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nnz-doku: Der Nordhäuser Dialog

Mittwoch, 13. Oktober 2004, 14:27 Uhr
Nordhausen (nnz). Die Friedrich-Schiller-Universität Jena hatte in den vergangenen Wochen erneut zu einem „Nordhäuser Dialog“ eingeladen. Dabei sollten Entwicklungstrends in Nordthüringen aufgezeigt werden. In der doku-Reihe faßt die nnz den Ablauf und die Ergebnisse des ersten Workshops zusammen.


Ziel der Workshopreihe „Nordhäuser Dialog“ ist es, durch den aktiven Austausch verschiedener Akteurs- und Bevölkerungsgruppen miteinander, gemeinsame Handlungsstrategien zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit Nordthüringens zu entwickeln. Dazu werden insgesamt sechs Workshops durchgeführt, um den Dialog zwischen Unternehmen, Jugendlichen, Schulen sowie arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitischen Akteuren zu stärken, Möglichkeiten der Verbesserung der Strategiefähigkeit in der Region auszuloten und - unter aktiver Beteiligung von Vertretern aus den Landesministerien - den Bedarf an Unterstützung seitens des Freistaats Thüringen für die weitere Entwicklung der Region zu präzisieren.

Der erste Workshop setzte sich mit dem Thema „Demographischer Umbruch und dessen mögliche Auswirkungen auf die Region Nordthüringen“ auseinander. Diese Auftaktveranstaltung fand am 23. September 2004 im Festsaal des Landratsamtes Nordhausen statt. Die Tagung wurde von Dr. Michael Behr, Projektleiter an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, und Ulrich Hannemann, DGB Nordhausen eröffnet. Die Begrüßung erfolgte im Namen des TMWAI und der regionalen Initiatoren der Workshopreihe: Dr. Simone Simon (Agentur für Arbeit Nordhausen), Dr. Sabine Riebel (Wirtschaftsförderung der Stadt Nordhausen), Frau Freiberg (GfaW Nordthüringen) und Astrid Schwarz-Zaplinski (IG Metall Nordhausen).

Michael Behr und Ulrich Hannemann wiesen einleitend auf ein zentrales Paradox der Region hin: Nordthüringen hat, wie die von der FSU Jena durchgeführten Studie im verarbeitenden Gewerbe aus dem Jahr 2002 zeigte, durchaus entwicklungsfähige industrielle Kerne. Unternehmen bspw. des Werkzeugbaus oder der metallverarbeitenden Industrie operieren aber oft „Erfolgreich im Verborgenen“, so der Titel der Studie, stellen ihre Erfolge nicht in der Öffentlichkeit dar. Somit erscheinen sie am Arbeitsmarkt nicht als attraktiver Beschäftiger und sind nicht in der Lage, in ausreichendem Maße Nachwuchskräfte zu gewinnen. In der Zukunft werden der systematische Nachwuchskräfteaufbau und die betriebliche Erstausbildung zentrale Aufgaben darstellen.

Angesichts des demographischen Umbruchs ist gerade die Region Nordthüringen eminent herausgefordert. Bis 2015 halbiert sich die Zahl junger Menschen in der Altersgruppe der 18 bis 25 Jährigen. Bereits im Jahr 2010 verlassen weniger als die Hälfte der Jugendlichen die Schulen und fragen Ausbildung und Beschäftigung nach. Gleichzeitig werden viele Beschäftigte in Rente gehen. Da auch die qualifizierten Arbeitskräfte aus DDR-Zeiten älter werden und ein großer Teil der gut Ausgebildeten die Region verlassen hat, droht ein Fachkräftemangel, der für die stark modernisierte Industrie zum Entwicklungsproblem werden könnte.

Prof. Sedlacek vom Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie der FSU Jena verdeutlichte verschiedenen Aspekte des dramatischen demographischen Wandels. Ohne Zuwanderung, so die nüchterne Analyse, würde Deutschland bei den gegenwärtigen Geburtenraten am Ende des Jahrhunderts nur noch 23 Millionen Einwohner haben. Zwar handelt es sich nicht um ein deutsches, sondern um ein internationales Problem, aber insbesondere Ostdeutschland sei besonders stark von drei Tendenzen des demographischen Wandel betroffen: 1. Schrumpfung, 2. Alterung, 3. Vereinzelung (48% Singlehaushalte, in denen sowohl junge als auch alte Menschen leben).

