Käthe Kollwitz zum heutigen 150. Geburtstag
... ich bin bis Nordhausen geflohen.
Samstag, 08. Juli 2017, 09:27 Uhr
Am kommenden Mittwoch findet ab 16.00 Uhr eine Würdigung der Künstlerin Käthe Kollwitz anlässlich ihres 150. Geburtstages im nordhaus statt. Im Mittelpunkt des Vortrages und der Lesung von Heidelore Kneffel steht ihr Leben in Nordhausen vom 3. August 1943 bis zum 22. Juli 1944 im Haus Vor dem Hagentor 2...
Bronzeplastik der Erfurter Künstlerin Anke Besser-Güth (Foto: Heidelore Kneffel)
Bronzeplastik der Erfurter Künstlerin Anke Besser-Güth, die vor der Käthe-Kollwitz-Schule in Nordhausen steht.
Der erste, der darüber am 21.1 1946 öffentlich Kunde in der Thüringer Volkszeitung gab, war der Dichter und Schriftsteller Rudolf Hagelstange, der selbst einige Zeit in diesem Gebäude gelebt hat.
Die Kollwitz ist eine der angesehensten deutschen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Die Spannweite ihres Schaffens in der Grafik und Plastik ist umfassend: historische Themen, die Lebenswelt des Proletariats, Leben, Liebe, Krieg und Tod, Selbstbildnisse in großer Zahl, Bildnisse von Familie und Freunden, Aktdarstellungen. Sich mit ihr und ihrer Kunst zu befassen, macht uns auch in unserer Zeit sehender.
Dieses Geburtstags-Jubiläum nimmt man weltweit zum Anlass, die Künstlerin mit Sonderausstellungen zu würdigen. Das Berliner Kollwitz-Museum feiert die Künstlerin z. B. zeitgleich in Berlin und ihrem Geburtsort Königsberg, dem heutigen Kaliningrad in Russland. In einer dpa-Meldung war dieser Tage zu lesen: Mit einem eigenen Jahresprogramm feiert Moritzburg bei Dresden den 150. Geburtstag der Künstlerin... Der Rüdenhof, in dem die Künstlerin starb, ist der einzige noch authentische Aufenthaltsort der bedeutendsten Grafikerin und Bildhauerin des 20. Jahrhunderts …
Diese Aussage verwundert doch sehr, denn, dass es in Nordhausen am Harz Vor dem Hagentor 2 ein Haus gibt, in dem sie ein knappes Jahr wohlbehütet lebte, hat sich eigentlich herumgesprochen, auch, wenn es am Gebäude nur eine Gedenktafel gibt. Zur Einrichtung eines Gedenkraumes in diesem Haus konnte sich die Stadt nicht entschließen.
Zu einer Ehrung durch die Stadt und die Bewohner Nordhausens sollte es am Samstag, dem 8. Juli, durchaus kommen. Ein würdiger Ort wäre auf dem Vorhof der Käthe-Kollwitz-Schule, denn hier zeigt seit Oktober 1969 ein sehr ansprechendes Bronze-Denkmal der Künstlerin, geschaffen von Anke Besser-Güth. Vorbild für die Erfurter Bildhauerin war eine Kohlezeichnung der Kollwitz aus ihrer letzten Schaffenszeit, sich selbst darstellend.
Für die Kollwitz war ihr Aufenthalt in Nordhausen noch einmal ein Aufatmen im Krieg, wie die Briefe zeigen, die sie von hier an Freunde, Bekannte, Künstler und die Familie ihres Sohnes Hans schrieb. Sie sind mehrfach publiziert. In Nordhausen findet man an der Kollwitzschule noch eine mit Metallbuchstaben beschriftete Rundbogenmauer mit einem Goethespruch, der eine ihrer Maximen war: Saatfrüchte dürfen nicht vermahlen werden. Außerdem gibt es im Kunsthaus Meyenburg eine Originalgrafik von ihr, eine Lithographie, ihre Eltern darstellend, die das Museum als Dauerleihgabe von der Kollwitzschule zur Aufbewahrung erhielt.
Im stadtgeschichtlichem Museum Flohburg (Ausstellung) gibt es ein Bronzerelief, die Kollwitz darstellend, dass die Künstlerin Margret Böning, die sie ja nach Nordhausen in das Haus an der Stadtmauer geholt hatte, nach Skizzen und Fotos schuf und der Stadt schenkte.
Wieso kam die Künstlerin im Krieg von Berlin nach Nordhausen? Die Bombenangriffe auf Berlin mehrten sich. Die künstlerisch begabte Nordhäuserin Margret Bönisch verehrte die Kollwitz sehr und wollte ihr in ihrem Elternhaus Schutz bieten. Nach anfänglichem Zögern willigte diese ein. Es gibt darüber Aussagen in mehreren Artikeln und Büchern. Ein längerer Beitrag wurde auch im Jahrbuch des Landkreises Nordhausen Heute und einst von 1995 veröffentlicht.
