Neue Dauerausstellung im Tabakspeicher
Scherben mit Geschichte
Dienstag, 28. November 2017, 16:00 Uhr
Wenn alte Scherben sprechen könnten, sie hätten viel zu erzählen. Für die meisten Menschen bleiben die Überreste der Vergangenheit stumm, nicht so für Archäologen. Im Tabakspeicher arbeitet man derzeit daran alte Artefakte wieder zum sprechen zu bringen und die Geschichten hinter den Scherben sichtbar zu machen. Etwa mit Hilfe eines neuen "alten" Kachelofens...
Sprechende Scherben im Tabakspeicher - neue Dauerausstellung wird vorbereitet (Foto: Angelo Glashagel)
Es gibt Dinge im Alltag, die sind über alle Zeiten und alle Standesgrenzen hinweg universell. Ein gemütliches Plätzchen am warmen Feuer wird ein König ebenso genießen wie ein einfacher Bauer. Der eine wird sich derlei Annehmlichkeiten eher leisten können als der andere, die Freude an ein wenig Komfort dürfte dennoch beiden gleich sein.
Die Idee von der "guten Stube" hat festen Eingang gefunden in die deutsche Alltagskultur, vor gut 800 Jahren hing ihr noch mehr als nur ein Hauch des luxuriösen an, erreichbar nur für den wohlhabenden Adel und die Geistlichkeit. Während sich kleine Mann, ob Bauer oder Bürger, an kalten Wintertagen an der offenen Feuerstelle zwischen vom Ruß geschwärzten Wänden in seinem einfachen Häuschen wärmte, konnten die hohen Herren ihre Gäste in ihrer "guten Stube" empfangen und der schriftgelehrte Mönch freut sich das ihm beim kopieren alter Folianten nicht mehr die Finger abfrieren.
Möglich gemacht hat das eine Erfindungen die auch heute noch in manchem Altbau zu finden sein mag: der Kachelofen. Der Begriff "Kachel" kommt eigentlich aus dem Süddeutschen und bedeutet soviel wie "Topf". Tatsächlich erinnern frühe Kacheln stark an Gefäße, erst über die Jahrhunderte werden flachere, oft reich verzierte, Variationen populär. Die Blütezeit des Kachelofens fällt mit der Reformation zusammen, auch im bürgerlichen Milieu finden sich jetzt zunehmend Überreste der mittelalterlichen Heizkörper.
Diese Evolution des Wohnkonformts ist demnächst im Museum Tabakspeicher zu sehen. Archäologin Nadine Holesch überarbeitet dieser Tage die Sammlung des Hauses. Dabei wird vor allem auf Authenzität gesetzt. Einen alten Rennofen hat sie mit den Schülern des Herdergymnasiums rekonstruiert und im Feldversuch getestet, im ersten Stock glänzt eine wunderschöne Axt aus echter Bronze. Geklebt mit Baumharz und fest umwickelt steckt das Werkzeug fest im Holzbalken des Museums, als hätte sie ein antiker Waidmann gerade erst hinein geschlagen. Daneben, gut verschlossen hinter Glas, prangen die originalen Funde aus der langen Nordhäuser Siedlungsgeschichte.
In den vergangenen beiden Tagen hat man der neuen Ausstellung ein weiteres Highlight hinzugefügt: einen alten Kachelofen, etwa aus dem 15. Jahrhundert. Dafür hat sich Frau Holesch professionelle Verstärkung geholt: Töpfermeister Johannes Klett.
Gearbeitet hat das Duo mit tatkräftiger Unterstützung von zwei weiteren Freiwilligen mit Nordhäuser Ton, freundlicherweise bereit gestellt von der Ziegelei Sorell. Das neue Ausstellungsstück wird nach historische Vorlage von Hand aufgebaut, die Kacheln hat man selbst gefertigt und gebrannt, natürlich mit den Werkzeugen, die den Handwerkern vor 500 Jahren zur Verfügung standen.
