System mit Zukunft?
Medikamente aus Automaten
Freitag, 18. August 2017, 09:44 Uhr
In der südlich von Heidelberg gelegenen Ansiedlung Hüffenhardt leben 2.000 Menschen. Als die örtliche Apotheke dauerhaft schloss, fand der Bürgermeister einen ungewöhnlichen Nachfolger. Die Versandapotheke DocMorris sollte die Gemeinde per Automatensystem mit Medizin versorgen. Weil jedoch mehrere Klagen eingereicht wurden und letztendlich erfolgreich waren, musste der niederländische Betreiber sein Verkaufssystem kurz nach der Eröffnung schließen. Doch ganz von vorne...
Eigentlich ist Hüffenhardt eine beschauliche Gemeinde, die eine gute Grundversorgung bietet. Einwohnern des Ortes, dessen Charme durch ästhetische Fachwerkhäuser geprägt ist, bieten eine Bank und ein Blumenhandel ihre Dienste an. In der örtlichen Bäckerei erwerben Einwohner nicht nur Backwaren, sondern frisches Obst und Gemüse. In der örtlichen Metzgerei kaufen die Bewohner frisches und hochwertiges Fleisch... eine typische Kleinstadtidylle in Deutschland.
Medikamente erhielten die Bewohner viele Jahre aus der lokalen Apotheke, welche vor einem Jahr endgültig ihre Pforten schloss. Reinhold Fuchs, der den Ort 30 Jahre mit medizinischen Produkten versorgte, ging im März 2016 in Rente. Ein Nachfolger sprang kurzfristig ab, sodass der örtliche Bezug von Medikamenten nicht mehr gewährleistet werden konnte. Bürgermeister Walter Neff begab sich daher auf die Suche nach Pharmazeuten, welche den Ort mit Medizin versorgen könnten.
Als die Einwohner und ihr Bürgermeister die Hoffnung bereits aufgaben, eröffnete sich eine unerwartete Lösung. Die Versandapotheke DocMorris bot an, die Situation in Hüffenhardt zu lösen. Nach Vorgesprächen installierte der Anbieter, der den rund 20.000 Apotheken in Deutschland über das Internet dauerhafte Konkurrenz macht, einen Automaten. Einwohner sollten über eine Videokabine mit einem Apotheker in Kontakt treten, der im niederländischen Heerlen stationiert ist.
Online Sprechstunde beim Netzdoktor (Foto: healthexpress.eu)
Online Sprechstunde beim Netzdoktor
Die Kosten für das angeforderte Medikament beglichen Kunden zuvor mit einer EC- oder einer Kreditkarte. Zum Verständnis des futuristischen Systems wollte DocMorris zunächst einen Berater anstellen, um vor Ort die Funktionen des Automaten zu erklären. Bürgermeister Neff erwartete schließlich "gewisse Anlaufschwierigkeiten".
Vor der Installation musste er den Rat der Gemeinde überzeugen, der das Gebäude gehört. Er sei bei der Sitzung "ganz schön gegrillt" worden, berichtet Neff, den die Vorzüge des Systems zuvor überzeugten. Nach ausführlichen Beratungen in einer nichtöffentlichen Gemeindesitzung sprach sich die Mehrheit der Ratsglieder für den Versuch mit dem Automatensystem aus.
In Hüffenhardt errichtete der Betreiber zunächst Werbeschilder. Ein Antrag zur Genehmigung der virtuellen Filiale blieb aus. DocMorris argumentierte, dass es sich um keine Apotheke im herkömmlichen Sinne handeln würde, weshalb die gesetzlichen Vorgaben keine Rolle spielten. Deutliche Kritik formulierte die zuständige Behörde, die sich auf die Rechtsprechung bezog. Der Automat ermögliche "einen möglicherweise unzulässigen Einzelhandel mit Arzneimitteln", betonte die Instanz vorab.
Während das baden-württembergische Wirtschaftsministerium, laut Bürgermeister Neff, den Ansatz mit den Automaten zum Modellprojekt machen wollte, kündigten Konkurrenten juristische Maßnahmen an. DocMorris war sich sicher, dass Pharmazeuten und Verbände gegen den Automaten vorgehen würden. Der Betreiber öffnete den Automaten rasch dem Publikum, das immerhin für wenige Tage nicht-verschreibungspflichtige medizinische Produkte beziehen konnte.
