Arbeitsmarkt und Automatisierung
Globalisierung im Herzen der Provinz
Donnerstag, 02. November 2017, 14:10 Uhr
Die Arbeitslosigkeit so niedrig wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr, wieder einmal. Karsten Froböse, Leiter der Agentur für Arbeit Nordhausen, hatte in den letzten Monaten fast nur gute Nachrichten zu verkünden. Doch wie geht es weiter? Wird der technische zum Anstieg der Arbeitslosigkeit führen? Nicht unbedingt...
v.l.: Andrea Springer und Karsten Froböse von der Agentur für Arbeit, die Auszubildenden Paul und Farhad mit Geschäftsführer Torsten Meyer (Foto: Angelo Glashagel)
v.l.: Andrea Springer und Karsten Froböse von der Agentur für Arbeit, die Auszubildenden Paul und Farhad mit Geschäftsführer Torsten Meyer
Eigentlich kann es für die mtm Plastics GmbH nur aufwärts gehen in den nächsten Jahren. Die Firma mit Sitz in Niedergebra verarbeitet das, was andere wegschmeißen - Kunststoffe aus dem Haushalt, Hartplastik und Produktionsreste. Im kommenden Jahr will man die eigenen Kapazitäten um fast 40% erhöhen. Möglich wurde das auch weil die Firma seit einem guten Jahr teil von "Borealis" sind, dem weltweit zweitgrößten Kunststoffhersteller.
Seit 2002 ist Torsten Meyer hier Geschäftsführer. Damals hat die Firma noch Lattenzäune und Gartenbänke aus recyceltem Material hergestellt. Die technsiche Entwicklung der letzten 15 Jahre hat auch die Arbeitswelt verändert, verschiedene Granulate gewinnt man heute aus Haus- und Industriemüll, aus denen wiederrum neue Produkte hergestellt werden können. Die Hersteller der "Edding"-Textmarker etwa arbeiten mit der Firma zusammen und haben eine Reihe Filzstifte entwickelt, die ihren "Lebenszyklus" im Niedergebraer Werk als Granulat beginnen und als "Abfall" und Grundstoff für neues Granulat wieder beenden.
Im europäischen Vergleich ist der Anteil an recycelten Kunststoffen mit knapp 600.000 Tonnen zu fast 8 Mio. Tonnen an herkömmlich produzierten Kunststoffen noch immer vergleichsweise gering, aber die Entwicklung gehe für seine Firma in die richtige Richtung, erklärt Meyer. Die Plastiktüte verschwindet langsam aus den Supermärkten, Verbraucher und Hersteller stellen ihren Bedarf angesichts massiver Müllprobleme rund um den Globus langsam um.
Neue Kapazitäten will man in Niedergebra aufbauen, allein es wird schwierig die Arbeitskräfte zu finden (Foto: Angelo Glashagel)
Das ist die eine Seite. Die andere Seite des technischen Fortschritts sorgt für Zukunftsängste, eine zweite industrielle Revolution ausgelöst durch Digitalisierung und Automatisierung, rollt auf die Welt zu in deren Folge ganze Branchen aussterben und viele Menschen arbeitslos werden könnten, so die Überlegung.
"Die Veränderung kommt, ob man das nun begrüßt oder nicht. Die Frage ist ob wir sie positiv gestalten und etwas daraus machen können. Da ist strategisches Denken auch für eine Region wichtig", sagte Karsten Froböse, Leiter der Nordhäuser Agentur für Arbeit bei der heutigen Vorstellung der aktuellen Arbeitsmarktdaten für Nordthüringen.