Die Journalistin, Bildberichterstatterin und Schriftstellerin Lenka von Koerber (1888-1958) gab 1957 bei Rütten&Loening in Berlin ein Buch mit dem Titel Erlebtes mit Käthe Kollwitzheraus, worin man interessante Details erfährt. Kennengelernt haben sich die beiden Frauen 1927/28, als die Koerber die Kollwitz um eine Zeichnung für ihr Buch Erlebnisse unter Strafgefangenen bat, denn sie informierte sich intensiv über die Bedingungen in Gefangenenanstalten und war in der Strafentlassenenfürsorge tätig. Die Kollwitz schickte ihr eine Zeichnung, die eine Gefangene mit tiefliegenden, müden Augen zeigt, die durch ein Gitter blickt. 1943 erfuhr die Koerber brieflich, dass sich die Kollwitz in Nordhausen aufhielt. Der eingangs zitierte Satz wird so fortgeführt: zusammen mit meiner Schwester, deren Tochter und Clara Stern. Hier lebe ich bei einer reizenden jungen Frau, die ich vor ein paar Wochen nur erst brieflich kannte. Die Fahrt war freilich phantastisch. Dank Claras Umsicht war alles herrlich vorbereitet mit Krankentransport usw. Tatsächlich war es nachher so, daß man kopfüber, kopfunter nur durch das Coupéfenster befördert wurde … infolgedessen bin ich einstweilen weder verbrannt noch verschüttet.
Sie teilt mit, dass es in Nordhausen massenhaft Flüchtlinge gäbe und das auch ihr Haus davon vollbesetzt sei. Deshalb wäre es auch nicht möglich, für die Koerber ein Quartier zu beschaffen, denn diese wollte sie unbedingt in Nordhausen besuchen.
Vor dem Hagentor erlebte die Künstlerin am 8. Juli 1944 ihren letzten Geburtstag, den 76. Margret Böning, geb. Schultes, sang der Kollwitz frühmorgens am Bett mit ihren beiden kleinen Kindern ein Ständchen, brachte Blumen, es gab selbstgebackenen Kuchen - im Kriegsjahr 1944 ein Ereignis. Auch ihre Schwiegertochter Ottilie aus Berlin war gekommen.
Bei dem Kollwitzsohn Hans meldete sich der kunstsinnige sächsische Prinz Ernst Heinrich, er wollte die Künstlerin zu sich nehmen. Hans stimmte zu, da es in Nordhausen hieß, ältere Personen sollten wegen der zunehmenden Luftangriffe in Dörfer verlegt werden. Der Prinz holte die Kollwitz, die überaus traurig war, diese Familie verlassen zu müssen, persönlich ab. Die Todessehnsucht nahm zu und am 22. April 1945 ging das Leben dieser Künstlerin, die einen Ehrenplatz in der modernen deutschen und internationalen Kunst inne hat, zu Ende.
Heidelore Kneffel
Autor: red
Bronzeplastik der Erfurter Künstlerin Anke Besser-Güth (Foto: Heidelore Kneffel)
Bronzeplastik der Erfurter Künstlerin Anke Besser-Güth, die vor der Käthe-Kollwitz-Schule in Nordhausen steht.
Der erste, der darüber am 21.1 1946 öffentlich Kunde in der Thüringer Volkszeitung gab, war der Dichter und Schriftsteller Rudolf Hagelstange, der selbst einige Zeit in diesem Gebäude gelebt hat.
Die Kollwitz ist eine der angesehensten deutschen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Die Spannweite ihres Schaffens in der Grafik und Plastik ist umfassend: historische Themen, die Lebenswelt des Proletariats, Leben, Liebe, Krieg und Tod, Selbstbildnisse in großer Zahl, Bildnisse von Familie und Freunden, Aktdarstellungen. Sich mit ihr und ihrer Kunst zu befassen, macht uns auch in unserer Zeit sehender.
Dieses Geburtstags-Jubiläum nimmt man weltweit zum Anlass, die Künstlerin mit Sonderausstellungen zu würdigen. Das Berliner Kollwitz-Museum feiert die Künstlerin z. B. zeitgleich in Berlin und ihrem Geburtsort Königsberg, dem heutigen Kaliningrad in Russland. In einer dpa-Meldung war dieser Tage zu lesen: Mit einem eigenen Jahresprogramm feiert Moritzburg bei Dresden den 150. Geburtstag der Künstlerin... Der Rüdenhof, in dem die Künstlerin starb, ist der einzige noch authentische Aufenthaltsort der bedeutendsten Grafikerin und Bildhauerin des 20. Jahrhunderts …
Diese Aussage verwundert doch sehr, denn, dass es in Nordhausen am Harz Vor dem Hagentor 2 ein Haus gibt, in dem sie ein knappes Jahr wohlbehütet lebte, hat sich eigentlich herumgesprochen, auch, wenn es am Gebäude nur eine Gedenktafel gibt. Zur Einrichtung eines Gedenkraumes in diesem Haus konnte sich die Stadt nicht entschließen.