Für die Waren seiner Vorfahren wäre der Nordhäuser Ton allerdings nicht gut genug gewesen, erzählt Klett, in seinem Heimatort Fredelsloh geht man seit 800 Jahren der Keramikkunst nach, bis heute ist das Städtchen als Töpfer-Dorf bekannt.
Ein Stück aus der Hand der alten Fredelsloher Meister hat man in der Nordhäuser Rosengasse gefunden. Auch das ein Alltagsgegenstand, der mehr ist als eine zerbrochene Antiquität, wenn man ihn zu lesen versteht.
Die Fredelsloher Keramik erzählt von der weiten Welt des frühen 16. Jahrhunderts, von Wanderungsbewegungen im Inland und vom Welthandel der damaligen Zeit. Denn die Waren der Fredelsloher Töpfer finden sich nicht nur in Nordhausen und später in Sachsen-Anhalt, sondern auch in Finnland, Norwegen und anderen weit entfernten Orten. Mit dem exzellentem Ton schaffen die Handwerker wasserdichte Trinkgefäße die auch für weniger wohlhabende Zeitgenossen erschwinglicher sind als klares Glas aus dem fernen Italien oder auch nur dem deutschen Süden, weiß Töpfermeister Klett zu berichten.
Tradition und Geschichte - seit 800 Jahren befassen sich Kletts Vorfahren mit Töpferei (Foto: Angelo Glashagel)
Es sind Geschichten wie diese, die Vergangenheit lebendig werden lassen und eine Ahnung davon geben, wie der Mensch über die Jahrhunderte hinweg gelebt haben mag, was unseren Vorfahren in ihrem Alltag wichtig war und was uns heute noch mit ihnen verbindet. Es sind Geschichten vom Mensch sein, die sich in ihren Grundlagen nicht großartig geändert haben. Wer mag sie nicht, die gute warme Stube, wenn die kalten Tage kommen. Damals wie heute.
Diese und andere Einblicke in die Vergangenheit der Stadt und ihrer Bewohner sind dem breiten Publikum im Moment noch verwehrt, aber nicht mehr lange: am 17. Dezember wird der Tabakspeicher seine neue Dauerausstellung für seine Besucher öffnen.
Angelo Glashagel
Autor: red
Sprechende Scherben im Tabakspeicher - neue Dauerausstellung wird vorbereitet (Foto: Angelo Glashagel)
Es gibt Dinge im Alltag, die sind über alle Zeiten und alle Standesgrenzen hinweg universell. Ein gemütliches Plätzchen am warmen Feuer wird ein König ebenso genießen wie ein einfacher Bauer. Der eine wird sich derlei Annehmlichkeiten eher leisten können als der andere, die Freude an ein wenig Komfort dürfte dennoch beiden gleich sein.
Die Idee von der "guten Stube" hat festen Eingang gefunden in die deutsche Alltagskultur, vor gut 800 Jahren hing ihr noch mehr als nur ein Hauch des luxuriösen an, erreichbar nur für den wohlhabenden Adel und die Geistlichkeit. Während sich kleine Mann, ob Bauer oder Bürger, an kalten Wintertagen an der offenen Feuerstelle zwischen vom Ruß geschwärzten Wänden in seinem einfachen Häuschen wärmte, konnten die hohen Herren ihre Gäste in ihrer "guten Stube" empfangen und der schriftgelehrte Mönch freut sich das ihm beim kopieren alter Folianten nicht mehr die Finger abfrieren.
Möglich gemacht hat das eine Erfindungen die auch heute noch in manchem Altbau zu finden sein mag: der Kachelofen. Der Begriff "Kachel" kommt eigentlich aus dem Süddeutschen und bedeutet soviel wie "Topf". Tatsächlich erinnern frühe Kacheln stark an Gefäße, erst über die Jahrhunderte werden flachere, oft reich verzierte, Variationen populär. Die Blütezeit des Kachelofens fällt mit der Reformation zusammen, auch im bürgerlichen Milieu finden sich jetzt zunehmend Überreste der mittelalterlichen Heizkörper.