Und die sind gut, wie seit Monaten schon. Die Arbeitslosigkeit ist weiter gesunken, im Oktober ein Minus von 10,5% im Vergleich zum letzten Jahr. 8072 Arbeitslose zählt die Agentur für die drei Nordthüringer Landkreise Eichsfeld, Kyffhäuser und Nordhausen. Die Zahl derer die über Förderung, Weiterbildung oder andere Umstände aus der Statistik fallen ist ebenfalls gesunken. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten: gestiegen. Die Personalnachfrage der Unternehmen: gestiegen. Langzeitarbeitslosigkeit? Seit 2012 um fast 30% auf 3.047 Personen zurückgegangen. Viele Branchen haben mehr Ausbildungsplätze zu bieten als Bewerber sie zu besetzen. Ein Luxusproblem, aber eines das man Ernst nehmen sollte.
"Jeder fünfte Beschäftigte in Nordthüringen ist heute über 55 Jahre alt und geht in den nächsten zehn Jahren in Rente", erklärt Froböse, Quantitativ werde man das nicht aus der Region heraus ausgleichen können.
Die Ausführungen des Agenturchefs würden sich mit dem decken, was man selber erlebe, meinte Geschäftsführer Meyer, seit 2003 bildet man selber aus, aktuell sind sieben der 101 Mitarbeiter Auszubildende. Die Arbeitskräfte aus anderen Regionen abzuwerben oder allein auf "Rückkehrer" aus dem Westen zu setzen sei letztlich eine Art von Kannibalismus, meinte Meyer. Aktuell sei der Markt "leergefegt", 10 bis 15 neue Kräfte für die geplante Kapazitätserhöhung zu finden sei schwierig.
Und so sieht das Endprodukt aus: Plastik-Granulat als Grundstoff für neue Produkte (Foto: Angelo Glashagel)
Aber wird das nötig sein wenn die Maschinen das Regiment in der Wirtschaft übernehmen? Bei mtm Plastics hat sich dieser Wandel schon größtenteils vollzogen. Und man hat heute mehr Mitarbeiter als früher. "Die technische Entwicklung hat unser Wachstum begleitet", sagt Meyer, heute ist das Werk vollautomatisiert, arbeitet 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Menschen braucht es trotzdem noch, Techniker, und Elektriker vor allem.
Und noch können sich Maschinen nicht selbst warten und reparieren. So ganz ohne Menschen wird es also auch in der nahen Zukunft nicht gehen. Und an gut ausgebildeten Experten mangelt es in der Region aktuell.
Angelo Glashagel
Autor: red
v.l.: Andrea Springer und Karsten Froböse von der Agentur für Arbeit, die Auszubildenden Paul und Farhad mit Geschäftsführer Torsten Meyer (Foto: Angelo Glashagel)
v.l.: Andrea Springer und Karsten Froböse von der Agentur für Arbeit, die Auszubildenden Paul und Farhad mit Geschäftsführer Torsten Meyer
Eigentlich kann es für die mtm Plastics GmbH nur aufwärts gehen in den nächsten Jahren. Die Firma mit Sitz in Niedergebra verarbeitet das, was andere wegschmeißen - Kunststoffe aus dem Haushalt, Hartplastik und Produktionsreste. Im kommenden Jahr will man die eigenen Kapazitäten um fast 40% erhöhen. Möglich wurde das auch weil die Firma seit einem guten Jahr teil von "Borealis" sind, dem weltweit zweitgrößten Kunststoffhersteller.
Seit 2002 ist Torsten Meyer hier Geschäftsführer. Damals hat die Firma noch Lattenzäune und Gartenbänke aus recyceltem Material hergestellt. Die technsiche Entwicklung der letzten 15 Jahre hat auch die Arbeitswelt verändert, verschiedene Granulate gewinnt man heute aus Haus- und Industriemüll, aus denen wiederrum neue Produkte hergestellt werden können. Die Hersteller der "Edding"-Textmarker etwa arbeiten mit der Firma zusammen und haben eine Reihe Filzstifte entwickelt, die ihren "Lebenszyklus" im Niedergebraer Werk als Granulat beginnen und als "Abfall" und Grundstoff für neues Granulat wieder beenden.
