28. Südharz-Hunderter – der Bericht
100 km mit Sturm Herwart
Dienstag, 31. Oktober 2017, 17:27 Uhr
Die Wanderung findet bei jedem Wetter statt, außer bei Orkanwarnung, stand früher in den Ausschreibungen zu den Harz-Hundertern zu lesen. Diesmal wäre es beinahe soweit gewesen, mit der Absage. Aber zunächst wurde Sturm Herwart eben nur als Sturm oder starker Sturm bezeichnet...
Von Orkanböen war erst später die Rede. Und da waren wir schon unterwegs, die Wanderer hochmotiviert und vor allem: Ein Ausstieg mitten in der Nacht, als die Windgeschwindigkeiten Fahrt aufnahmen nicht wirklich möglich. Bei Bergexpeditionen oder Expeditionen in die Antarktis gehören orkanartige Stürme zum normalen Wetterablauf. Wer sich draußen aufhält, muss sich dann halt mit den Elementen auseinandersetzen. Viel mehr Möglichkeiten haben Veranstalter und Teilnehmer zumindest dort oft nicht.
Von den bisher 53 von mir geführten 100km-Touren stachen einige wegen ihrer komplizierten Wetterbedingungen heraus: So gab es den 1. Harz-Hunderter Extrem von Seesen nach Eisleben über den ganzen Harz bzw. 147 km (2005), als es rund 20 Stunden regnete. Der 10. Südharz-Hunderter von Halle nach Nordhausen am 5. und 6.12.2010 ging wegen des vielen Schnees im Flachland als der Schnee-Hunderter in unsere kleine Wandergeschichte ein, der 13. am 11. und 12.2.2012 mit Temperaturen um -20°C als der Kältehunderter und der 27. im Februar 2017 wegen der spiegelglatten Wege als der Eishunderter.
Die 28. Ausgabe der Wanderserie kann getrost als Sturm-Hunderter bezeichnet werden, denn selbst Dauerstarter Detlef Koch aus Berlin findet unter seinen mehr als 400 absolvierten Hundertern keinen weiteren mit derartigen Windgeschwindigkeiten.
Eine weitere Besonderheit der jüngsten Wandertour war auch die Tatsache, dass sich im Vorfeld nur eine Interessentin durch die Wetterprognosen vom Start abhalten ließ und alle acht Gestarteten, unter ihnen zwei Erststarter über 100 km, in Halle-Nietleben ankamen. – Angesichts des Wetters eine ganz famose Leistung.
Auch wenn es auf den ersten Blick eigenartig klingen mag: Sturm Herwart trug sicher mit zu dem Erfolg bei. Denn schließlich wehte er aus westlicher Richtung und wir marschierten gen Osten. Wir hatten Herwart also so gut wie immer im Rücken, was Kraft sparte und abgesehen von dem ständigen Getöse und den schwankenden Bäumen zur überwiegenden Zufriedenheit beitrug.
Vorteilhaft war zudem, dass die für Sonnabend 18 Uhr angekündigte, langandauernde Regenflut von insgesamt mehr als 10 Liter pro Quadratmeter erst nach Mitternacht einsetzte und eigentlich eher einem kräftigen Schauerwetter denn einer Sintflut glich. Ab und an prasselte es gewaltig auf uns ein, um ebenso schnell wieder dem Sturm als alleinigen Geräuschverursacher Platz zu machen. – Mit den Schirmen war unter diesen Bedingungen übrigens rein gar nichts anzufangen. Herwart hätte sie wohl schnell in ihre Einzelteile zerlegt. Bei ruhigem Regenwetter haben sie sich aber gegenüber mancher Regenbekleidung bewährt. Wer eine gute, atmungsaktive und wasserabweisende Jacke mit großer Kapuze verfügte, konnte sich glücklich schätzen. Das war das Mittel der Wahl, ebenso wie gut gefettete, wasserdichte Schuhe.
Die erste kleine Herausforderung waren die lehmig-tonigen Wege im Alten Stolberg, die teils wieder mächtig aufgeweicht waren. Wir erreichten den Thyrafuchs in Uftrungen nach rund 18 km fast pünktlich gegen 15 Uhr und kehrten nach 29 km noch einmal auf ein kurzes Bier in die ebenso urige Gaststätte Zur Queste in Questenberg ein.
