nnz-Forum: Stellung nehmen
Mittwoch, 10. November 2004, 12:24 Uhr
Nordhausen (nnz). Der 9. November kennt – historisch gesehen – in Deutschland viele Jahreszahlen. Und zu diesem 9. November veröffentlichen wir im Forum eine Betrachtung eines nnz-Lesers.
Es war der 9. November. Wenn man so will, der Tag der Deutschen, in dem Größe und Elend unserer Nation eng beisammen liegen. Es ist nicht nur der Jahrestag der Maueröffnung und des Nazi-Pogroms von 1938. Hitler hatte den Tag bewusst ausgewählt. Am 9. November 1918 riefen sowohl Scheidemann von der SPD die parlamentarische deutsche Republik als auch ein paar Stunden früher Karl Liebknecht die Räterepublik aus.
An diesem Tag im Jahre 1923 putschten Hitler und Ludendorff in München. Die Herren hatten einen Sinn für historische Inszenierungen. Der 9. November markiert auch das Ende der Märzrevolution von 1848. An diesem Tag wurde der populäre linksliberale Abgeordnete der Frankfurter Nationalversammlung, Robert Blum, von der Konterrevolution erschossen. Nach ihm ist in Nordhausen eine Straße benannt. Es ist ein Tag der Anlass gibt, über historische Zusammenhänge nachzudenken. Nicht nur zur besseren Unterscheidung (auch für meine eigene Haltung) zwischen Betroffenheits-Pflichtübungen vor Gedenksteinen und persönlicher Konsequenz.
Für mich war der Tag Anlass, mir über eine beängstigende Parallele zwischen der Ideologie der Bush-Administration (und bei weitem nicht nur dieser) und der des Bolschewismus oder Stalinismus bewusster zu werden. Das bedeutet keine Gleichsetzung der beiden, was Unsinn wäre. Aber es gibt Momente in der Selbstbestätigung oder Apologie von politischen Systemen, die auf eine Konformität des Aufbaus schließen lassen. Die Oktoberrevolution in Russland war mit dem Anspruch auf die Vollendung einer proletarischen Weltrevolution angetreten. Lenin war sich darüber im Klaren, dass das Experiment einer Diktatur des Proletariats, die wohl ehr die brutale Diktatur einer Kaste von Berufsrevolutionären war, nur dann Erfolg haben würde, wenn es zu einem Weltbrand käme.
Er hoffte insbesondere auf Deutschland nach dessen Niederlage im 1. Weltkrieg. Der Verlauf der Geschichte zeigte, dass dieses Experiment gründlichst misslang und in einem Meer von Blut ertränkt wurde. In dem Maße, wie die Sowjetunion in der Zeit nach den Grauen des Bürgerkrieges in der Weltgemeinschaft isoliert war, entstand bei den Kommunisten die Vorstellung des permanenten Klassenkampfes auf internationaler Ebene. Stalins Theoretiker formulierten sie als These von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem einzelnen Land. Ossis wie mir ist die Spätform davon noch aus dem Staatsbürgerkundeunterricht als internationaler Klassenkampf der Systeme und als Epoche des weltweiten Übergangs vom Imperialismus zum Sozialismus bekannt.
Die internen Folgen waren die permanente Angst vor den zersetzenden Einflüssen des Klassenfeindes, der Ausschließlichkeitsanspruch auf die historische Wahrheit, verbunden mit einer penetranten Ignoranz und Arroganz (von der Partei, die immer Recht hat) und damit die Stigmatisierung und Unterdrückung aller Andersdenkenden. Ausgrenzung, Abschottung und der Anspruch auf ausschließliches Recht, ein solches Selbstverständnis bedarf der Angst, des beständigen Feindes, des ewigen Kampfes.
Die Parallele ist bei allen Unterschieden beängstigend – America at war und der Rest der Welt mit ihm. Ich hingegen möchte in Frieden leben und auch in Frieden sterben. Und ich träume davon, dass dies alle Menschen könnten. Im als so liberal (ver-) bekannten Holland werden an diesem 9. November Menschen bedroht und brennen Grundschulen. Das ist es, was mich so nachdenklich stimmt an diesem Tag im Jahre 2004.
Mit der Erfahrung kommt die Ahnung, dass es völlig egal ist, in welchem Gewand totalitäre Ansprüche auf Ausgewähltheit daherkommen, ob als religiöser Fundamentalismus, neoliberaler Klassendünkel von selbst ernannten Leistungseliten, politische Doktrin von Brandstiftern aller Couleur oder rassische Überheblichkeit. Der 9. November ist ein Tag der zur Stellungnahme nötigt.
