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Schubladengeschichten in der Flohburg

Von Dinosauriern und Blaustrümpfen

Freitag, 27. Oktober 2017, 09:00 Uhr
Das Museum Flohburg ist voller alter Artefakte aus über 1000 Jahren Nordhäuser Geschichte und darüber hinaus. Hinter der ganz großen Geschichte historischen Erzählung steht aber immer auch kleinere, oft unbekanntere Geschichten. Diesen "Schubladengeschichten" will man in Zukunft mehr Beachtung schenken. Am Donnerstag wurde der Anfang ganz am Anfang gemacht: in der Urzeit...

Das einmal riesige Dinosaurier über die Erde wandelten, lange bevor der Mensch die Bühne des Lebens betrat, das weiß heute jedes Kind. Auch im Südharz finden sich Überreste längst vergessener Lebewesen, einige davon kann man im Museum Flohburg hinter Glas begutachten und bei besonderen Gelegenheiten auch einmal anfassen.

Schubladengeschichten in der Flohburg (Foto: Angelo Glashagel) Schubladengeschichten in der Flohburg (Foto: Angelo Glashagel)

Eine solche Gelegenheit bot sich heute Nachmittag, Museumspädagogin Astrid Lautenschläger läutete die "Schubladengeschichten" mit einem Ausflug in die Geschichte der Paläontologie ein. "Hinter jedem Exponat steht eine eigene Geschichte und die wollen wir erzählen", erklärte Lautenschläger. Dabei soll es nicht um streng wissenschaftliche Vorträge gehen, sonder um einen kurzen Blick hinter die üblichen Erzählungen.

Für den Einstieg hat sich Lautenschläger in der "geologischen Meile" des Museums positioniert, es soll um Spuren längst vergangener Tage gehen. 200 Jahre alt ist die Palänotologie, die Wissenschaft von den Lebewesen vergangener Zeitalter, und beginnt mit zwei Damen in England. Mary Anning und Elizabeth Philpot bestreiten ihren Lebensunterhalt an der englischen Südküste damit das sie Fossilien an Touristen verkaufen.

Die guten Stücke finden sie an den Stränden der nahen Kreideküste, das es sich dabei um die Überreste längst ausgestorbener Tiere handelt, ist damals noch niemanden bewusst. Noch ist es die biblische Geschichte die in den Schulen gelehrt wird, nicht Darwins Evolutionstheorie, über die macht man sich selbst in wissenschaftlichen Kreisen noch lustig.

Das es einmal anders sein wird, das ist auch ein Verdienst der beiden Damen. Mary Anning kann zwar kaum lesen und schreiben, lernt aber über die Jahre mit den Augen einer wahren Expertin fossille Überreste zu finden. Elizabeth Philpot entstammt dem niederen und verarment Adel, hat aber eine gewisse Schulbildung genossen und ist praktisch in der Nachbarschaft des Britischen Museums für Naturkunde aufgewachsen. Zusammen legen die beiden Damen die Grundlagen für die weitere Paläontologie. Mary Anning findet den ersten Ichtyiosaurus, eine Art urzeitlicher Delfin, im Alter von 12 Jahren. Zu den weiteren bedeutenden Funden der Damen gehören ein Plesiosaurier, ein weiterer Jäger der Meere mit massigem Körper, langem Hals und kleinem Kopf und ein "Iguanodon", ein Pflanzenfresser.

Astrid Lautenschläger präsentiert die "Schubladengeschichten" in der Flohburg (Foto: Angelo Glashagel) Astrid Lautenschläger präsentiert die "Schubladengeschichten" in der Flohburg (Foto: Angelo Glashagel)

Astrid Lautenschläger befasst sich in ihrer Vorstellung aber nicht nur mit den Errungenschaften der Sammlerinnen, sondern auch mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten der Zeit. Beide Damen waren sogenannte "Blaustrümpfe", ledige Damen die nicht wohlhabend genug waren um in der englischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts auf eine standesgemäße Hochzeit zu hoffen. Dennoch fanden fanden Mary Anning und Elizabeth Philpot Anerkennung für ihre Fachkenntnisse bei renommierten Geologen und Biologen ihrer Tage.

Und zuletzt spielt natürlich auch die Region eine Rolle bei den "Schubladengeschichten". Große Fossilien aus Trias, Jura oder Kreide hat man im Südharz bisher nicht gefunden, dafür jede Menge kleinerer Fossilien - Fische, Muscheln, Molusken, versteinerten Sandstrand, Abdrücke von Pflanzen und Tieren. Einige davon sind auch in der Flohburg zu sehen.

Die Region war lange Zeit von flachen Meeren bedeckt, die Spuren dieser Zeit sind nicht leicht zu finden. Die geologischen Besonderheiten des Südharzen haben das untereste nach oben befördert, Schichten aus einer Zeit in der es noch kein Leben gab sind am leichtesten zugänglich. Nur an wenigen Stellen im Landkreis, dort wo etwa Muschelkalk und Schiefer zu Tage treten, kann man mit etwas Glück fündig werden.

Bei den "Schubladengeschichten" dürfen Ausstellungsstücke auch einmal näher in Augenschein genommen werden (Foto: Angelo Glashagel) Bei den "Schubladengeschichten" dürfen Ausstellungsstücke auch einmal näher in Augenschein genommen werden (Foto: Angelo Glashagel)

Alle zwei Wochen will Lautenschläger eine weitere "Schubladengeschichte" erzählen, nicht nur Kinder auch für ältere Besucher. Für den nächsten Ausflug, am 9. November, wird man einen ordentliche Zeitsprung machen, in die Zeit der Reformation. "Es geht dann um die Geschichte der Katharina Wille, besser bekannt als "Hexe Klötzgen", eine Geschichte voller Angst, Misstrauen und Neid", erklärte Lautenschläger. Danach wird es sportlich in der Flohburg, die Geschichte des Fußballs in der Rolandsstadt und ausgefallene sportliche Aktivitäten wie das Hochradfahren stehen dann auf dem Programm.
Angelo Glashagel
Autor: red

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