Im europäischen Vergleich ist der Anteil an recycelten Kunststoffen mit knapp 600.000 Tonnen zu fast 8 Mio. Tonnen an herkömmlich produzierten Kunststoffen noch immer vergleichsweise gering, aber die Entwicklung gehe für seine Firma in die richtige Richtung, erklärt Meyer. Die Plastiktüte verschwindet langsam aus den Supermärkten, Verbraucher und Hersteller stellen ihren Bedarf angesichts massiver Müllprobleme rund um den Globus langsam um.
Neue Kapazitäten will man in Niedergebra aufbauen, allein es wird schwierig die Arbeitskräfte zu finden (Foto: Angelo Glashagel)
Das ist die eine Seite. Die andere Seite des technischen Fortschritts sorgt für Zukunftsängste, eine zweite industrielle Revolution ausgelöst durch Digitalisierung und Automatisierung, rollt auf die Welt zu in deren Folge ganze Branchen aussterben und viele Menschen arbeitslos werden könnten, so die Überlegung.
"Die Veränderung kommt, ob man das nun begrüßt oder nicht. Die Frage ist ob wir sie positiv gestalten und etwas daraus machen können. Da ist strategisches Denken auch für eine Region wichtig", sagte Karsten Froböse, Leiter der Nordhäuser Agentur für Arbeit bei der heutigen Vorstellung der aktuellen Arbeitsmarktdaten für Nordthüringen.
Und die sind gut, wie seit Monaten schon. Die Arbeitslosigkeit ist weiter gesunken, im Oktober ein Minus von 10,5% im Vergleich zum letzten Jahr. 8072 Arbeitslose zählt die Agentur für die drei Nordthüringer Landkreise Eichsfeld, Kyffhäuser und Nordhausen. Die Zahl derer die über Förderung, Weiterbildung oder andere Umstände aus der Statistik fallen ist ebenfalls gesunken. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten: gestiegen. Die Personalnachfrage der Unternehmen: gestiegen. Langzeitarbeitslosigkeit? Seit 2012 um fast 30% auf 3.047 Personen zurückgegangen. Viele Branchen haben mehr Ausbildungsplätze zu bieten als Bewerber sie zu besetzen. Ein Luxusproblem, aber eines das man Ernst nehmen sollte.
"Jeder fünfte Beschäftigte in Nordthüringen ist heute über 55 Jahre alt und geht in den nächsten zehn Jahren in Rente", erklärt Froböse, Quantitativ werde man das nicht aus der Region heraus ausgleichen können.
Die Ausführungen des Agenturchefs würden sich mit dem decken, was man selber erlebe, meinte Geschäftsführer Meyer, seit 2003 bildet man selber aus, aktuell sind sieben der 101 Mitarbeiter Auszubildende. Die Arbeitskräfte aus anderen Regionen abzuwerben oder allein auf "Rückkehrer" aus dem Westen zu setzen sei letztlich eine Art von Kannibalismus, meinte Meyer. Aktuell sei der Markt "leergefegt", 10 bis 15 neue Kräfte für die geplante Kapazitätserhöhung zu finden sei schwierig.
Und so sieht das Endprodukt aus: Plastik-Granulat als Grundstoff für neue Produkte (Foto: Angelo Glashagel)
Aber wird das nötig sein wenn die Maschinen das Regiment in der Wirtschaft übernehmen? Bei mtm Plastics hat sich dieser Wandel schon größtenteils vollzogen. Und man hat heute mehr Mitarbeiter als früher. "Die technische Entwicklung hat unser Wachstum begleitet", sagt Meyer, heute ist das Werk vollautomatisiert, arbeitet 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Menschen braucht es trotzdem noch, Techniker, und Elektriker vor allem.
Und noch können sich Maschinen nicht selbst warten und reparieren. So ganz ohne Menschen wird es also auch in der nahen Zukunft nicht gehen. Und an gut ausgebildeten Experten mangelt es in der Region aktuell.
Angelo Glashagel
