Leben und Wirken eines Vielbegabten
Bilden Sie mal einen Satz mit …
Samstag, 19. August 2017, 11:18 Uhr
Einem ungewöhnlichen, vielseitig Begabten können Besucher demnächst in der Dichterstätte Sarah Kirsch in Limlingerode in einer Lesung des Ehepaares Stefanie und Matthias Schick begegnen. Sie befassen sich mit dem Leben und Wirken eines "Vielbegabten"...
Ich weiß nicht, was ich bin. / Ich schreibe das gleich hin. / Da hab'n wir den Salat: / Ich bin ein Literat., so Robert Gernhardt in seiner bissig-humorigen Art. Er wurde 1937 in Reval geboren, heute Tallinn, und ist 2006 in Frankfurt am Main gestorben. Die Lesung zu seinen Ehren findet am Samstag, 26.8.2017, ab 14.30 Uhr statt.
Ob Bildgedicht oder Satire, ob Roman oder Erzählung, Schauspiel oder Gedicht, ob Cartoon oder Ölgemälde – dieser Mann ist überall bewandert, bewältigt alles ohne Blamage und Blessur. Das ist in Deutschland, wo man Spezialisten liebt, ein Handicap - zumal im literarischen Gewerbe, wo die oft schwer errungene Leichtigkeit wenig gilt. Ein Lyriker gar, der es mit Witzen und parodistischen Einlagen hält, hat bei den Würdenträgern der Kritik und gar bei Akademien wenig zu lachen. Büchner-Preis für Gernhardt? Scheinbar absurd. Er schrieb Verse, die zum Volksgut wurden: Der Herr rief: Lieber Knecht, / Mir ist entsetzlich schlecht! / Da sprach der Knecht zum Herrn: / Das hört man aber gern. Nuancen nur, auf die der Autor Wert legt.
Ein anderer Gernhardt- Schlager von geradezu klassischer Vollkommenheit ist das aufmüpfige, 1972 erstmals veröffentlichte Gebet: Lieber Gott, nimm es hin, / daß ich was Besond'res bin. / Und gib ruhig einmal zu, / daß ich klüger bin als du. / Preise künftig meinen Namen, / denn sonst setzt es etwas. Amen. Der fröhlich zur Schau gestellte Größenwahn verhinderte noch 1991 nach einem Zeitungsabdruck nicht, dass erboste Christen ihn heftig zurechtweisen, auch drohen. Als Gernhardt ein anderes Mal die heiligste Gedichtform (Sonette find' ich so was von beschissen) mustergültig bediente und zugleich beschimpfte, erhielt er ebenfalls viel böse Leserpost, aus der eine herausragte: Goethe ist tot! Schiller ist tot! Klopstock ist tot! Robert Gernhardt lebt! Wozu? Das hätte mit diesem Ingrimm fast von ihm selbst sein können.
Einem ungewöhnlichen, vielseitig Begabten können Besucher demnächst in der Dichterstätte Sarah Kirsch in Limlingerode in einer Lesung des Ehepaares Stefanie und Matthias Schick begegnen. (Foto: Heidelore Kneffel)
Benjamin von Stuckrad-Barre, ein Schriftstellerkollege, besuchte ihn: So saßen wir an diesem heißen Juni-Montag auf dem Balkon seiner Wohn- und Atelier-Maisonette und sprachen über Gernhardts Leben, es ging nicht nur unterschwellig dabei natürlich auch immer um seinen Tod. 'Man lebt darauf zu. Es muss bedacht werden. Man macht ja Erfahrungen nur lebend, indem man das Leben wach wahrnimmt. Beispielsweise die Chemos, ich habe sie immer als Herausforderung begriffen, da hängt man am Tropf und kriegt wirklich harte Sachen, und ich hatte immer was zu schreiben dabei, schrieb beispielsweise über Schiller oder Ingeborg Bachmann, und ich hatte mir vorgenommen, jede Chemo: ein Gedicht. So habe ich mir während einer Chemo mal, Geh aus mein Herz und suche Freud' von Paul Gerhardt vorgenommen und es umgeschrieben:, Geh aus mein Herz und suche Leid / In dieser schönen Sommerszeit / Schau an der schönen Gifte Zier / Und siehe, wie sie mir und dir / Sich aufgereihet haben.'
In Limlingerode wird er auch als Maler/Zeichner vorgestellt, u. a. in einem Signaturband. In dieser Publikationsreihe wurden vom Verlag Rommerskirchen Doppelbegabungen vorgestellt. Gernhard stellt sein Bestiarum in Text und Bild vor, dass ihn in der toskanischen Behausung umgibt. Man begegnet in plastischen Kreidezeichnungen auf tonig schimmernden Grund allerlei Getier.
