Altrocker wieder unterwegs
Die Jawa war unser Leben
Samstag, 13. Mai 2017, 12:40 Uhr
Vor gut 60 Jahren, ein gutes Jahrzehnt nach dem Krieg und Mitten im Sozialismus, da ließ sich ein Stück Freiheit auch auf zwei Rädern finden. Die Jawa war für die Nordhäuser Jugend damals "Goldstaub". Als "Jawa Club" sorgten die jungen wilden für einiges Aufsehen, bis es zu einer tödlichen Tragödie kam. Lange war es still um die alten Jawa Freunde. Heute treffen sie sich wieder...
"Alles was wir hatten, haben wir ins Moped gesteckt", erzählt Paul Wiederhold, "Goldstaub" sei sie gewesen, ihre Jawa, meint Willi Krenzke, anno 1954 ein "Quantensprung" in der Technik, findet Hubert Rein.
Der Nordhäuser "Jawa Club" sorgte vor rund 60 Jahren im Nachkriegsnordhausen für einiges Aufsehen. Eine ganze Bande junger Leute die auf ihren schnellen Maschinen im Pulk durch Stadt und Land rauschten - nicht jedem war das geheuer. Vor dem Kino waren sie regelmäßig zu sehen, oder wie sie, vier Jawas nebeneinander, durch Nordhausen fuhren.
Als einer der ersten "Rocker Clubs" im Osten könnte man sie bezeichnen. Entgegen der heute berüchtigten Banden, die in den USA oder in den 60er Jahren auch im Westen des Landes entstanden, sei man nicht sonderlich rebellisch gewesen. "Der Jawa Club war berüchtigt aber wir waren nicht kriminell oder gegen den Staat gerichtet", erklärt Willi Krenzke. Für die Jungen war die Jawa vor allem ein Stück Freiheit. Ein nicht ganz günstiges Stück Freiheit - 3.600 Mark kostete das Motorrad aus tschechischer Produktion, ein stolzer Preis wenn der Monatslohn kaum 400 Mark überstieg.
v.l.: Hansi Buchhardt, Peter Frank Fiedler, Wilfried Jacobssohn, Werner Siebert, Siegfried Schulze, Paul Wiederhold und Willi Krenzke (Foto: Angelo Glashagel)
Von links: Hansi Buchhardt, Peter Frank Fiedler, Wilfried Jacobssohn, Werner Siebert, Siegfried Schulze, Paul Wiederhold und Willi Krenzke
Rund 20 Leute zählte der Club damals, mit 125 km/h Spitze ging es durch die Stadt, auf den Kyffhäuser, in den Harz und einmal im Jahr auch an die Ostsee. Aus heutiger Sicht keine wahnsinnige Geschwindigkeit, für die späten 50er Jahre aber unsagbar flink.
"Die Kontrolle vor Berlin kannte uns schon", erinnert sich Werner Siebert, "aber gefunden haben die nie was". Man habe aus dem wenigen was man hatte, das beste gemacht, viel selber geschraubt, schon ein wenig Sachverstand hätte da ausgereicht, erzählen die alten Herren. Und auch Mädchen habe man darauf gekriegt, erzählen die alten Herren mit einem lächeln, allein das war für den einen oder anderen Grund genug, auf die Jawa zu steigen.
Das Treiben des Motorradclubs fiel bald auch den Behörden auf, die nicht eben begeistert waren. Ein motorisierter Volkspolizist wurde abgestellt, um den "jungen Wilden" beizubringen wie man richtig Motorrad fährt, und das möglichst außerhalb der Stadt. "Wir sind dann auch mit ihm mitgefahren, der hatte aber nur eine PK 350. Der hat kein Land gesehen.", sagt Wiederhold. Und wenn der VoPo weg war, dann tobte man sich wieder dort aus, wo es wirklich Spaß machte.
Manchmal fuhren die Clubmitglieder bei offiziellen Rennen mit, aber auch "privat" trat man gegeneinander an. Die Polizei habe von den illegalen Rennen gewusst, es aber nicht verhindern können. Zwei, drei Jahre ging das so, bis zu diesem einen, tragischen Tag. Am 12.07.1961 traf man sich zwischen Nordhausen und Petersdorf. Start des Rennens war der Abzweig zur späteren Stadion der jungen Naturforscher. Von dort aus folgte man dem Berg hinauf bis zur Ziellinie am Abzweig zur Gaststätte Harzrigi. Mann gegen Mann sollte gefahren werden, immer zwei nebeneinander.
