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nnz-Betrachtung: Trotzdem

Donnerstag, 23. Dezember 2004, 10:03 Uhr
Nordhausen (nnz). Kurz vor Weihnachten ist auch die Zeit zum Nachdenken. Das ist auch in Nordhausen nicht anders. Trotzdem sollte man bei den Gedanken an das zurückliegenden Jahr nicht in Nordhausen stehenbleiben.


Was brennt sich bei den Menschen für dieses Jahr besonders ein? Die Anworten auf diese Frage fallen recht unterschiedlich aus. Sie hängen immer von der individuellen Positon ab, sie erlauben jedoch auch Rückschlüsse auf das Allgemeine.

Ganz klar, Nordhausen ist in diesem Jahr von der Landesgartenschau dominiert worden. Die 169 Tage haben die Rolandstadt nicht unbedingt umgehauen, sie waren eigentlich nur der Endpunkt einer Veränderung, die es so wohl kaum wieder geben wird. Erinnern wir uns doch mal an Umleitungen, an gesperrte Straßen, die letztlich zu einem „aufgepeppten“ Nordhausen führten. Es sind vor allem die Menschen gewesen, die nach Jahren zurückgekehrt waren, die diese Veränderung besonders intensiv erlebten. Ob nun 50, 60 oder vielleicht auch 80 Millionen Euro – es war jedenfalls eine gigantische Summe, die nach Nordhausen floß. Nun kann man sich vermutlich noch Generationen lang streiten, ob das alles sinnhaft verwendet wurde – zum Beispiel über das Aussehen des Bahnhofsplatzes, die Form von Bänken oder Lampen.

Das eigentlich ist unwichtig. Viel wichtiger ist die Frage, für wen das alles verändert wurde? Gibt es auch in zehn Jahren noch genügend Menschen, die sich an dem jetzt Neuen, und dann vielleicht schon Altem freuen können? Wird es noch genau so viele Kinder geben, die von den angebotenen Spielmöglichkeiten auf dem Petersberg Gebrauch machen können? Wird Nordhausen vergreisen?

Die Fragen erfüllen mich mit Sorge, sie können aber nicht (nur) in Nordhausen beantwortet werden. Was macht denn in zehn Jahren eine Gesellschaft mit all jenen Menschen, die schon heute nicht mehr gebraucht werden? Wer kann sich an einer Rautenstraße oder an einem Theaterplatz dann noch erfreuen?

Im kommenden Jahr werden auch viele Nordhäuser die Härten einer neuen Sozialpolitik zu spüren bekommen. Viele Hartz-IV-Betroffene werden leer ausgehen. Sie müssen von ihren Lebens-Ehe-Partnern ernährt werden. Darunter auch Menschen, die gern einen Job machen würden, denen die Gesellschaft, zu der nun auch mal die Wirtschaft gehört, jedoch keine Chance bietet. Was wird mit ihnen, was bleibt für sie übrig? Befristete Ein-Euro-Jobs? Wieder befristete ABM? Befristete Hoffnung?

Ein viel gebrauchtes Zitat von Politikern aller Ebenen ist der Ausspruch von der Stärke einer Gesellschaft, die sich gerade darin zeigt, wie sie sich für die Schwächsten einsetzt. Sollte man diesen Spruch heranziehen, dann wird unsere Gesellschaft im nächsten Jahr nicht unbedingt stark sein.

Was ich persönlich vermisse, daß ist die laute Diskussion darüber, wie die Gesellschaft gestaltet werden soll, damit sie wieder den Namen „Gemeinwesen“ verdient. Eine Diskussion darüber, wie alle Teile dieser Gesellschaft dazu ihren Beitrag leisten können und müssen. Es darf keine Verselbständigung einzelner Elemente geben, dann bricht das Mosaik auseinander. Dieses Auseinanderbrechen wird sich Stück für Stück vollziehen. Erst ganz unbemerkt, dann werden die Bruchstücke größer. Und es wird wieder (zu) lange dauern, bis der politische Rahmen dieses Mosaiks eigentlich merkt, was in seinem Inneren passiert. Denn für die Politik gibt es immer wichtigeres – als da wären: lukrative Nebenverdienste, die nächsten Wahlen, der Machterhalt...

Trotzdem wünschen die Macher der nnz allen Lesern ein friedliches Weihnachtsfest, viel Glück, Gesundheit und ein Stück persönlicher Zufriedenheit.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz

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