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POLITIKVERDROSSENHEIT? – WER WUNDERT SICH DA NOCH?

Ein Trauerspiel um Macht und Einfluss

Samstag, 10. Februar 2018, 18:45 Uhr
Eine klassische Vorlage für Politikverdrossenheit wird uns gegenwärtig geboten. Ein Schauspiel um Lügen, Wortbrüchen, Intrigen, Säbelfechterei um Posten – ein Drama ohnegleichen. Hauptdarsteller: die SPD und ihr Noch-Vorsitzender. Als ein tragisch gescheiterter Politiker wird Martin Schulz in die Geschichte der Partei eingehen, ist sich Kurt Frank sicher...


Überlaut sein Nein zu einer Großen Koalition. Mit kräftiger Stimme betonte er zugleich sein Nein, nie in ein Kabinett Merkel einzutreten. Da klatschten ihm die Genossen noch frenetisch Beifall. Gestern schlugen sie ihm die Tür vor der Nase zu. Ihr Hoffnungsträger war zu einer Belastung geworden.

Sein Geschwätzt von gestern kümmerte Martin Schulz nicht. Am Ende wollte er Außenminister werden. Doch da saß sein – ehemaliger – guter Freund Gabriel, derzeit einer der beliebtesten Politiker. Das scherte den Mann aus Würselen nicht. Das war das Ende einer Freundschaft. Der Amtsinhaber reagierte. Wenn auch nicht sonderlich diplomatisch. Die Basis hatte nun endgültig die Nase voll. Ihr Unmut, auf einen Nenner gebracht, mündete in den Satz: Ihr seid das Letzte!

Gestern überhäuften die Genossen den Gestrandeten mit Respekt und Anerkennung für seinen Verzicht auf das Amt des Außenministers. So Andrea Nahles, die Rote Göttin. Selbst da war man nicht ehrlich. Sollte die Parteispitze nichts von den Ambitionen ihres Chefs gewusst haben? Das möchte keiner glauben.

Und die CDU? Im Normalfall würde sie sich die Hände reiben. Jetzt aber sieht sie wieder Licht am Ende des Tunnels. Mit dem Schulz-Abgang könnte die SPD in der Mitgliederbefragung doch noch für die Groko stimmen. Doch auch in der CDU rumort es. Die kritischen Stimmen gegen ihre Chefin sind nicht mehr zu überhören.

Merkel habe sich mit unverantwortlich vielen Zugeständnissen verkauft. Um Kanzlerin zu bleiben. Damit der Wind nicht zum Sturm wird, geht sie, gezwungenermaßen, in die Offensive. Sie soll sich, bemerkt eine große Tageszeitung, selbst in die ZDF-Sendung „Berlin direkt“ für morgen, 19.10 Uhr, eingeladen haben. Für Merkel höchst ungewöhnlich. Wird sie dort über eine baldige Klärung ihrer Nachfolge sprechen? Das wäre ihr Abgang. Oder weiß sie wieder nicht, was sie falsch gemacht habe? Das würde ihre Kritiker nur beflügeln. Mit einem süffigen Lächeln um das heiße Eisen? Man darf gespannt sein.

Das gegenwärtige Politik-Theater lässt sich nicht unbedingt auf Kreisebene übertragen. Wohl auch im Südharz weinen die SPD-Mitglieder den einstigen Messias keine nennenswerte Träne nach. Doch sie sollten auf der Hut sein, nicht weiter an Boden zu verlieren.

Mit dem Ausscheiden der SPD-Oberbürgermeisterin Barbara Rinke aus dem Amt ging das Rathaus verloren. Jetzt schickt die CDU einen jungen und fähigen Kandidaten ins Rennen, um die letzte Bastion der Sozialdemokraten, Ellrich, zu erobern. Die SPD hierzulande wird derzeit mehr oder weniger über Landrat Matthias Jendricke, Ortsvorsitzender der Sozialdemokraten, und Ellrichs Bürgermeister Matthias Ehrhold wahrgenommen. Beide gestandene Männer.

Jendricke nennt die Dinge, die ihn bewegen, zwar nicht immer diplomatisch beim Namen, spricht sie aber ohne Scheu direkt an. Und hat Recht in seiner Darlegung mancher anstehender Probleme. Ein Weichei, das sich hinter dem Wind abduckt, ist er nicht. Er schleicht nicht wie die Katze um den heißen Brei. Das macht ihn mir sympathisch. Im Umgang mit Jutta Krauth, Nordhausens SPD-Bürgermeisterin, wäre mehr Diplomatie angebracht. Ehrhold hat als Stadtchef in Ellrich viel Positives bewirkt.

Und die CDU im Südharz? Noch ist nichts – im Gegensatz zu Stammtischrunden – öffentlich zu hören über das miserable Groko-Verhandlungsergebnis ihrer Chefin. Damit sie, so scheint es, in einer Großen Koalition, wenn sie denn zustande kommt, Kanzlerin bleibt, ist man wohl eher bereit, Kröten zu schlucken.

Macht, Positionen, Einfluss – welch ein Trauerspiel bietet sich dem Betrachter. SPD und CDU wollen sich erneuern. Mit Nahles und Merkel? Wer wundert sich da noch über die Politikverdrossenheit der Bürger?
Kurt Frank

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Autor: red

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