Kunstreich zeigt sich an diesem Nachmittag auch die Künstlerin Susanne Theumer mit ihren Grafiken zum Dichter der Goethezeit, Reinhold Robert Michael Lenz, die sich noch bis einschließlich September in den drei Räumen des Fördervereins zeigen.
Stefanie Schick, Heidelore Kneffel
Autor: redIch weiß nicht, was ich bin. / Ich schreibe das gleich hin. / Da hab'n wir den Salat: / Ich bin ein Literat., so Robert Gernhardt in seiner bissig-humorigen Art. Er wurde 1937 in Reval geboren, heute Tallinn, und ist 2006 in Frankfurt am Main gestorben. Die Lesung zu seinen Ehren findet am Samstag, 26.8.2017, ab 14.30 Uhr statt.
Ob Bildgedicht oder Satire, ob Roman oder Erzählung, Schauspiel oder Gedicht, ob Cartoon oder Ölgemälde – dieser Mann ist überall bewandert, bewältigt alles ohne Blamage und Blessur. Das ist in Deutschland, wo man Spezialisten liebt, ein Handicap - zumal im literarischen Gewerbe, wo die oft schwer errungene Leichtigkeit wenig gilt. Ein Lyriker gar, der es mit Witzen und parodistischen Einlagen hält, hat bei den Würdenträgern der Kritik und gar bei Akademien wenig zu lachen. Büchner-Preis für Gernhardt? Scheinbar absurd. Er schrieb Verse, die zum Volksgut wurden: Der Herr rief: Lieber Knecht, / Mir ist entsetzlich schlecht! / Da sprach der Knecht zum Herrn: / Das hört man aber gern. Nuancen nur, auf die der Autor Wert legt.
Ein anderer Gernhardt- Schlager von geradezu klassischer Vollkommenheit ist das aufmüpfige, 1972 erstmals veröffentlichte Gebet: Lieber Gott, nimm es hin, / daß ich was Besond'res bin. / Und gib ruhig einmal zu, / daß ich klüger bin als du. / Preise künftig meinen Namen, / denn sonst setzt es etwas. Amen. Der fröhlich zur Schau gestellte Größenwahn verhinderte noch 1991 nach einem Zeitungsabdruck nicht, dass erboste Christen ihn heftig zurechtweisen, auch drohen. Als Gernhardt ein anderes Mal die heiligste Gedichtform (Sonette find' ich so was von beschissen) mustergültig bediente und zugleich beschimpfte, erhielt er ebenfalls viel böse Leserpost, aus der eine herausragte: Goethe ist tot! Schiller ist tot! Klopstock ist tot! Robert Gernhardt lebt! Wozu? Das hätte mit diesem Ingrimm fast von ihm selbst sein können.
Einem ungewöhnlichen, vielseitig Begabten können Besucher demnächst in der Dichterstätte Sarah Kirsch in Limlingerode in einer Lesung des Ehepaares Stefanie und Matthias Schick begegnen. (Foto: Heidelore Kneffel)
Benjamin von Stuckrad-Barre, ein Schriftstellerkollege, besuchte ihn: So saßen wir an diesem heißen Juni-Montag auf dem Balkon seiner Wohn- und Atelier-Maisonette und sprachen über Gernhardts Leben, es ging nicht nur unterschwellig dabei natürlich auch immer um seinen Tod. 'Man lebt darauf zu. Es muss bedacht werden. Man macht ja Erfahrungen nur lebend, indem man das Leben wach wahrnimmt. Beispielsweise die Chemos, ich habe sie immer als Herausforderung begriffen, da hängt man am Tropf und kriegt wirklich harte Sachen, und ich hatte immer was zu schreiben dabei, schrieb beispielsweise über Schiller oder Ingeborg Bachmann, und ich hatte mir vorgenommen, jede Chemo: ein Gedicht. So habe ich mir während einer Chemo mal, Geh aus mein Herz und suche Freud' von Paul Gerhardt vorgenommen und es umgeschrieben:, Geh aus mein Herz und suche Leid / In dieser schönen Sommerszeit / Schau an der schönen Gifte Zier / Und siehe, wie sie mir und dir / Sich aufgereihet haben.'
In Limlingerode wird er auch als Maler/Zeichner vorgestellt, u. a. in einem Signaturband. In dieser Publikationsreihe wurden vom Verlag Rommerskirchen Doppelbegabungen vorgestellt. Gernhard stellt sein Bestiarum in Text und Bild vor, dass ihn in der toskanischen Behausung umgibt. Man begegnet in plastischen Kreidezeichnungen auf tonig schimmernden Grund allerlei Getier.
Kunstreich zeigt sich an diesem Nachmittag auch die Künstlerin Susanne Theumer mit ihren Grafiken zum Dichter der Goethezeit, Reinhold Robert Michael Lenz, die sich noch bis einschließlich September in den drei Räumen des Fördervereins zeigen.
Stefanie Schick, Heidelore Kneffel