Über Großleinungen und Wettelrode erreichten wir auf die Minute pünktlich gegen 22:30 den Harzer Erlebnishof Grillenberg, wo wir dank Zeitumstellung bis kurz nach Mitternacht pausierten. Erst danach setzte zunächst leichter Nieselregen ein und auf dem Weg hinauf zum Zollhaus (km 52) wurde es schließlich stürmischer. Da wir jedoch den Harzwald westlich von Hergisdorf schon bald gegen 2 Uhr verließen, konnten wir potenziellen Gefahren recht schnell im wahrsten Wortsinne aus dem Wege gehen. Noch waren die Böen auch nicht übermäßig stark. Dafür nahm die Schauertätigkeit zu, und im Lichtkegel unserer Lampen sahen wir Regen, Regen und nochmals Regen. Und man dachte sich schon: Wenn das so weiter regnet: Na da!
Doch immer wieder wurde der Hahn über uns plötzlich zugedreht und der Sturm trocknete unsere Bekleidung schnell ab. In Eisleben dann wurden die Böen gegen 4:45 nochmals stärker und wir hörten die ersten Feuerwehrsirenen. Umgestürzte Bäume jedoch erblickten wir nirgends.
Dank Herwart im Rücken kamen wir in Richtung Süßen See erstaunlich schnell voran. Zwar bereitete das Gehen wegen der plötzlichen Böen mitunter Schwierigkeiten, aber unter dem Strich war der Sturm kaum eine Erschwernis für uns. Manchmal im Gegenteil: Für die 12 Kilometer von Eisleben bis zum Frühstück im Strandhotel Aseleben (km 80) benötigten wir wegen des physikalisch-meteorologischen Dopings im Rücken nur 2 Stunden und 7 Minuten. Um 6:52 betraten wir den Gastraum mit seinem wie immer reichhaltigen und wohlschmeckenden Büfett. – Ein Genuss war aber auch die plötzliche Stille. Herwart musste draußen bleiben.
Der Süße See indes war kaum wiederzuerkennen. Aufgewühlt mit teils halbmeterhohen Wellen, die Schaumkronen trugen, eine hörbare Brandung an der Seeburger Strandpromenade, völlig apathische Stockenten mit zwischen ihren Flügeln versenkten Köpfen, ächzende Straßenbäume und bis auf ein mutiges Paar und uns Wanderer keine Menschenseele – das war Seeburg am Sonntagmorgen gegen 9.
Weiter ging es auf der ehemaligen F 80 zum Salzatal – vorbei an den herbstlich bunten Weinbergen von Rollsdorf – und urplötzlich hatte Herwart die Wolken weggeschoben. – Der Himmel wurde für kurze Zeit stahlblau. In Langenbogen genehmigten wir uns eine letzte kleine Einkehr. Drei Teilnehmer ließen die Kneipe im wahrsten Wortsinne links liegen und erreichten, das vollkommen menschenleere, tosende Naherholungswäldchen Dölauer Heide passierend, pünktlich gegen 12:30 den Halle- Nietlebener S-Bahnhof, wir anderen 20 Minuten später. - Die Deutsche Bahn, das zeigten die Anzeigetafeln wenig später im Halleschen Hauptbahnhof, hatte mehr mit dem Sturm zu kämpfen.
Damit ging eine wunderbare, denkwürdige und abwechslungsreiche Wanderung zu Ende. Sie lebte n erster Linie von der Leistungskraft der Teilnehmer. Wir verstanden uns ganz hervorragend. Nico Schwerdfeger und Nico Graw, beide aus dem Mansfelder Land, nahmen ihre erste Urkunde über 100 nonstop erwanderte Kilometer in Empfang. Dass sie diesen wetterbedingt anspruchsvollen Hunderter erst am Ziel in Halle beendet haben, ist eine einzigartige Leistung. Detlef Koch (Jg. 1950) indes absolvierte seinen sage und schreibe 404. Hunderter. Er war übrigens allein von Halle nach Grillenberg gestartet und mit uns anderen wieder zurück in die Saalestadt gewandert.
Ihren zweiten langen Kanten dieser Distanz im Südharz absolvierte unsere einzige weibliche Teilnehmerin, Claudia Gentner aus Jena. Weiter beglückwünschten sich am Ziel der extra aus Frankfurt/Main angereiste Michael Sistovaris (Jg. 1951) und die Stammteilnehmer Oliver Mieth aus der Oberlausitz und Dr. André Petrasch aus dem Saalekreis.
