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Premiere ist gelaufen

Samstag, 09. Oktober 2004, 09:20 Uhr
Premiere ist gelaufen (Foto: nnz) Premiere ist gelaufen (Foto: nnz) Nordhausen (nnz). Es war 22.35 Uhr gestern Abend als für das junge Leitungsteam des Nordhäuser Theaters die Stunde der Wahrheit schlug. Wie würde das Premierenpublikum auf die „Zauberflöte“ reagieren? nnz war vor Ort.


Ein Podest steht auf der Bühne, gemalte Bühnenprospekte begrenzen den Raum. Wir schauen in eine klassische Guckkastenbühne. Die Welt ist ein Theater, das Theater ist die Welt. Eine der berühmtesten Opern der Musikgeschichte haben sich die Verantwortlichen um Intendant Tietje ausgesucht, vielleicht die beste des Genies Mozart. Aber der hat „nur“ die Musik komponiert. Das Libretto ist von einem anderen Genie, dem ausgebufften Profi, Schauspieler, Regisseur und Theaterdirektor Emanuel Schikaneder. Der hat in der Wiener Uraufführung auch selbst eine Rolle übernommen – die des Papageno. Und er hat gewusst warum. Um es vorweg zu nehmen: auch Thomas Kohl als Nordhäuser Papageno war glänzend. Aber nicht nur er.

Doch der Reihe nach und erst einmal ein kurzer Handlungsabriss für alle, die nicht wissen, worum es in der „Zauberflöte" geht:

Einer bösen Mutter (und Königin der Nacht) wird die Tochter von einem Weltverbesserer weggenommen, der sie besser erziehen will. Diese drastische Maßnahme sieht die Mutter nicht richtig ein und zeigt einem Prinzen - der gerade mit Ach und Krach dem Magen einer Reisenschlange entgangen ist– ein Bildnis ihrer Tochter Pamina. Der Jüngling namens Tamino (Matthias Heubusch) verknallt sich schnurstracks in das Bild und bleibt auch angesichts des leibhaftigen Mädchens bei der Überzeugung, er liebe sie (durchaus verständlich, so wie Brigitte Roth die Partie singt und spielt). Jetzt kommt aber der Mädchenentführer und "Eingeweihte" Sarastro ins Spiel. Er denkt sich einige Initialisierungsrituale aus, auf dass der Prinz auch ein Eingeweihter werde. So verdonnert er den jungen Mann zum Schweigen.

Das ist für Männer keine unmögliche Herausforderung, aber Pamina, die den Prinzen auch sofort liebgewonnen hat, findet es unerträglich, dass ihr Geliebter nicht mehr auf ihre tausend Fragen antwortet. Sie beschließt in ihrer übergroßen Verzweiflung, sich mit dem Dolch zu entleiben, den ihr ihre Mutter gab, um Sarastro zu töten. Wie die Geschichte ausgeht, wollen wir hier nicht verraten. Nur so viel: Alles wird gut.

Mit Witz und Leichtigkeit kommt die Inszenierung von Oberspielleiterin Kerstin Weiß daher, in einer geschlossenen Ensembleleistung haben die Protagonisten alle Freiheiten, ihre Figur aufzubauen und überzeugend zu spielen. Auch wenn ich den Text der sehr inspiriert gesungenen Partien nicht immer verstanden habe, so habe ich doch gesehen, was die Figuren beim Singen empfinden. Das war nicht immer so im Nordhäuser Musiktheater; aber es geht gut, wenn eine Regisseurin ihre Intentionen an die Sänger vermitteln kann (das war leider in der Vergangenheit auch eher selten).

In einem wunderbar einfachen, märchenhaften und vielschichtigen Bühnenbild (Frank Olle) agierte das Ensemble in ausgewählt geschmackvollen und harmonisch abgestimmten Kostümen (Elisabeth Stolze-Bley) und wurde von einem sehr gut eingestellten Loh-Orchester (Hiroaki Masuda macht hervorragende Arbeit) begleitet und beflügelt.

Für mich gesanglich begeisternd die beiden Rivalen Maria Celegridis als Königin der Nacht und Robert Mc Loud (nomen est omen) als Sarastro, brillant auch die drei Damen der Königin (Sabine Blanchard, Andra Fischer Poerschke und Anja Daniela Wagner), der schon oben erwähnte Thomas Kohl als Papageno und eine hervorragende Leistung bot auch der disziplinierte und konzentrierte Chor (Einstudierungen Inga Hilsberg).

Diese Inszenierung bietet neben der Musik aber noch viel mehr und es lohnt sich, dieses Angebot zu entdecken. Von drei kleinen Mozarts mit eigener Wolke über phantastische Schwarze bis hin zum Ei der Papagena gibt es vieles zu bestaunen. Ein eventueller zweiter Besuch des Stückes kann nicht schaden und mit Sicherheit entdeckt der geneigte Betrachter dabei Dinge, die ihm beim ersten Zuschauen verborgen blieben. Oder er steigt vielleicht dahinter, was beim Odin Isis und Orisis im Libretto zu suchen hatten.

Das neue Leitungsteam im Nordhäuser Musentempel kann jedenfalls erst einmal tief durchatmen. Der Anfang ist gemacht, der erste Kredit beim Publikum aufgenommen (knapp 10 Minuten Beifall). Jetzt heißt es Konstanz beweisen.
Autor: osch

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