Kreisstadt Nordhausen
Versehen oder gewollt?
Montag, 22. Mai 2017, 07:00 Uhr
Die Thüringer Landesregierung kommt in ihrem Referentenentwurf zur Verteilung der Kreissitzes zum Ergebnis, dass der Sitz eines Großkreises in Sondershausen sein müsste. Das ist völlig unsinnig und an Fakten vorbeigeschrieben...
Ausschnitt aus Google Maps (Foto: Google INC.)
34 Minuten von Großenehrich nach Nordhausen und nicht - wie im Entwurf genannt - 40 bis 50 Minuten
Bekannt ist seit voriger Woche, dass die Nordhäuser Kreisverwaltung in einer Stellungnahme die angeblichen Fakten der Erreichbarkeit beider Städte (Nordhausen und Sondershausen) des Entwurfes widerlegt hatte. Um es genauer darzustellen, haben wir uns unter anderem die beim ÖPNV am weitesten gelegenen Städte angesehen. Das sind Ellrich im Norden, Roßleben im Osten, Greußen im Süden und Sollstedt im Westen.
Fazit der Analyse der Fahrtzeiten: nur von Greußen aus ist man mit öffentlichen Verkehrsmitteln schneller in Sondershausen als in Nordhausen. Selbst von Roßleben aus benötigt man laut Fahrplanauskunft nach Sondershausen eine Stunde und 55 Minuten, nach Nordhausen lediglich eine Stunde und 51 Minuten. Legt man die Differenzen aller vier Städte "übereinander", dann ergibt es sich ein Saldo von 30 Minuten, die länger benötigt werden, um nach Sondershausen statt nach Nordhausen zu kommen.
Ein ähnliches Bild ergibt sich für den Individualverkehr, hier werden in Summe 20 Minuten mehr nach Sondershausen als nach Nordhausen benötigt. Selbst von Roßleben aus braucht man demzufolge 54 Minuten nach Sondershausen und 48 Minuten nach Nordhausen. Scheinbar haben die Beamten des Thüringer Innenministeriums nicht "auf dem Schirm" gehabt, dass es eine A 38 und eine mittlerweile durchgehend ausgebaute A 71 gibt. Legt man den Umstand zugrunde, dass auf einer Autobahn schneller als auf Bundes- oder Landstraße gefahren wird, dann wird der "Überschuss" für die Fahrt nach Nordhausen noch einmal erheblich größer.
Das sind die Fakten. Doch es kommt noch schlimmer. In dem Referentenentwurf wurden (wissentlich oder unwissentlich) falsche Zahlen aufgeführt. Beispiel Großenehrich: Nach Nordhausen werden individuell 34 Minuten benötigt und nicht 40 bis 50 Minuten (siehe Ausschnitt oben). Die Unzulänglichkeiten könnten fortgesetzt werden.
In Summe sprechen die Zahlen eindeutig für Nordhausen als Kreissitz, wenn die Erreichbarkeit zugrunde gelegt wird. Im ÖPNV profitieren fast 107.000 Menschen in einem Großkreis von Nordhausen als Kreissitz, lediglich 54.500 von Sondershausen. Beim Individualverkehr sind es 60.000, die von Sondershausen profitieren und 100.000 von Nordhausen.
Ein letzter Blick auf die Pendlerströme. Im Referentenentwurf ist zum Beispiel nachzulesen: "Pendler- und Wanderungsbeziehungen bestehen zwischen dem Landkreis Nordhausen und dem Kyffhäuserkreis im mittleren Bereich." Das sollte es wohl auch gewesen sein, normalerweise hätte ein Blick in die Daten der Arbeitsagentur Nordhausen genügt. Die besagt, dass aus dem Kyffhäuserkreis 1.257 Einwohner in den Landkreis Nordhausen einpendeln, in umgekehrter Richtung lediglich 687. Auf die Kreisstädte heruntergebrochen: Von Nordhausen nach Sondershausen pendeln 372 Frauen und Männer, von Sondershausen nach Nordhausen 845.
Dabei sind nicht die Pendler erfasst, die nach Nordhausen einpendeln, weil hier Teilfunktionen eines Oberzentrums vorhanden sind, wie zum Beispiel Berufsschüler, Hochschüler, Theaterbesucher oder Nutzer der vielfältigen Einkaufsmöglichkeiten. Ein Blick in die Parkhäuser von Marktpassage und Südharz-Galerie genügt.
Fazit: Eigentlich, die Fakten betrachtet, führt kein Weg um Nordhausen als künftige Kreisstadt herum. Es sei denn, es ist politisch gewollt, die wesentlich kleinere Stadt zu stärken, in dem man die wesentlich größere schwächt. Das aber widerspricht dem Landesentwicklungsplan, in dem Sondershausen wohl perspektivisch immer ein Mittelzentrum bleiben wird. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Die Unsicherheit allerdings, die liegt in der Politik, in den Deals, die da in den bekannten Hinterzimmergesprächen, ausgehandelt werden. Und genau deshalb muss Nordhausen weiter "kämpfen" und Druck in Richtung Erfurt aufbauen.
