Eine westdeutsche Idee?
Donnerstag, 28. Oktober 2004, 21:09 Uhr
Nordhausen (nnz). Zum zweiten Teil der Reihe "Nordhäuser Dialog" wurde heute Abend in die Lessing Regelschule eingeladen. Dort stellte Manfred Pfeil von der WAGO Kontakttechnik aus Sondershausen ein Projekt vor. Den älteren Lesern wird es erstaunlich bekannt vorkommen.
Früher hatte jede Schule einen. Nach 1990 war der dann plötzlich pleite, und selbst wenn nicht, dann war er einfach nicht mehr zeitgemäß, der Patenbetrieb. Jugendliche hatten hier die Möglichkeit Berufe kennenzulernen, Praktika durchzuführen und im Prinzip so nebenbei in das Arbeitsleben hineinzuwachsen. Außerdem gab es den Unterrichtstag in der Produktion, wo Schüler praktische Fähigkeiten erwerben konnten. Lange wurde verdrängt wie wichtig qualifizierter Nachwuchs für ein Unternehmen ist.
Da es eine große Zahl Jugendlicher gab, konnten sich die Betriebe die besten aussuchen, die anderen blieben auf der Strecke oder wurden in überbetrieblichen Ausbildungsstätten "geparkt". Damit ist bald Schluß, wie eine Projektgruppe der Friedrich-Schiller-Universität Jena herausgefunden hat. Auf ihren Untersuchungen aus dem Jahr 2002 basiert die Vortragsreihe "Nordhäuser Dialog".
Heute ging es um das Thema "Berufswahlentscheidung ohne Orientierung?" Die Projektgruppe unter Leitung von Dr. Michael Behr fand heraus, daß die Jugendlichen gar nicht so orientierungslos sind, wie angenommen. Die Jungen und Mädchen würden sich in der Schule und auch zuhause über Berufe unterhalten. Sie nutzen auch die Informationsmaterialien des Berufsinformationszentrums im Arbeitsamt, außerdem dient ihnen vermehrt das Internet als Quelle. 59,2 % der befragten 408 Schüler in Nordthüringen haben außerdem bereits mindestens ein Praktikum gemacht. Für Informationsveranstaltungen der Wirtschaft interessieren sich jedoch nur 4,9 %. Nicht alles, was angeboten wird, erreicht also die Zielgruppe. Ähnlich wird auch die Berufberatung im Arbeitsamt bewertet. Über 70 % finden solche Angebote wichtig oder sehr wichtig., aber nur 43 % fühlten sich gut
beraten.
Fast alle Jugendliche haben konkrete Vorstellungen von ihrer beruflichen Zukunft. Viele orientieren sich jedoch zu stark auf Modeberufe. Besonders Mädchen sind zu über 70 % auf Berufe im öffentlichen Dienst oder Dienstleistungsbereich festgelegt. Ergotherapeutin und Kinderkrankenschwester stehen hoch im Kurs. Jungen haben ein breiter gestreutes Interessenfeld, wobei bei ihnen seit Generationen Berufe wie Kfz-Mechaniker beliebt sind. Viele können sich auch für einen sicheren Arbeitsplatz bei Polizei oder Bundeswehr begeistern. Industrieberufe haben einen schlechten Stand. Wesentlich schlechter schneidet eigentlich nur noch die Landwirtschaft ab.
Die Jugendlichen wurden des weiteren gefragt, ob sie in der Region wohnen bleiben möchten.
Besonders die jungen Frauen zieht es aus Nordthüringen weg. Sie finden meist noch einen Ausbildungsplatz, besonders gern im Hotel- und Gaststättengewerbe oder in Gesundheitsberufen, danach machen sie sich auf den Weg nach Westdeutschland, wo sie eine Arbeit finden und mehr Geld verdienen können. 29,9 % aller Mädchen sagten, daß sie auf alle Fälle wegziehen werden. Im Kyffhäuserkreis gibt es deswegen schon einen großen Frauenmangel. Auf 100 Männer kommen nur noch 75 Frauen. Daß diese mangelnden Fortpflanzungsmöglichkeiten zu weiteren Problemen der demographischen Entwicklung führen, kann sich jeder denken.
Personalchefs sehen die Berufsorientierung der Schüler nicht so positiv wie die Studie. Sie kennen Bewerber, die nicht einmal die Prozentrechnung können, die sich für eine Ausbildung entschließen, weil es das Arbeitsamt vorgeschlagen hat. Viele Industriebetriebe sind inzwischen wenig motiviert Jugendliche auszubilden, wenn sie immer nur die bekommen, die sonst niemand haben will.
