige, dem man sich anvertraut. Gerade Frauen mit Kopftuch wären häufig das Ziel von Anfeindungen. "Die meisten reden nicht darüber, schon gar nicht mit der Polizei weil sie befürchten dann Ärger zu bekommen. Sie bleiben lieber still und gehen weg." Die Angreifer würde das am Ende in ihrem handeln bestärken.
Herr Omar kam aus Aachen zurück in den Südharz, weil er hier Arbeit und Freunde gefunden hat und hier will er auch bleiben. "Wir sind hier nicht als Touristen, wir wollen uns hier ein Leben aufbauen. In einem Land, in dem unsere Kinder selber entscheiden können, wer sie sein und was sie glauben wollen, ohne Angst haben zu müssen dafür in Schwierigkeiten zu geraten".
Mit viel Konsequenzen werden die mutmaßlichen Täter wohl nicht zu rechnen haben, ein wenig Nötigung, was soll schon sein. Sind ja nur Teenager. Die machen sowas halt. Am Ende steht Aussage gegen Aussage, so man sich denn die Mühe macht, die Gruppe ausfindig zu machen. Es ist nur eine kleine Episode, eine die sich wahrscheinlich so oder so ähnlich tagtäglich in Deutschland abspielen wird. Niemand wurde verletzt, ein bisschen Aufregung, die sich schnell wieder legt und kein anhaltendes Interesse erzeugen wird. Keine schöne Geschichte, aber auch keine die schlecht genug ist, um wirklich Gehör zu finden.
Und doch eine, die erzählt werden muss. Weil sie einen Abriss aus dem Alltag von Migranten in Nordhausen zeigt und eine Seite unserer Gesellschaft, die man nur allzugerne ignorieren würde. Wie man in diesem Land mit Flüchtlingen, Asylbewerbern und Migranten umgehen will, darüber kann man politisch diskutieren, auf dem Boden der Gesetze und Normen, die dieses Land zusammenhalten. Sollten die demokratischen Entscheidungen fallen und sich Mehrheiten finden, die hier andere Wege eingeschlagen wollen, dann wird dem so sein. Den eigenen Frust an Frauen und Kinder auf offener Straße auszulassen, sie anzugehen und einzuschüchtern, das ist einfach nur feige und widerlich.
Angelo Glashagel
