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vier neue Stolpersteine gesetzt

Erinnerungskultur im 21. Jahrhundert

Donnerstag, 22. März 2018, 17:00 Uhr
Ein Name, ein Wohnort, der Tag der Geburt, der Tag der Ermordung - Stolpersteine tragen die Erinnerung an die Verbrechen der Nazi-Zeit in den Alltag und geben den einzelnen Schicksalen hinter den Opferzahlen wieder mehr Gewicht. Vier neue Stolpersteine wurden in Nordhausen heute gesetzt. Die wird man demnächst auch zeitgemäß erkunden können...

Vier neue Stolpersteine gesetzt (Foto: Angelo Glashagel) Vier neue Stolpersteine gesetzt (Foto: Angelo Glashagel)

Wer genau hinschaut, der findet in Nordhausen Zeichen der Vergangenheit auf Schritt und Tritt. Buchstäblich. Insgesamt 25 sogenannte "Stolpersteine" wurden in Nordhausen bereits gesetzt, heute kamen noch einmal vier dazu.

Die kleinen, glänzenden Mahnmale des Kölner Künstlers Gunter Demnig werden vor den ehemaligen Wohnorten der Opfer in den Boden eingelassen. Die vier jüngsten Steine erinnern an Emil Reichardt in der Rautenstraße 8, Arthur Warburg in der Karolingerstraße 31 sowie Dr. Paul Frohnhausen und Melanie Frohnhausen in der Alexander-Puschkin- Straße 18.

Die Stolpersteine sind inzwischen fester Bestandteil der Erinnerungskultur, nicht nur in Deutschland sondern auch über die Landesgrenzen hinaus. Eine Erinnerung an das was geschehen ist, die einen ein ums andere mal für einen kurzen Moment aus dem Alltag reißen kann. Auch wenn von dem Nordhausen, in dem Menschen wie Emil Reichhardt gelebt haben, nicht mehr viel übrig ist, so bleiben doch die Namen und ihre Geschichte.

Wer tiefer in die Einzelschicksale eintauchen wollte, der musste bisher entweder die Literatur wälzen, etwa die Ausarbeitungen von Dr. Manfred Schröder. Genau das hat eine Gruppe Schüler des Herder-Gymnasiums getan und sich eingehend mit Emil Reichhardt, Arthur Warburg sowie mit Paul und Melanie Frohnhausen befasst. Die Steine würden mehr tun, als nur auf die Schicksale einzelner Aufmerksam machen, berichteten die Schüler heute, sondern auch Opfergruppen miteinander verbinden. Emil Reichhardt etwa war SPD-Mitglied und engagierte sich gegen das Nazi-Regime. 1937 wird er verhaftet und am 15.4. 1942 in Buchenwald ermordet. Direkt unter dem neuen Stolperstein erinnert ein weiteres Mahnmal an Stephanie Pinthus, die im gleichen Jahr deportiert wird. Sie stirbt noch 1942 in Sobibor.

Die Schülerinnen und Schüler des Herder-Gymnasiums haben sich eingehend mit den Lebensumständen der Opfer auseinandergesetzt (Foto: Angelo Glashagel) Die Schülerinnen und Schüler des Herder-Gymnasiums haben sich eingehend mit den Lebensumständen der Opfer auseinandergesetzt (Foto: Angelo Glashagel)

Für die Erinnerung an Emil Reichhardt werden sich die Schülerinnen und Schüler auch persönlich weiter engagieren. Die Gruppe hat zusammengelegt um den Stolperstein selber zu finanzieren und wird in Zukunft auch die Pflege des Steines übernehmen.

Hinter den reinen Daten gibt es freilich noch mehr zu erzählen über die Menschen und ihre Lebensumstände. Bisher musste man für diese Informationen auf Broschüren in Papierform zurückgreifen. Auch das wollten die Schüler des Herder-Gymnasiums ändern und die Nordhäuser Erinnerungskultur in das 21. Jahrhundert führen. Mit einer App wird man demnächst den Weg zu den einzelnen Stolpersteinen finden können. Die App bietet neben einer Kartenfunktion auch weiterführende Informationen, allerdings nicht alles auf einmal. Nur wer sich auf den Weg macht einzelne Stolpersteine zu entdecken, kann auch mehr erfahren und findet man alle 29 Mahmale werden weitere Hintergründe freigeschaltet.

"Gamefication" nennt man die Methode neudeutsch, in Anlehnung an moderne Computerspiele wird der belohnt, der weiter forscht und fortschreitet. "Eine Broschüre nimmt die junge Generation kaum noch in die Hand", erklärt Lehrerein Heike Roeder, die Idee zur Digitalisierung des Wissens lag da nahe. Programmiert haben die Schülerinnen und Schüler indes nicht selber sondern sorgten vor allem für die Inhalte. Design und technische Umsetzung hat man einer Agentur überlassen, die nötige finanzielle Unterstützung konnte über das Bundesprogramm "Demokratie Leben" sichergestellt werden.

Noch ist die App nicht verfügbar, am 8. Mai soll die digitale Wanderkarte zu den Nordhäuser Stolpersteinen veröffentlicht werden und in den einschlägigen App-Stores kostenlos erhältlich sein.
Angelo Glashagel
Autor: red

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