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Ist Frieden das höchste Gut?

Samstag, 02. September 2017, 09:33 Uhr
Zum Weltfriedenstag 2017 hielt Jutta Krauth gesterneine Ansprache vor Kindern. Unpolitischer und lückenhafter hätte eine Einlassung zur wichtigsten Grundlage internationaler Beziehungen anlässlich der gegenwärtigen Weltsituation kaum sein können. Bodo Schwarzberg hörte zu...


Gerade schlossen die Amerikaner ein russisches Konsulat in San Franzisco, davor wiesen die Russen mehr als 700 US-Diplomaten aus. In Korea lassen Atommächte Raketen und Langstreckenbomber fliegen – zu Übungszwecken noch, und in vielen Ländern zwischen Syrien und Sudan sterben tausende Menschen bei Bürgerkriegen.

Zu DDR-Zeiten hielten SED-Vertreter auch Ansprachen zum Thema in Frieden – und an gleicher Stelle wie Jutta Krauth. Zwar waren sie auch einseitig und instrumentalisiert, aber sie waren politischer und sie zeigten den Ernst der Weltlage dezidierter auf. Das hätte ich mir von einer potenziellen Oberbürgermeisterin gewünscht, zumal sie vor Kindern spricht, jenen Mitmenschen also, die unter Krieg stets am meisten zu leiden haben.

Zu DDR-Zeiten wurde wenigstens gesagt, dass von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehen dürfe, und es wurde stets warnend der Zeigefinger vor Kriegstreibern erhoben. Der Frieden galt als etwas Kostbares, Unersetzliches, als das Wichtigste überhaupt, ja als Grundlage des Lebens auf dem blauen Planeten im Zeitalter mehrfachen Overkillis.

Frau Krauths Rede ist ein Stück Seichttum: Sie nannte weder wichtige Hotspots der weltweiten Eskalation beim Namen, noch deren Verursacher. Warum sagen nur die AfD und die Linken, dass die NATO Russland über den Tisch gezogen hat, indem sie militärisches Material an ihre Ostgrenzen verlegte? Warum kritisiert sie nicht den Westen für seine Aggressionen gegen Libyen und den Irak, weil sie den IS mindestens mitverursachten – und vor allem die Flüchtlingskrise mit all den Problemen auch für die Länder Mitteleuropas? Selbst Frau Merkel sagte bei einem Staatsbesuch in Erythrea, dass der Westen vor seinem Einschreiten in Libyen doch besser auf warnende Stimmen hätte hören sollen. Ja, tatsächlich. Frau Krauth spricht nur von den vielen Flüchtlingen, nicht aber von denen, die sie in Bewegung setzen.

Und warum hat sie nicht erwähnt, dass Leute in Deutschland zurückgepfiffen werden, die sich für eine Einbindung Russlands in die europäische Sicherheitsarchitektur aussprechen und vor allem für einen anderen Umgang mit Russland, für Vertrauensaufbau statt –abbau, für Berechenbarkeit, für Gespräche und vor allem für Abrüstung – Dingen also, die vor 1989 für selbstverständlich erstrebenswert in den internationalen Beziehungen galten.

Wenn Autolobbyisten sich bei Frau Merkel seit Jahren mit Erfolg gegen Emissionssenkungen ihrer Produkte einsetzen, ist das kaum der Rede wert. Dass aber Ex-Kanzler Schröder mit all seinen politischen Erfahrungen in einem bedeutenden russischen Konzern mitmischt, wird an den Pranger gestellt: Dabei ist er einer derjenigen, der die so wichtigen Gesprächsfäden mit Putin am Leben erhält, statt sie abzuwürgen und der die unseeligen Westsanktionen gegen Russland umgeht.

Putin mag nicht in jeder Beziehung ein Gutmensch sein, siehe Ukraine. Wohl aber ist er um einiges berechenbarer als Trump. Und er stellte im Gegensatz zu westlichen Politiker seine Enttäuschung heraus, dass es zu keiner vertrauensvollen Zusammenarbeit mehr kommt. Der Westen schlägt Russlands Hand zur Zusammenarbeit aus.

Stellen Sie sich vor, in Moskau würde bei einer solchen Umgangsweise eine ähnliche Figur wie in Washington das Zepter führen. Das wäre nicht auszudenken. Saddam und Gadaffi heilten ihre Länder bei aller schlimmen Gewalt gegen innere Gegner zusammen. Ihre Länder aber hatten trotz mancher Unmenschlichkeit große Bedeutung für die regionale und überregional stabile Sicherheitsarchitektur. Der Westen jagte sie als Nichtdemokraten zum Teufel. Die Ergebnisse haben die Welt unmenschlicher gemacht, als sie unter den Diktatoren war. Bürgerkriege, Flüchtlinge, tausende Tote. - Weltfriedenstag 2017, Frau Krauth. Das haben Sie zu wenig herausgestellt.

Von Frau Kraut hätte ich mir mehr gewünscht, gerade vor Nordhäuser Kindern in einer so aufgeladenen Atmosphäre wie gegenwärtig, zu alledem etwas zu sagen. Sie hat es versäumt, den Kindern zu sagen, wie gefährdet der Frieden am Weltfriedenstag 2017 wirklich ist und wer dafür die Hauptverantwortung trägt. Wiedermal schade für den Frieden und für die Menschen, die ihn später einmal schätzen, einschätzen und bewahren sollen.
Bodo Schwarzberg

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Autor: red

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