Beispielbild: Videoschaltung zum Arzt / Apotheker vor Abgabe eines Medikaments
In der fünften juristischen Auseinandersetzung entschied das Landgericht Mosbach im Sinne eines Klägers, der einen Versandhandel im Internet betreibt. Dieser sah einen Verstoß gegen das Wettbewerbsgesetz, weil Kunden ihre virtuelle Order direkt erhalten würden. Das Gericht urteilte, dass das Automaten-System in Hüffenhardt kein klassischer Online-Versandhandel sei, weswegen der Betrieb untersagt bleibt.
Zuvor verboten Gerichte bereits die Lagerung und den Vertrieb über das System, sodass die DocMorris Einrichtung dauerhaft geschlossen wurde. Ob der Automat erneut nutzbar ist, bleibt nach den Urteilen der vergangenen Tage abzuwarten. "Es wird noch etwas Zeit brauchen", meint Bürgermeister Neff. DocMorris steht der Rechtsweg offen, weil Revisionen möglich sind.
Rezepte können Menschen mittlerweile über das Internet beziehen. Online-Kliniken wie HealthExpress spezialisierten sich auf Erkrankungen wie Asthma, Diabetes, Fettleibigkeit oder Haarausfall. Der Service des Betreibers umfasst eine kostenlose Erstkonsultation, bevor ein registriertes Ärzteteam die Diagnose erstellt. Im Anschluss wird ein Rezept ausgestellt und an eine Versandapotheke weitergeleitet, die das Medikament an den Patienten verschickt.
Autor: redEigentlich ist Hüffenhardt eine beschauliche Gemeinde, die eine gute Grundversorgung bietet. Einwohnern des Ortes, dessen Charme durch ästhetische Fachwerkhäuser geprägt ist, bieten eine Bank und ein Blumenhandel ihre Dienste an. In der örtlichen Bäckerei erwerben Einwohner nicht nur Backwaren, sondern frisches Obst und Gemüse. In der örtlichen Metzgerei kaufen die Bewohner frisches und hochwertiges Fleisch... eine typische Kleinstadtidylle in Deutschland.
Medikamente erhielten die Bewohner viele Jahre aus der lokalen Apotheke, welche vor einem Jahr endgültig ihre Pforten schloss. Reinhold Fuchs, der den Ort 30 Jahre mit medizinischen Produkten versorgte, ging im März 2016 in Rente. Ein Nachfolger sprang kurzfristig ab, sodass der örtliche Bezug von Medikamenten nicht mehr gewährleistet werden konnte. Bürgermeister Walter Neff begab sich daher auf die Suche nach Pharmazeuten, welche den Ort mit Medizin versorgen könnten.
Als die Einwohner und ihr Bürgermeister die Hoffnung bereits aufgaben, eröffnete sich eine unerwartete Lösung. Die Versandapotheke DocMorris bot an, die Situation in Hüffenhardt zu lösen. Nach Vorgesprächen installierte der Anbieter, der den rund 20.000 Apotheken in Deutschland über das Internet dauerhafte Konkurrenz macht, einen Automaten. Einwohner sollten über eine Videokabine mit einem Apotheker in Kontakt treten, der im niederländischen Heerlen stationiert ist.
Vorteile der Automaten: Medikamente per Videoschaltung
Nach Aufklärung über mögliche Neben- und Wechselwirkungen bestünde die Möglichkeit, das gewünschte Medikament direkt zu erhalten. Wenn die Betroffenen ein Rezept vorlegten, griff der Automat auf ein angeschlossenes Warenlager zu, sodass die Patienten ihre Medizin wie aus einem Getränkeautomaten bezogen. Bevor eine Freigabe erfolgte, analysierte der Pharmazeut aus den Niederlanden, ob das richtige Medikament im Schacht landete.
Online Sprechstunde beim Netzdoktor (Foto: healthexpress.eu)
Online Sprechstunde beim NetzdoktorDie Kosten für das angeforderte Medikament beglichen Kunden zuvor mit einer EC- oder einer Kreditkarte. Zum Verständnis des futuristischen Systems wollte DocMorris zunächst einen Berater anstellen, um vor Ort die Funktionen des Automaten zu erklären. Bürgermeister Neff erwartete schließlich "gewisse Anlaufschwierigkeiten".