Der 29. Südharz-Hunderter findet am 10. und 11.2.2018 statt.
Bodo Schwarzberg
Autor: redVon Orkanböen war erst später die Rede. Und da waren wir schon unterwegs, die Wanderer hochmotiviert und vor allem: Ein Ausstieg mitten in der Nacht, als die Windgeschwindigkeiten Fahrt aufnahmen nicht wirklich möglich. Bei Bergexpeditionen oder Expeditionen in die Antarktis gehören orkanartige Stürme zum normalen Wetterablauf. Wer sich draußen aufhält, muss sich dann halt mit den Elementen auseinandersetzen. Viel mehr Möglichkeiten haben Veranstalter und Teilnehmer zumindest dort oft nicht.
Von den bisher 53 von mir geführten 100km-Touren stachen einige wegen ihrer komplizierten Wetterbedingungen heraus: So gab es den 1. Harz-Hunderter Extrem von Seesen nach Eisleben über den ganzen Harz bzw. 147 km (2005), als es rund 20 Stunden regnete. Der 10. Südharz-Hunderter von Halle nach Nordhausen am 5. und 6.12.2010 ging wegen des vielen Schnees im Flachland als der Schnee-Hunderter in unsere kleine Wandergeschichte ein, der 13. am 11. und 12.2.2012 mit Temperaturen um -20°C als der Kältehunderter und der 27. im Februar 2017 wegen der spiegelglatten Wege als der Eishunderter.
Die 28. Ausgabe der Wanderserie kann getrost als Sturm-Hunderter bezeichnet werden, denn selbst Dauerstarter Detlef Koch aus Berlin findet unter seinen mehr als 400 absolvierten Hundertern keinen weiteren mit derartigen Windgeschwindigkeiten.
Eine weitere Besonderheit der jüngsten Wandertour war auch die Tatsache, dass sich im Vorfeld nur eine Interessentin durch die Wetterprognosen vom Start abhalten ließ und alle acht Gestarteten, unter ihnen zwei Erststarter über 100 km, in Halle-Nietleben ankamen. – Angesichts des Wetters eine ganz famose Leistung.
Auch wenn es auf den ersten Blick eigenartig klingen mag: Sturm Herwart trug sicher mit zu dem Erfolg bei. Denn schließlich wehte er aus westlicher Richtung und wir marschierten gen Osten. Wir hatten Herwart also so gut wie immer im Rücken, was Kraft sparte und abgesehen von dem ständigen Getöse und den schwankenden Bäumen zur überwiegenden Zufriedenheit beitrug.
Vorteilhaft war zudem, dass die für Sonnabend 18 Uhr angekündigte, langandauernde Regenflut von insgesamt mehr als 10 Liter pro Quadratmeter erst nach Mitternacht einsetzte und eigentlich eher einem kräftigen Schauerwetter denn einer Sintflut glich. Ab und an prasselte es gewaltig auf uns ein, um ebenso schnell wieder dem Sturm als alleinigen Geräuschverursacher Platz zu machen. – Mit den Schirmen war unter diesen Bedingungen übrigens rein gar nichts anzufangen. Herwart hätte sie wohl schnell in ihre Einzelteile zerlegt. Bei ruhigem Regenwetter haben sie sich aber gegenüber mancher Regenbekleidung bewährt. Wer eine gute, atmungsaktive und wasserabweisende Jacke mit großer Kapuze verfügte, konnte sich glücklich schätzen. Das war das Mittel der Wahl, ebenso wie gut gefettete, wasserdichte Schuhe.
Die erste kleine Herausforderung waren die lehmig-tonigen Wege im Alten Stolberg, die teils wieder mächtig aufgeweicht waren. Wir erreichten den Thyrafuchs in Uftrungen nach rund 18 km fast pünktlich gegen 15 Uhr und kehrten nach 29 km noch einmal auf ein kurzes Bier in die ebenso urige Gaststätte Zur Queste in Questenberg ein.