Zu einer Ehrung durch die Stadt und die Bewohner Nordhausens sollte es am Samstag, dem 8. Juli, durchaus kommen. Ein würdiger Ort wäre auf dem Vorhof der Käthe-Kollwitz-Schule, denn hier zeigt seit Oktober 1969 ein sehr ansprechendes Bronze-Denkmal der Künstlerin, geschaffen von Anke Besser-Güth. Vorbild für die Erfurter Bildhauerin war eine Kohlezeichnung der Kollwitz aus ihrer letzten Schaffenszeit, sich selbst darstellend.
Für die Kollwitz war ihr Aufenthalt in Nordhausen noch einmal ein Aufatmen im Krieg, wie die Briefe zeigen, die sie von hier an Freunde, Bekannte, Künstler und die Familie ihres Sohnes Hans schrieb. Sie sind mehrfach publiziert. In Nordhausen findet man an der Kollwitzschule noch eine mit Metallbuchstaben beschriftete Rundbogenmauer mit einem Goethespruch, der eine ihrer Maximen war: Saatfrüchte dürfen nicht vermahlen werden. Außerdem gibt es im Kunsthaus Meyenburg eine Originalgrafik von ihr, eine Lithographie, ihre Eltern darstellend, die das Museum als Dauerleihgabe von der Kollwitzschule zur Aufbewahrung erhielt.
Im stadtgeschichtlichem Museum Flohburg (Ausstellung) gibt es ein Bronzerelief, die Kollwitz darstellend, dass die Künstlerin Margret Böning, die sie ja nach Nordhausen in das Haus an der Stadtmauer geholt hatte, nach Skizzen und Fotos schuf und der Stadt schenkte.
Wieso kam die Künstlerin im Krieg von Berlin nach Nordhausen? Die Bombenangriffe auf Berlin mehrten sich. Die künstlerisch begabte Nordhäuserin Margret Bönisch verehrte die Kollwitz sehr und wollte ihr in ihrem Elternhaus Schutz bieten. Nach anfänglichem Zögern willigte diese ein. Es gibt darüber Aussagen in mehreren Artikeln und Büchern. Ein längerer Beitrag wurde auch im Jahrbuch des Landkreises Nordhausen Heute und einst von 1995 veröffentlicht.
Die Journalistin, Bildberichterstatterin und Schriftstellerin Lenka von Koerber (1888-1958) gab 1957 bei Rütten&Loening in Berlin ein Buch mit dem Titel Erlebtes mit Käthe Kollwitzheraus, worin man interessante Details erfährt. Kennengelernt haben sich die beiden Frauen 1927/28, als die Koerber die Kollwitz um eine Zeichnung für ihr Buch Erlebnisse unter Strafgefangenen bat, denn sie informierte sich intensiv über die Bedingungen in Gefangenenanstalten und war in der Strafentlassenenfürsorge tätig. Die Kollwitz schickte ihr eine Zeichnung, die eine Gefangene mit tiefliegenden, müden Augen zeigt, die durch ein Gitter blickt. 1943 erfuhr die Koerber brieflich, dass sich die Kollwitz in Nordhausen aufhielt. Der eingangs zitierte Satz wird so fortgeführt: zusammen mit meiner Schwester, deren Tochter und Clara Stern. Hier lebe ich bei einer reizenden jungen Frau, die ich vor ein paar Wochen nur erst brieflich kannte. Die Fahrt war freilich phantastisch. Dank Claras Umsicht war alles herrlich vorbereitet mit Krankentransport usw. Tatsächlich war es nachher so, daß man kopfüber, kopfunter nur durch das Coupéfenster befördert wurde … infolgedessen bin ich einstweilen weder verbrannt noch verschüttet.
Sie teilt mit, dass es in Nordhausen massenhaft Flüchtlinge gäbe und das auch ihr Haus davon vollbesetzt sei. Deshalb wäre es auch nicht möglich, für die Koerber ein Quartier zu beschaffen, denn diese wollte sie unbedingt in Nordhausen besuchen.
Vor dem Hagentor erlebte die Künstlerin am 8. Juli 1944 ihren letzten Geburtstag, den 76. Margret Böning, geb. Schultes, sang der Kollwitz frühmorgens am Bett mit ihren beiden kleinen Kindern ein Ständchen, brachte Blumen, es gab selbstgebackenen Kuchen - im Kriegsjahr 1944 ein Ereignis. Auch ihre Schwiegertochter Ottilie aus Berlin war gekommen.
Bei dem Kollwitzsohn Hans meldete sich der kunstsinnige sächsische Prinz Ernst Heinrich, er wollte die Künstlerin zu sich nehmen. Hans stimmte zu, da es in Nordhausen hieß, ältere Personen sollten wegen der zunehmenden Luftangriffe in Dörfer verlegt werden. Der Prinz holte die Kollwitz, die überaus traurig war, diese Familie verlassen zu müssen, persönlich ab. Die Todessehnsucht nahm zu und am 22. April 1945 ging das Leben dieser Künstlerin, die einen Ehrenplatz in der modernen deutschen und internationalen Kunst inne hat, zu Ende.
Heidelore Kneffel