Das Rennen vor Petersdorf endete mit zwei Toten. Frontal war einer der Rennfahrer mit dem Gegenverkehr zusammengestoßen. Für den Jawa Club war es der Anfang vom Ende. Die Führerscheine der Clubmitglieder wurden vorläufig eingezogen, die Unfallmaschinen als mahnende Warnung öffentlich ausgestellt, die Aktivitäten des Clubs stärker überwacht.
Nach der Tragödie kam irgendwann das Leben über die jungen Leute, man wurde "vernünftig". Zwei wurden gegen vier Räder getauscht, das Familienleben und die Ehefrau wichtiger als Motorrad und "Jawa Miezen". "Das war unser Leben", sagt Paul Wiederhold, "ich bekomme immer noch Gänsehaut und freue mich, wenn ich Motorradfahrer sehe, die sich austoben und ihre Maschinen beherrschen." Schnell fahren sie immer noch gerne, vor allem dann wenn die bessere Hälfte nicht auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat, aber auf zwei Rädern ist heute keiner mehr unterwegs.
Der Club ging auseinander, einige Freunde hielten aber auch danach über die Jahre regelmäßig Kontakt. Seit 2010 trifft man sich auch wieder in größerer Runde. Zu verdanken hat man das auch Hubert Rein und dem Ostklassikerclub Wolkramshausen. Rein war selber zwar kein Jawa Fahrer, der Oldtimerfreund interessierte sich aber für die Geschichte des Clubs und natürlich für ihre alten Maschinen und brachte die alten Mitglieder bei einem Treffen am Hühnstein wieder zusammen. Willkommen sind inzwischen auch Nicht-Jawa-Fahrer und Frauen.
Einmal im Monat trifft sich der "Jawa Club" heute wieder, in der Gastwirtschaft "Zum Socken" erinnert man sich nicht nur an die alten Tage, sondern plant auch für die Gegenwart. Zum diesjährigen Rolandsfest will die Stadt ihren 1090. Geburtstag wieder mit einem großen, historischen Festumzug feiern. Und dann darf natürlich auch der Nordhäuser Jawa Club nicht fehlen.
Angelo Glashagel
Autor: red"Alles was wir hatten, haben wir ins Moped gesteckt", erzählt Paul Wiederhold, "Goldstaub" sei sie gewesen, ihre Jawa, meint Willi Krenzke, anno 1954 ein "Quantensprung" in der Technik, findet Hubert Rein.
Der Nordhäuser "Jawa Club" sorgte vor rund 60 Jahren im Nachkriegsnordhausen für einiges Aufsehen. Eine ganze Bande junger Leute die auf ihren schnellen Maschinen im Pulk durch Stadt und Land rauschten - nicht jedem war das geheuer. Vor dem Kino waren sie regelmäßig zu sehen, oder wie sie, vier Jawas nebeneinander, durch Nordhausen fuhren.
Als einer der ersten "Rocker Clubs" im Osten könnte man sie bezeichnen. Entgegen der heute berüchtigten Banden, die in den USA oder in den 60er Jahren auch im Westen des Landes entstanden, sei man nicht sonderlich rebellisch gewesen. "Der Jawa Club war berüchtigt aber wir waren nicht kriminell oder gegen den Staat gerichtet", erklärt Willi Krenzke. Für die Jungen war die Jawa vor allem ein Stück Freiheit. Ein nicht ganz günstiges Stück Freiheit - 3.600 Mark kostete das Motorrad aus tschechischer Produktion, ein stolzer Preis wenn der Monatslohn kaum 400 Mark überstieg.
v.l.: Hansi Buchhardt, Peter Frank Fiedler, Wilfried Jacobssohn, Werner Siebert, Siegfried Schulze, Paul Wiederhold und Willi Krenzke (Foto: Angelo Glashagel)
Von links: Hansi Buchhardt, Peter Frank Fiedler, Wilfried Jacobssohn, Werner Siebert, Siegfried Schulze, Paul Wiederhold und Willi Krenzke
Rund 20 Leute zählte der Club damals, mit 125 km/h Spitze ging es durch die Stadt, auf den Kyffhäuser, in den Harz und einmal im Jahr auch an die Ostsee. Aus heutiger Sicht keine wahnsinnige Geschwindigkeit, für die späten 50er Jahre aber unsagbar flink.