Hinfahren und demonstrieren schafft zwar Aufmerksamkeit, Fakten zu benennen, die nachprüfbar sind, ist die jetzt wichtigere Seite des "Kampfes". Die Stellungnahme der Kreisverwaltung ist dazu ein richtiger und wichtiger Schritt.
Peter-Stefan Greiner
Autor: red
Ausschnitt aus Google Maps (Foto: Google INC.)
34 Minuten von Großenehrich nach Nordhausen und nicht - wie im Entwurf genannt - 40 bis 50 Minuten
Bekannt ist seit voriger Woche, dass die Nordhäuser Kreisverwaltung in einer Stellungnahme die angeblichen Fakten der Erreichbarkeit beider Städte (Nordhausen und Sondershausen) des Entwurfes widerlegt hatte. Um es genauer darzustellen, haben wir uns unter anderem die beim ÖPNV am weitesten gelegenen Städte angesehen. Das sind Ellrich im Norden, Roßleben im Osten, Greußen im Süden und Sollstedt im Westen.
Fazit der Analyse der Fahrtzeiten: nur von Greußen aus ist man mit öffentlichen Verkehrsmitteln schneller in Sondershausen als in Nordhausen. Selbst von Roßleben aus benötigt man laut Fahrplanauskunft nach Sondershausen eine Stunde und 55 Minuten, nach Nordhausen lediglich eine Stunde und 51 Minuten. Legt man die Differenzen aller vier Städte "übereinander", dann ergibt es sich ein Saldo von 30 Minuten, die länger benötigt werden, um nach Sondershausen statt nach Nordhausen zu kommen.
Ein ähnliches Bild ergibt sich für den Individualverkehr, hier werden in Summe 20 Minuten mehr nach Sondershausen als nach Nordhausen benötigt. Selbst von Roßleben aus braucht man demzufolge 54 Minuten nach Sondershausen und 48 Minuten nach Nordhausen. Scheinbar haben die Beamten des Thüringer Innenministeriums nicht "auf dem Schirm" gehabt, dass es eine A 38 und eine mittlerweile durchgehend ausgebaute A 71 gibt. Legt man den Umstand zugrunde, dass auf einer Autobahn schneller als auf Bundes- oder Landstraße gefahren wird, dann wird der "Überschuss" für die Fahrt nach Nordhausen noch einmal erheblich größer.
Das sind die Fakten. Doch es kommt noch schlimmer. In dem Referentenentwurf wurden (wissentlich oder unwissentlich) falsche Zahlen aufgeführt. Beispiel Großenehrich: Nach Nordhausen werden individuell 34 Minuten benötigt und nicht 40 bis 50 Minuten (siehe Ausschnitt oben). Die Unzulänglichkeiten könnten fortgesetzt werden.
In Summe sprechen die Zahlen eindeutig für Nordhausen als Kreissitz, wenn die Erreichbarkeit zugrunde gelegt wird. Im ÖPNV profitieren fast 107.000 Menschen in einem Großkreis von Nordhausen als Kreissitz, lediglich 54.500 von Sondershausen. Beim Individualverkehr sind es 60.000, die von Sondershausen profitieren und 100.000 von Nordhausen.
Ein letzter Blick auf die Pendlerströme. Im Referentenentwurf ist zum Beispiel nachzulesen: "Pendler- und Wanderungsbeziehungen bestehen zwischen dem Landkreis Nordhausen und dem Kyffhäuserkreis im mittleren Bereich." Das sollte es wohl auch gewesen sein, normalerweise hätte ein Blick in die Daten der Arbeitsagentur Nordhausen genügt. Die besagt, dass aus dem Kyffhäuserkreis 1.257 Einwohner in den Landkreis Nordhausen einpendeln, in umgekehrter Richtung lediglich 687. Auf die Kreisstädte heruntergebrochen: Von Nordhausen nach Sondershausen pendeln 372 Frauen und Männer, von Sondershausen nach Nordhausen 845.
Dabei sind nicht die Pendler erfasst, die nach Nordhausen einpendeln, weil hier Teilfunktionen eines Oberzentrums vorhanden sind, wie zum Beispiel Berufsschüler, Hochschüler, Theaterbesucher oder Nutzer der vielfältigen Einkaufsmöglichkeiten. Ein Blick in die Parkhäuser von Marktpassage und Südharz-Galerie genügt.
Fazit: Eigentlich, die Fakten betrachtet, führt kein Weg um Nordhausen als künftige Kreisstadt herum. Es sei denn, es ist politisch gewollt, die wesentlich kleinere Stadt zu stärken, in dem man die wesentlich größere schwächt. Das aber widerspricht dem Landesentwicklungsplan, in dem Sondershausen wohl perspektivisch immer ein Mittelzentrum bleiben wird. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Die Unsicherheit allerdings, die liegt in der Politik, in den Deals, die da in den bekannten Hinterzimmergesprächen, ausgehandelt werden. Und genau deshalb muss Nordhausen weiter "kämpfen" und Druck in Richtung Erfurt aufbauen.
Hinfahren und demonstrieren schafft zwar Aufmerksamkeit, Fakten zu benennen, die nachprüfbar sind, ist die jetzt wichtigere Seite des "Kampfes". Die Stellungnahme der Kreisverwaltung ist dazu ein richtiger und wichtiger Schritt.
Peter-Stefan Greiner