Klaus-Uwe Koch
Es war der 9. November. Wenn man so will, der Tag der Deutschen, in dem Größe und Elend unserer Nation eng beisammen liegen. Es ist nicht nur der Jahrestag der Maueröffnung und des Nazi-Pogroms von 1938. Hitler hatte den Tag bewusst ausgewählt. Am 9. November 1918 riefen sowohl Scheidemann von der SPD die parlamentarische deutsche Republik als auch ein paar Stunden früher Karl Liebknecht die Räterepublik aus.
An diesem Tag im Jahre 1923 putschten Hitler und Ludendorff in München. Die Herren hatten einen Sinn für historische Inszenierungen. Der 9. November markiert auch das Ende der Märzrevolution von 1848. An diesem Tag wurde der populäre linksliberale Abgeordnete der Frankfurter Nationalversammlung, Robert Blum, von der Konterrevolution erschossen. Nach ihm ist in Nordhausen eine Straße benannt. Es ist ein Tag der Anlass gibt, über historische Zusammenhänge nachzudenken. Nicht nur zur besseren Unterscheidung (auch für meine eigene Haltung) zwischen Betroffenheits-Pflichtübungen vor Gedenksteinen und persönlicher Konsequenz.
Für mich war der Tag Anlass, mir über eine beängstigende Parallele zwischen der Ideologie der Bush-Administration (und bei weitem nicht nur dieser) und der des Bolschewismus oder Stalinismus bewusster zu werden. Das bedeutet keine Gleichsetzung der beiden, was Unsinn wäre. Aber es gibt Momente in der Selbstbestätigung oder Apologie von politischen Systemen, die auf eine Konformität des Aufbaus schließen lassen. Die Oktoberrevolution in Russland war mit dem Anspruch auf die Vollendung einer proletarischen Weltrevolution angetreten. Lenin war sich darüber im Klaren, dass das Experiment einer Diktatur des Proletariats, die wohl ehr die brutale Diktatur einer Kaste von Berufsrevolutionären war, nur dann Erfolg haben würde, wenn es zu einem Weltbrand käme.
Er hoffte insbesondere auf Deutschland nach dessen Niederlage im 1. Weltkrieg. Der Verlauf der Geschichte zeigte, dass dieses Experiment gründlichst misslang und in einem Meer von Blut ertränkt wurde. In dem Maße, wie die Sowjetunion in der Zeit nach den Grauen des Bürgerkrieges in der Weltgemeinschaft isoliert war, entstand bei den Kommunisten die Vorstellung des permanenten Klassenkampfes auf internationaler Ebene. Stalins Theoretiker formulierten sie als These von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem einzelnen Land. Ossis wie mir ist die Spätform davon noch aus dem Staatsbürgerkundeunterricht als internationaler Klassenkampf der Systeme und als Epoche des weltweiten Übergangs vom Imperialismus zum Sozialismus bekannt.
Die internen Folgen waren die permanente Angst vor den zersetzenden Einflüssen des Klassenfeindes, der Ausschließlichkeitsanspruch auf die historische Wahrheit, verbunden mit einer penetranten Ignoranz und Arroganz (von der Partei, die immer Recht hat) und damit die Stigmatisierung und Unterdrückung aller Andersdenkenden. Ausgrenzung, Abschottung und der Anspruch auf ausschließliches Recht, ein solches Selbstverständnis bedarf der Angst, des beständigen Feindes, des ewigen Kampfes.
Die Parallele ist bei allen Unterschieden beängstigend – America at war und der Rest der Welt mit ihm. Ich hingegen möchte in Frieden leben und auch in Frieden sterben. Und ich träume davon, dass dies alle Menschen könnten. Im als so liberal (ver-) bekannten Holland werden an diesem 9. November Menschen bedroht und brennen Grundschulen. Das ist es, was mich so nachdenklich stimmt an diesem Tag im Jahre 2004.
Mit der Erfahrung kommt die Ahnung, dass es völlig egal ist, in welchem Gewand totalitäre Ansprüche auf Ausgewähltheit daherkommen, ob als religiöser Fundamentalismus, neoliberaler Klassendünkel von selbst ernannten Leistungseliten, politische Doktrin von Brandstiftern aller Couleur oder rassische Überheblichkeit. Der 9. November ist ein Tag der zur Stellungnahme nötigt.
Klaus-Uwe Koch
| Anmerkung der nnz-Redaktion: Die im nnz-Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor. |
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