"Die Kontrolle vor Berlin kannte uns schon", erinnert sich Werner Siebert, "aber gefunden haben die nie was". Man habe aus dem wenigen was man hatte, das beste gemacht, viel selber geschraubt, schon ein wenig Sachverstand hätte da ausgereicht, erzählen die alten Herren. Und auch Mädchen habe man darauf gekriegt, erzählen die alten Herren mit einem lächeln, allein das war für den einen oder anderen Grund genug, auf die Jawa zu steigen.
Das Treiben des Motorradclubs fiel bald auch den Behörden auf, die nicht eben begeistert waren. Ein motorisierter Volkspolizist wurde abgestellt, um den "jungen Wilden" beizubringen wie man richtig Motorrad fährt, und das möglichst außerhalb der Stadt. "Wir sind dann auch mit ihm mitgefahren, der hatte aber nur eine PK 350. Der hat kein Land gesehen.", sagt Wiederhold. Und wenn der VoPo weg war, dann tobte man sich wieder dort aus, wo es wirklich Spaß machte.
Manchmal fuhren die Clubmitglieder bei offiziellen Rennen mit, aber auch "privat" trat man gegeneinander an. Die Polizei habe von den illegalen Rennen gewusst, es aber nicht verhindern können. Zwei, drei Jahre ging das so, bis zu diesem einen, tragischen Tag. Am 12.07.1961 traf man sich zwischen Nordhausen und Petersdorf. Start des Rennens war der Abzweig zur späteren Stadion der jungen Naturforscher. Von dort aus folgte man dem Berg hinauf bis zur Ziellinie am Abzweig zur Gaststätte Harzrigi. Mann gegen Mann sollte gefahren werden, immer zwei nebeneinander.
Das Rennen vor Petersdorf endete mit zwei Toten. Frontal war einer der Rennfahrer mit dem Gegenverkehr zusammengestoßen. Für den Jawa Club war es der Anfang vom Ende. Die Führerscheine der Clubmitglieder wurden vorläufig eingezogen, die Unfallmaschinen als mahnende Warnung öffentlich ausgestellt, die Aktivitäten des Clubs stärker überwacht.
Nach der Tragödie kam irgendwann das Leben über die jungen Leute, man wurde "vernünftig". Zwei wurden gegen vier Räder getauscht, das Familienleben und die Ehefrau wichtiger als Motorrad und "Jawa Miezen". "Das war unser Leben", sagt Paul Wiederhold, "ich bekomme immer noch Gänsehaut und freue mich, wenn ich Motorradfahrer sehe, die sich austoben und ihre Maschinen beherrschen." Schnell fahren sie immer noch gerne, vor allem dann wenn die bessere Hälfte nicht auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat, aber auf zwei Rädern ist heute keiner mehr unterwegs.
Der Club ging auseinander, einige Freunde hielten aber auch danach über die Jahre regelmäßig Kontakt. Seit 2010 trifft man sich auch wieder in größerer Runde. Zu verdanken hat man das auch Hubert Rein und dem Ostklassikerclub Wolkramshausen. Rein war selber zwar kein Jawa Fahrer, der Oldtimerfreund interessierte sich aber für die Geschichte des Clubs und natürlich für ihre alten Maschinen und brachte die alten Mitglieder bei einem Treffen am Hühnstein wieder zusammen. Willkommen sind inzwischen auch Nicht-Jawa-Fahrer und Frauen.
Einmal im Monat trifft sich der "Jawa Club" heute wieder, in der Gastwirtschaft "Zum Socken" erinnert man sich nicht nur an die alten Tage, sondern plant auch für die Gegenwart. Zum diesjährigen Rolandsfest will die Stadt ihren 1090. Geburtstag wieder mit einem großen, historischen Festumzug feiern. Und dann darf natürlich auch der Nordhäuser Jawa Club nicht fehlen.
Angelo Glashagel