Vor der Installation musste er den Rat der Gemeinde überzeugen, der das Gebäude gehört. Er sei bei der Sitzung "ganz schön gegrillt" worden, berichtet Neff, den die Vorzüge des Systems zuvor überzeugten. Nach ausführlichen Beratungen in einer nichtöffentlichen Gemeindesitzung sprach sich die Mehrheit der Ratsglieder für den Versuch mit dem Automatensystem aus.
Automat mit Anlaufschwierigkeiten
DocMorris investierte in der Folge eine sechsstellige Summe. Das Geld floss in die Entwicklung einer Software, welche die Kommunikation zwischen Kunden und Pharmazeuten gewährleisten sollte. Letztendlich hoffte der Betreiber, seine Automaten auch andernorts zu errichten. In Gemeinden, in denen Versorgungsengpässe existieren, wollte DocMorris als Alternative in Erscheinung treten, um den Ankauf von Medizin zu vereinfachen.In Hüffenhardt errichtete der Betreiber zunächst Werbeschilder. Ein Antrag zur Genehmigung der virtuellen Filiale blieb aus. DocMorris argumentierte, dass es sich um keine Apotheke im herkömmlichen Sinne handeln würde, weshalb die gesetzlichen Vorgaben keine Rolle spielten. Deutliche Kritik formulierte die zuständige Behörde, die sich auf die Rechtsprechung bezog. Der Automat ermögliche "einen möglicherweise unzulässigen Einzelhandel mit Arzneimitteln", betonte die Instanz vorab.
Während das baden-württembergische Wirtschaftsministerium, laut Bürgermeister Neff, den Ansatz mit den Automaten zum Modellprojekt machen wollte, kündigten Konkurrenten juristische Maßnahmen an. DocMorris war sich sicher, dass Pharmazeuten und Verbände gegen den Automaten vorgehen würden. Der Betreiber öffnete den Automaten rasch dem Publikum, das immerhin für wenige Tage nicht-verschreibungspflichtige medizinische Produkte beziehen konnte.
Klagen gegen Automaten
DocMorris wollte rund 8.000 Arzneimittel sowie 500 gekühlte Präparate zur Verfügung stellen. Das Regierungspräsidium Karlsruhe schloss den Automaten allerdings nach zwei Tagen, weil Verstöße gegen gesetzliche Auflagen bemängelt wurden. Zugleich gingen Versandkonkurrenten und der Landesapothekerverband aus Baden-Württemberg gegen den Automaten vor. Mehrere Instanzen gaben den Klägern recht, weil der Automat wettbewerbswidrig sei.Beispielbild: Videoschaltung zum Arzt / Apotheker vor Abgabe eines Medikaments
In der fünften juristischen Auseinandersetzung entschied das Landgericht Mosbach im Sinne eines Klägers, der einen Versandhandel im Internet betreibt. Dieser sah einen Verstoß gegen das Wettbewerbsgesetz, weil Kunden ihre virtuelle Order direkt erhalten würden. Das Gericht urteilte, dass das Automaten-System in Hüffenhardt kein klassischer Online-Versandhandel sei, weswegen der Betrieb untersagt bleibt.
Zuvor verboten Gerichte bereits die Lagerung und den Vertrieb über das System, sodass die DocMorris Einrichtung dauerhaft geschlossen wurde. Ob der Automat erneut nutzbar ist, bleibt nach den Urteilen der vergangenen Tage abzuwarten. "Es wird noch etwas Zeit brauchen", meint Bürgermeister Neff. DocMorris steht der Rechtsweg offen, weil Revisionen möglich sind.
Alternativen für Anwohner
In Hüffenhardt bleibt den Anwohnern zwar kein Automat, aber ein Briefkasten. Die eingeworfenen Rezepte übernehmen Apotheker, welche die Medikamente zeitnah an den Bestimmungsort liefern. Außerdem nutzen Anwohner das Internet, um wie gewohnt bei Online-Apotheken zu bestellen. Schließlich ist der Versand von Arzneimitteln zugelassen, solange die Produkte nicht aus einem Automaten kommen.Rezepte können Menschen mittlerweile über das Internet beziehen. Online-Kliniken wie HealthExpress spezialisierten sich auf Erkrankungen wie Asthma, Diabetes, Fettleibigkeit oder Haarausfall. Der Service des Betreibers umfasst eine kostenlose Erstkonsultation, bevor ein registriertes Ärzteteam die Diagnose erstellt. Im Anschluss wird ein Rezept ausgestellt und an eine Versandapotheke weitergeleitet, die das Medikament an den Patienten verschickt.