Die Alterszusammensetzung der Bevölkerung wird sich ebenso verändern. Gegenwärtig sind 21% der Einwohner Deutschlands unter 20, 2050 nur noch 16%, 28% im Moment über 60 Jahre, 2050 sind es 37% und während gegenwärtig nur 3,9% über 80 Jahre als sind werden dies 2050 12% sein. Damit ändert sich der Altersquotient (wie viele Menschen über 60 kommen auf einen Erwerbsfähigen) dramatisch. Im Jahr 2050 kommen auf 100 Erwerbsfähige 78 Personen, die nicht oder nicht mehr im Erwerbsleben stehen.

Verantwortlich für diese Entwicklung ist ebenso die aktuell starke Migration der Altersgruppe der 21 bis 30 Jährigen. Von diesen wandern überproportional viele junge Frauen und junge Menschen mit Abitur und mit Hochschulabschluss ab. „Wer Abitur macht, ist für das Dorf verloren.“ Nach jüngsten Berechnungen des Berliner Instituts und des Bundesamtes für Raumordnung wird der Bevölkerungsverlust bis 2020 für Nordthüringen auf 15% geschätzt.

Insgesamt könnte die demographische Entwicklung darauf hinauslaufen, dass die Bevölkerungszahl Thüringens bis 2050 auf 1,2 Mio. Einwohner schrumpft - eine Halbierung gegenüber dem aktuellen Stand. Diese Entwicklung hat gravierende negative Effekte für die infrastrukturelle Versorgung der Dörfer und dünn besiedelten Gebiete, für die technische Infrastruktur, das Angebot an Leistungen des Öffentlichen Dienstes und des Angebots an medizinischen Leistungen.

Im Schlussstatement ging Michael Behr noch einmal auf das Anliegen der Veranstaltung ein. Zum einen ist es wichtig anzuerkennen, dass der demographische Umbruch die Region vor eine Herausforderung stellt. Die vermehrten Renteneintritte in den kommenden Jahren und der Rückgang der Lehrstellenbewerber haben aber auch unabweisbar positive Aspekte. Zunächst wird sich der Lehrstellenmarkt, dann der Arbeitsmarkt entspannen. Die Arbeitslosigkeit wird aber nur sinken, wenn es gelingt, den Nachwuchs auf den zukünftigen Bedarf hin auszubilden. Gelingt dies nicht, ist es sogar möglich, dass eine hohe Arbeitslosigkeit zugleich mit Fachkräftemangel einhergeht.

Will man ein solches Szenario abwenden, müssen Berufswahlentscheidungen realistisch sein, müssen Betriebe, die Personalbedarf haben, angemessen ausbilden, müssen die Unternehmen nach der Ausbildung auch einstellen. Es müssen Weiterbildungsmaßnahmen älterer Arbeitnehmer auf den Bedarf der Unternehmen abgestimmt sein. Auf allen Ebenen des „Humanressourcenaufbaus“ müssen – angesichts der Verknappung von potentiellen Fachkräften – intelligente Ansätze greifen. Dann und nur dann, hat Nordthüringen eine Chance, an die vielen Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre anzuknüpfen und die Chancen des demographischen Umbruchs sogar aktiv zu nutzen, diese in eine Zukunftsstrategie zu überführen. In der Sicherung der Fachkräftebasis wird dabei der Schlüssel für die Entwicklung der Region gesehen.

Ein zweiter Workshop mit dem Thema „Der Übergang Schule-Beruf. Berufswahlentscheidung ohne Orientierung?“ findet am 28. Oktober 2004 in der Aula der Lessingschule, Nordhausen (Am Salzagraben 4) statt. Fragen, die dann diskutiert werden sollen, sind:

- Wie können junge Menschen besser auf ihre berufliche Zukunft vorbereitet werden?
- Welchen Beitrag müssen Unternehmen zukünftig dafür erbringen?
- Wie können Erwartungen von Jugendlichen und Unternehmern besser aufeinander abgestimmt werden?
- Welche Rolle kommt der Schule im Prozess der Berufsvorbereitung zu?
- Wie können die Eltern ihre Kinder besser unterstützen?

Zu diesem Workshop sind alle Interessierten herzlich eingeladen.
Autor: nnz

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