Eine westdeutsche Idee? (Foto: nnz)
Die Firma WAGO Kontakttechnik aus Sondershausen will dem vorbeugen indem sie mit einer Regelschule kooperiert. Das heißt für die Jugendlichen, daß sie das Unternehmen besuchen können und auch Unterricht, zum Beispiel Physik, dort stattfindet. Natürlich sind Schülerpraktika möglich und die Unterstützung bei Projektarbeiten. Zu interessanten Themen sprechen Unternehmensvertreter in der Schule. Auch Lehrer können zu einem Praktikum vorbeischauen, damit sie ihren Schülern bessere Tips zur Berufswahl geben können. Speziell Mädchen werden angesprochen sich für einen technischen Beruf zu entscheiden. Von 85 gewerblich-technischen WAGO Azubis sind drei Mädchen. Zwei werden technische Zeichner, eine Verfahrensmechanikerin.
Manfred Pfeil erklärt, die Kooperation sei eine Idee aus Westdeutschland und am Stammsitz von WAGO erprobt. Natürlich ist die Idee gut und zur Nachahmung dringend empfohlen, aber nicht wirklich neu. Früher wurden schon Grundschüler über die Patenbrigade zum Kontakt mit der Arbeitswelt ermuntert. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum auch die WAGO Kontakttechnik bei ihrer Gründung viele gut ausgebildete und motivierte Arbeitskräfte vorgefunden hat?
Inzwischen weiß die Firma um den Fachkräftemangel. Jedes Jahr werden rund 30 Lehrverträge abgeschlossen. Die jungen Leute sind ausschließlich für den eigenen Bedarf bestimmt. 800 Menschen arbeiten in dem Sondershäuser Werk und bald sollen es noch 100 mehr werden. Ausgebildete Fachkräfte fände man auf dem freien Markt trotz hoher Arbeitslosigkeit nicht in einer guten Qualität vor, so Personalchef Pfeil.
Die gute Nachricht aus der Jenaer Studie ist, daß die Jugendlichen an sich gern in ihrer Heimat bleiben möchten. Fast 90 % stellen sich ihre private Zukunft in Ostdeutschland besser vor. Noch mehr, genau 94,2 %, wissen aber, daß sie im Westen bessere Berufschancen vorfinden.
Autor: wfFrüher hatte jede Schule einen. Nach 1990 war der dann plötzlich pleite, und selbst wenn nicht, dann war er einfach nicht mehr zeitgemäß, der Patenbetrieb. Jugendliche hatten hier die Möglichkeit Berufe kennenzulernen, Praktika durchzuführen und im Prinzip so nebenbei in das Arbeitsleben hineinzuwachsen. Außerdem gab es den Unterrichtstag in der Produktion, wo Schüler praktische Fähigkeiten erwerben konnten. Lange wurde verdrängt wie wichtig qualifizierter Nachwuchs für ein Unternehmen ist.
Da es eine große Zahl Jugendlicher gab, konnten sich die Betriebe die besten aussuchen, die anderen blieben auf der Strecke oder wurden in überbetrieblichen Ausbildungsstätten "geparkt". Damit ist bald Schluß, wie eine Projektgruppe der Friedrich-Schiller-Universität Jena herausgefunden hat. Auf ihren Untersuchungen aus dem Jahr 2002 basiert die Vortragsreihe "Nordhäuser Dialog".
Heute ging es um das Thema "Berufswahlentscheidung ohne Orientierung?" Die Projektgruppe unter Leitung von Dr. Michael Behr fand heraus, daß die Jugendlichen gar nicht so orientierungslos sind, wie angenommen. Die Jungen und Mädchen würden sich in der Schule und auch zuhause über Berufe unterhalten. Sie nutzen auch die Informationsmaterialien des Berufsinformationszentrums im Arbeitsamt, außerdem dient ihnen vermehrt das Internet als Quelle. 59,2 % der befragten 408 Schüler in Nordthüringen haben außerdem bereits mindestens ein Praktikum gemacht. Für Informationsveranstaltungen der Wirtschaft interessieren sich jedoch nur 4,9 %. Nicht alles, was angeboten wird, erreicht also die Zielgruppe. Ähnlich wird auch die Berufberatung im Arbeitsamt bewertet. Über 70 % finden solche Angebote wichtig oder sehr wichtig., aber nur 43 % fühlten sich gut
beraten.