Diese Evolution des Wohnkonformts ist demnächst im Museum Tabakspeicher zu sehen. Archäologin Nadine Holesch überarbeitet dieser Tage die Sammlung des Hauses. Dabei wird vor allem auf Authenzität gesetzt. Einen alten Rennofen hat sie mit den Schülern des Herdergymnasiums rekonstruiert und im Feldversuch getestet, im ersten Stock glänzt eine wunderschöne Axt aus echter Bronze. Geklebt mit Baumharz und fest umwickelt steckt das Werkzeug fest im Holzbalken des Museums, als hätte sie ein antiker Waidmann gerade erst hinein geschlagen. Daneben, gut verschlossen hinter Glas, prangen die originalen Funde aus der langen Nordhäuser Siedlungsgeschichte.
In den vergangenen beiden Tagen hat man der neuen Ausstellung ein weiteres Highlight hinzugefügt: einen alten Kachelofen, etwa aus dem 15. Jahrhundert. Dafür hat sich Frau Holesch professionelle Verstärkung geholt: Töpfermeister Johannes Klett.
Gearbeitet hat das Duo mit tatkräftiger Unterstützung von zwei weiteren Freiwilligen mit Nordhäuser Ton, freundlicherweise bereit gestellt von der Ziegelei Sorell. Das neue Ausstellungsstück wird nach historische Vorlage von Hand aufgebaut, die Kacheln hat man selbst gefertigt und gebrannt, natürlich mit den Werkzeugen, die den Handwerkern vor 500 Jahren zur Verfügung standen.
Für die Waren seiner Vorfahren wäre der Nordhäuser Ton allerdings nicht gut genug gewesen, erzählt Klett, in seinem Heimatort Fredelsloh geht man seit 800 Jahren der Keramikkunst nach, bis heute ist das Städtchen als Töpfer-Dorf bekannt.
Ein Stück aus der Hand der alten Fredelsloher Meister hat man in der Nordhäuser Rosengasse gefunden. Auch das ein Alltagsgegenstand, der mehr ist als eine zerbrochene Antiquität, wenn man ihn zu lesen versteht.
Die Fredelsloher Keramik erzählt von der weiten Welt des frühen 16. Jahrhunderts, von Wanderungsbewegungen im Inland und vom Welthandel der damaligen Zeit. Denn die Waren der Fredelsloher Töpfer finden sich nicht nur in Nordhausen und später in Sachsen-Anhalt, sondern auch in Finnland, Norwegen und anderen weit entfernten Orten. Mit dem exzellentem Ton schaffen die Handwerker wasserdichte Trinkgefäße die auch für weniger wohlhabende Zeitgenossen erschwinglicher sind als klares Glas aus dem fernen Italien oder auch nur dem deutschen Süden, weiß Töpfermeister Klett zu berichten.
Tradition und Geschichte - seit 800 Jahren befassen sich Kletts Vorfahren mit Töpferei (Foto: Angelo Glashagel)
Es sind Geschichten wie diese, die Vergangenheit lebendig werden lassen und eine Ahnung davon geben, wie der Mensch über die Jahrhunderte hinweg gelebt haben mag, was unseren Vorfahren in ihrem Alltag wichtig war und was uns heute noch mit ihnen verbindet. Es sind Geschichten vom Mensch sein, die sich in ihren Grundlagen nicht großartig geändert haben. Wer mag sie nicht, die gute warme Stube, wenn die kalten Tage kommen. Damals wie heute.
Diese und andere Einblicke in die Vergangenheit der Stadt und ihrer Bewohner sind dem breiten Publikum im Moment noch verwehrt, aber nicht mehr lange: am 17. Dezember wird der Tabakspeicher seine neue Dauerausstellung für seine Besucher öffnen.
Angelo Glashagel