Über Großleinungen und Wettelrode erreichten wir auf die Minute pünktlich gegen 22:30 den Harzer Erlebnishof Grillenberg, wo wir dank Zeitumstellung bis kurz nach Mitternacht pausierten. Erst danach setzte zunächst leichter Nieselregen ein und auf dem Weg hinauf zum Zollhaus (km 52) wurde es schließlich stürmischer. Da wir jedoch den Harzwald westlich von Hergisdorf schon bald gegen 2 Uhr verließen, konnten wir potenziellen Gefahren recht schnell im wahrsten Wortsinne aus dem Wege gehen. Noch waren die Böen auch nicht übermäßig stark. Dafür nahm die Schauertätigkeit zu, und im Lichtkegel unserer Lampen sahen wir Regen, Regen und nochmals Regen. Und man dachte sich schon: Wenn das so weiter regnet: Na da!
Doch immer wieder wurde der Hahn über uns plötzlich zugedreht und der Sturm trocknete unsere Bekleidung schnell ab. In Eisleben dann wurden die Böen gegen 4:45 nochmals stärker und wir hörten die ersten Feuerwehrsirenen. Umgestürzte Bäume jedoch erblickten wir nirgends.
Dank Herwart im Rücken kamen wir in Richtung Süßen See erstaunlich schnell voran. Zwar bereitete das Gehen wegen der plötzlichen Böen mitunter Schwierigkeiten, aber unter dem Strich war der Sturm kaum eine Erschwernis für uns. Manchmal im Gegenteil: Für die 12 Kilometer von Eisleben bis zum Frühstück im Strandhotel Aseleben (km 80) benötigten wir wegen des physikalisch-meteorologischen Dopings im Rücken nur 2 Stunden und 7 Minuten. Um 6:52 betraten wir den Gastraum mit seinem wie immer reichhaltigen und wohlschmeckenden Büfett. – Ein Genuss war aber auch die plötzliche Stille. Herwart musste draußen bleiben.
Der Süße See indes war kaum wiederzuerkennen. Aufgewühlt mit teils halbmeterhohen Wellen, die Schaumkronen trugen, eine hörbare Brandung an der Seeburger Strandpromenade, völlig apathische Stockenten mit zwischen ihren Flügeln versenkten Köpfen, ächzende Straßenbäume und bis auf ein mutiges Paar und uns Wanderer keine Menschenseele – das war Seeburg am Sonntagmorgen gegen 9.
Weiter ging es auf der ehemaligen F 80 zum Salzatal – vorbei an den herbstlich bunten Weinbergen von Rollsdorf – und urplötzlich hatte Herwart die Wolken weggeschoben. – Der Himmel wurde für kurze Zeit stahlblau. In Langenbogen genehmigten wir uns eine letzte kleine Einkehr. Drei Teilnehmer ließen die Kneipe im wahrsten Wortsinne links liegen und erreichten, das vollkommen menschenleere, tosende Naherholungswäldchen Dölauer Heide passierend, pünktlich gegen 12:30 den Halle- Nietlebener S-Bahnhof, wir anderen 20 Minuten später. - Die Deutsche Bahn, das zeigten die Anzeigetafeln wenig später im Halleschen Hauptbahnhof, hatte mehr mit dem Sturm zu kämpfen.
Damit ging eine wunderbare, denkwürdige und abwechslungsreiche Wanderung zu Ende. Sie lebte n erster Linie von der Leistungskraft der Teilnehmer. Wir verstanden uns ganz hervorragend. Nico Schwerdfeger und Nico Graw, beide aus dem Mansfelder Land, nahmen ihre erste Urkunde über 100 nonstop erwanderte Kilometer in Empfang. Dass sie diesen wetterbedingt anspruchsvollen Hunderter erst am Ziel in Halle beendet haben, ist eine einzigartige Leistung. Detlef Koch (Jg. 1950) indes absolvierte seinen sage und schreibe 404. Hunderter. Er war übrigens allein von Halle nach Grillenberg gestartet und mit uns anderen wieder zurück in die Saalestadt gewandert.
Ihren zweiten langen Kanten dieser Distanz im Südharz absolvierte unsere einzige weibliche Teilnehmerin, Claudia Gentner aus Jena. Weiter beglückwünschten sich am Ziel der extra aus Frankfurt/Main angereiste Michael Sistovaris (Jg. 1951) und die Stammteilnehmer Oliver Mieth aus der Oberlausitz und Dr. André Petrasch aus dem Saalekreis.
Der 29. Südharz-Hunderter findet am 10. und 11.2.2018 statt.
Bodo Schwarzberg





