Fast alle Jugendliche haben konkrete Vorstellungen von ihrer beruflichen Zukunft. Viele orientieren sich jedoch zu stark auf Modeberufe. Besonders Mädchen sind zu über 70 % auf Berufe im öffentlichen Dienst oder Dienstleistungsbereich festgelegt. Ergotherapeutin und Kinderkrankenschwester stehen hoch im Kurs. Jungen haben ein breiter gestreutes Interessenfeld, wobei bei ihnen seit Generationen Berufe wie Kfz-Mechaniker beliebt sind. Viele können sich auch für einen sicheren Arbeitsplatz bei Polizei oder Bundeswehr begeistern. Industrieberufe haben einen schlechten Stand. Wesentlich schlechter schneidet eigentlich nur noch die Landwirtschaft ab.
Die Jugendlichen wurden des weiteren gefragt, ob sie in der Region wohnen bleiben möchten.
Besonders die jungen Frauen zieht es aus Nordthüringen weg. Sie finden meist noch einen Ausbildungsplatz, besonders gern im Hotel- und Gaststättengewerbe oder in Gesundheitsberufen, danach machen sie sich auf den Weg nach Westdeutschland, wo sie eine Arbeit finden und mehr Geld verdienen können. 29,9 % aller Mädchen sagten, daß sie auf alle Fälle wegziehen werden. Im Kyffhäuserkreis gibt es deswegen schon einen großen Frauenmangel. Auf 100 Männer kommen nur noch 75 Frauen. Daß diese mangelnden Fortpflanzungsmöglichkeiten zu weiteren Problemen der demographischen Entwicklung führen, kann sich jeder denken.
Personalchefs sehen die Berufsorientierung der Schüler nicht so positiv wie die Studie. Sie kennen Bewerber, die nicht einmal die Prozentrechnung können, die sich für eine Ausbildung entschließen, weil es das Arbeitsamt vorgeschlagen hat. Viele Industriebetriebe sind inzwischen wenig motiviert Jugendliche auszubilden, wenn sie immer nur die bekommen, die sonst niemand haben will.
Eine westdeutsche Idee? (Foto: nnz)
Die Firma WAGO Kontakttechnik aus Sondershausen will dem vorbeugen indem sie mit einer Regelschule kooperiert. Das heißt für die Jugendlichen, daß sie das Unternehmen besuchen können und auch Unterricht, zum Beispiel Physik, dort stattfindet. Natürlich sind Schülerpraktika möglich und die Unterstützung bei Projektarbeiten. Zu interessanten Themen sprechen Unternehmensvertreter in der Schule. Auch Lehrer können zu einem Praktikum vorbeischauen, damit sie ihren Schülern bessere Tips zur Berufswahl geben können. Speziell Mädchen werden angesprochen sich für einen technischen Beruf zu entscheiden. Von 85 gewerblich-technischen WAGO Azubis sind drei Mädchen. Zwei werden technische Zeichner, eine Verfahrensmechanikerin. Manfred Pfeil erklärt, die Kooperation sei eine Idee aus Westdeutschland und am Stammsitz von WAGO erprobt. Natürlich ist die Idee gut und zur Nachahmung dringend empfohlen, aber nicht wirklich neu. Früher wurden schon Grundschüler über die Patenbrigade zum Kontakt mit der Arbeitswelt ermuntert. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum auch die WAGO Kontakttechnik bei ihrer Gründung viele gut ausgebildete und motivierte Arbeitskräfte vorgefunden hat?
Inzwischen weiß die Firma um den Fachkräftemangel. Jedes Jahr werden rund 30 Lehrverträge abgeschlossen. Die jungen Leute sind ausschließlich für den eigenen Bedarf bestimmt. 800 Menschen arbeiten in dem Sondershäuser Werk und bald sollen es noch 100 mehr werden. Ausgebildete Fachkräfte fände man auf dem freien Markt trotz hoher Arbeitslosigkeit nicht in einer guten Qualität vor, so Personalchef Pfeil.
Die gute Nachricht aus der Jenaer Studie ist, daß die Jugendlichen an sich gern in ihrer Heimat bleiben möchten. Fast 90 % stellen sich ihre private Zukunft in Ostdeutschland besser vor. Noch mehr, genau 94,2 %, wissen aber, daß sie im Westen bessere Berufschancen vorfinden.
