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Theater als Lebensanspruch

Dienstag, 16. November 2004, 07:37 Uhr
Nordhausen (nnz). Theater sollte man nicht unbedingt an Zahlen messen. Trotzdem spielen Zahlen auch im Nordhäuser Musentempel eine nicht unwichtige Rolle. Die nnz hat sich mit Intendant Lars Tietje und Verwaltungsdirektor Wolfgang Schwerdtfeger unterhalten. Nicht nur über Zahlen...


Das, was Tietje und Schwerdtfeger bei ihrem Amtsantritt von der vorherigen Intendanz übernommen hatten, lässt sich ganz einfach beschreiben. Die Geschäftsführung hatte verantwortungsbewusst gewirtschaftet, die beiden Männer konnten auf einem ausgeglichenen Haushalt aufbauen. Schmerzlich, auch im Nachhinein, ist vor allem für Lars Tietje, der Wegfall der Schauspielsparte. Zwar gibt es das Angebot in dieser Spielzeit aus dem Rudolstädter Haus in Sachen Schauspiel, aber: Hausgemacht ist hausgemacht. Was die neue Leitung der GmbH noch übernommen hat, das war Luftholen durch die Schauspielamputation, das waren Gehaltseinbußen aller Mitarbeiter durch einen Haustarifvertrag und das waren in erster Linie: Motivierte Mitarbeiter.

Man schreibt noch nicht das Jahr 2008, noch nicht. Doch so mancher Gedanke wird an diese Zeit und an die danach „verschwendet“. Die Signale, die die Nordhäuser Führungsmannschaft bislang aus Erfurt hörte, lassen sich einfach zusammenfassen. Ab 2008 gibt es weniger Geld für die Theater geben und: Die Standorte Erfurt, Weimar und Meiningen sind „gesetzt“. Deshalb muß um des Überlebenswillens eine umfassende Diskussion in Gang gesetzt werden. In der kommunalen Politik, bei den Gesellschaftern der GmbH und vor allem: Beim Publikum – dem jetzigen und beim künftigen.

Tietje und Schwerdtfeger geben sich keinen Illusionen hin. Viel mehr als zehn Prozent an eigenen Einnahmen wird ein Theaterhaushalt nicht erheischen können. Vielleicht aber kann bei den Preisen etwas gemacht werden. Man wolle die künftig flexibler gestalten. Trotzdem soll es auch Theater für Jedermann geben. Aber: Wer zum Beispiel zu Silvester einen ganz besonderen Abend im Theater erleben will, der kann auch für die „lustige Witwe“ ein paar Euro mehr drauf legen. Nicht ohne Stolz verweist Wolfgang Schwerdtfeger auf die wirtschaftliche Bilanz der Japan-Tournee des Loh-Orchesters. Die hat vermutlich neben einem nicht zu beziffernden Image-Gewinn des Ensembles auch einen vierstelligen Euro-Betrag in die Kasse der GmbH gespült.

In Fachkreisen wurde Lars Tietje schon mal vorgeworfen, er würde sich zu stark in Inszenierungen einmischen. Stimmt das? „Ja und nein – Fakt ist: Ich will Theater für die Zuschauer machen. Sie müssen sich in den kommenden Jahren noch stärker als zuvor mit ihrem Stadttheater identifizieren. Sie müssen es als unverzichtbar für sich, für ihren Lebensanspruch und für ihre Stadt ansehen.“ Nur wenn sich die Region mit einem Theater wohl fühlt, dann wird sich auch das Theater in der Region wohlfühlen. Ein breiter Rücken für die Theatermacher und für die Gesellschafter wird die beste Basis für die Zeit nach 2008 sein.

Viel mehr kann die junge Leitungsmannschaft derzeit nicht machen, aber auch nicht weniger. Gutes Theater ist das Pfand, denn konkrete Konzepte und auch nur Planungsansätze aus Erfurt sind bislang Fehlanzeige. Es schwebt eben nur das bekannte Schwert über den Häusern in diesem theaterdichten Bundesland. Die Politik in den Kommunen muß die Richtung vorgeben. Die Suche nach Kooperationspartnern – auch über Landesgrenzen hinweg – ist ein Weg.

Was wichtig ist: Das Nordhäuser Theater muß eine größere Lobby bekommen. Ein wieder agiler Förderverein in Nordhausen, ein weiterer in Sondershausen – das ist zu wenig. Wichtig ist, die Leute, die das Sagen in Erfurt haben, die müssen gewonnen werden. Wie wäre es denn mit einer Mitgliedschaft von Landtagsabgeordneten, von Ministern in diesem Verein. In punkto Minister hat Nordhausen doch eine sehr schöne Dichte mit den Herren Reinholz oder Zeh aufzubieten. Das wäre doch was, wenn man auch mal das nachmacht, was Kollege Trautvetter in Südthüringen vormacht.

Die neue Mannschaft ist etwas mehr als drei Monate richtig im Amt. Die Ansätze sind vorhanden, doch der Premierenbeifall ist immer eine temporäre Angelegenheit, es gilt sie jetzt auszubauen, Nachhaltigkeit zu erzeugen. Sich mit seinem Theater zu identifizieren, das bedeutet letztlich für die Gesellschafter nicht nur, an Versammlungen teilzunehmen, sondern eben auch ins Theater zu gehen. Und wenn schon der neue Thüringer Kultusminister Prof. Jens Göbel zu einer Premiere in Nordhausen erscheint, dann macht das keinen guten Eindruck, wenn kein führender Vertreter der Gesellschaft anwesend ist.
Autor: nnz

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