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eine theoretische Diskussion

Kann Utopie Alltag werden?

Mittwoch, 30. August 2017, 12:52 Uhr
In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wie weit reicht Offenheit und wo liegen ihre Grenzen? In den großen Metropolen dieses Landes wird man häufig genug Orte und Gelegenheiten finden über derlei Grundlegendes zu diskutieren. Gestern bot man diese Möglichkeit einmal auch auf dem Land an, in Werther wollte man mit der Jugend diskutieren und hören, wie diese sich ihre "Utopie" vorstellen...

In welchem Land wollen wir leben? - in Werther wollte man gestern darüber diskutieren (Foto: Angelo Glashagel)

Es blieb, leider, eine theoretische Diskussion, denn bis auf einen Besucher blieb die ländliche Begegnungststätte Werther an diesem Abend leer. Lag es am guten Wetter, am frühen Abend, am Veranstaltungsort, an der Öffentlichkeitsarbeit oder doch am Desinteresse der jungen Landbevölkerung? Fragen, die statt der eigentlichen Diskussion gestern die Analyse der ebenfalls jungen Organisatoren bestimmten.

Gemina, Marcel, Stefanie und ihre Kollegen gehören zur "offenen Gesellschaft". Die Berliner Initative hat 2015 mit drei Mitgliedern klein angefangen, als der Flüchtingszuzug seinem Höhepunkt entgegen ging. Damals wie heute sei es der "offenen Gesellschaft" darum gegangen, aus der Zivilgesellschaft heraus einen positiven Dialog zur Zukunft der Gesellschaft anzustoßen, erklärte Gemina Picht.

Gemina und ihre Mitstreiter sind alle selbst unter 27 Jahren alt, teilweise berufstätig, teilweise noch mit dem Studium beschäftigt und verkehren zumeist in ihrer eigenen, urban geprägten Welt. Mit der Diskussionsreihe "Utopie und Alltag" habe man aus diesem Kontext ein wenig ausbrechen wollen, erklärte Marcel Roth, "die ländlichen Regionen werden zu wenig gehört. Die Zukunft geht nicht nur die Berliner etwas an, wir müssen überall in Deutschland, als Gesamtgeslleschaft, diskutieren", meinte der 25jährige. Da man selbst noch jung sei, habe man zudem auch einmal die Standpunkte anderer junger Menschen an anderen Orten und in anderem Kontexten kennen lernen wollen.

Die zentralen Themen hängen davon ab, worüber das Publikum diskutieren möchte, die "Offene Gesellschaft" will vor allem zuhören, aufnehmen und zu mehr Dialog anstoßen. Rund 90 Veranstaltungen hat die "Offene Gesellschaft" so begleitet und auf den Weg gebracht, zumeist mit erwachsenem Zielpublikum. Migration sei ein großes Thema gewesen, aber auch Digitalisierung, soziale Gerechtigkeit und natürlich individuelle Eindrücke vom Zustand der Gesellschaft. Wohin soll es gehen? Was ist "fremd", was "eigen"? Was sind Grenzen, nicht nur physische sondern auch ideele, was sollte erlaubt sein und was nicht? Welches Land wollen wir sein? - das sind die Fragen die man stellen wollte, auch am gestrigen Abend in Werther. Die eigenen Grenzen würde man da ziehen, wo Gesetze überschritten werden, sagte Stefanie Dilgot, "die Grundlage ist immer das Grundgesetz".

In der ländlichen Begegnungsstätte Werther sollte gestern diskutiert werden (Foto: Angelo Glashagel)

Einen politischen Zweck verfolge man bewusst nicht, die Organisation sei überparteilich angelegt und man achte in der Finanzierung der "Offenen Gesellschaft" darauf, Unterstützung möglichst aus verschiedensten Bereichen zu finden, so Dilgot weiter. Dennoch sollen die Diskussionsabende nicht allein im theoretischen Diskurs enden, man hofft die Ergebnisse der Rundreise nach der Wahl während der Berliner Koaltitionsverhandlungen wirksam einzubringen.

Eine neue Erfahrung wäre das Format auch für Werther gewesen. Sei einem halben Jahr betreiben die "Landfrauen Werther" die ländliche Begegnungsstätte. "Der Bürgermeister hat gesagt er will mehr Leben im Haus haben und die Landfrauen haben Leben herein gebracht", sagte Margit Bierbach, die den Abend betreuen wollte. Man bietet Yoga, Handarbeits- und Bastelkurse oder auch das Frauenfrühstück an und will das zentral gelegene Haus als Aufenthaltsort etablieren. Zuweilen gelang das schon ganz gut, 60 Frauen konnte man im Frühjahr zum Frauentag hier begrüßen. Die Diskussionsrunde sollte die erste Veranstaltung ihrer Art sein, man will das Angebot erweitern.

Trotz des nicht vorhandenen Publikumsinteresses könnte es für die jungen Idealisten aus Berlin ein lehrreicher Auftakt gewesen sein. In Görlitz und Bamberg, den nächsten Stationen, kann man auf mehr Publikum hoffen und im Herbst will man noch einmal vier Wochen durch Nordrhein-Westphalen reisen. Genug Gelegenheit also um den Jugend des Landes doch noch auf den Zahn zu fühlen. Und völlig unverrichteter Dinge wollte man auch nicht wieder abreisen: man machte sich schließlich auf die Suche nach der Südharzer Jugend, in Nordhausen, an den Kiesteichen und wo sie wohl sonst noch zu finden sein könnte an einem lauen Sommerabend. Vielleicht wurde man fündig, vielleicht kehrt man noch einmal mit der Diskussionsreihe zurück. Den gesellschaftlichen Diskurs anstoßen zu wollen ist in jedem Fall nicht utopisch, auch nicht unter Jugendlichen und auch nicht angesichts leerer Stühle. Manchmal klappt es einfach nur nicht.
Angelo Glashagel
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