Ringvorlesung an der Hochschule
Worüber reden wir hier eigentlich?
Dienstag, 18. April 2017, 21:40 Uhr
Nachhaltigkeit ist ein Kernbegriff des bisherigen 21. Jahrhunderts. Von der Art und Weise wie unser Essen auf den Tisch kommt, über die Kleidung die wir tragen, unsere Methoden Wissen zu vermitteln, Straßen zu bauen oder Strom zu produzieren – alles muss nachhaltig sein. An der Hochschule sucht man zur Zeit nach Substanz hinter dem Schlagwort...
Nachhaltigkeit - Worüber reden wir hier eigentlich? Ringvorlesung an der Hochschule Nordhausen (Foto: Angelo Glashagel)
Gehört hat es jeder schon einmal, das ominöse Schlagwort von der Nachhaltigkeit. Johannes Haller, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Nordhäuser Hochschule, beschäftigt sich beruflich und privat mit dem Konzept vom nachhaltigen handeln. Neben der Arbeit im Fachbereich Regenerative Energietechnik engagiert sich der Wissenschaftler sei langen auch in der Initiative GoFair, die an der Hochschule und in der Stadt mit kleinen Projekten versucht, einen kulturellen Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit auch umzusetzen.
Die Welt wird kleiner, oder vielmehr gibt es immer mehr Menschen, die immer mehr Platz brauchen. Platz für Häuser, Platz für Straßen, Platz für Felder, Weiden, Plantagen, Industrieparks, und, und, und. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sehen Wissenschaftler ein neues Zeitalter realisiert – das "Anthropozän", das Zeitalter des Menschen. Gemeint ist eine Welt, die in nie zuvor da gewesener Weise vom Menschen nicht nur beeinflusst sondern aktiv und grundlegend verändert wird.
Die rasante Ausbreitung des Menschen und sein industrieller und technischer Fortschritt bringen für den Planeten steigende Belastungen mit sich. Die Wissenschaft fasst diesen Aspekt unter mehreren planetaren Grenzen zusammen, von denen einige bereits weit überschritten sein könnten. Bei der Artenvielfalt sei die Entwicklung der letzten 40 Jahre erschreckend, sagt Haller, auch wenn es an Zahlenwerken wie dem Living Planet Index immer wieder verschiedentliche und legitime Kritik gäbe. Hinzu kommen Klimawandel, Versauerung, Überdüngung und Überfischung der Ozeane und das einschleppen von Pflanzen- und Tierarten in fremde Ökosysteme.
Ein zentraler Punkt der Überlegungen ist die Bevölkerungsentwicklung der Menschheit. In den 80er Jahren lebten rund 5 Mrd. Menschen auf dem blauen Planeten, 2011 knackte man die 7 Mrd. Marke, bis zum Ende des Jahrhunderts könnte die Erde nach konservativer Schätzung 11,2 Mrd. Bewohner haben. Drastischere Modelle gehen sogar von einem Zuwachs auf 16 Mrd. Menschen bis zum Jahr 2100 aus.
Johannes Haller stellte verschieden Nachhaltigkeitskonzeptionen vor (Foto: Angelo Glashagel)
Die Folgen sind auch ganz unwissenschaftlich einfach nachzuvollziehen. Mehr Menschen brauchen: mehr. Von allem. Während Pflanzen und Tiere sich vermehren, bietet die Umwelt bestimmte Kernrohstoffe aber nur in begrenztem Maße. Bekanntestes Beispiel ist das Öl, der Motor der Entwicklung im 20. Jahrhundert. Aber auch andere Materialien wie Kupfer, Kohle, Silber oder exotische Stoffe wie Indium hält die Erde nicht endlos vor. Der Zeitpunkt, nachdem die Fördermenge stetig sinkt nennt man Peak, die Spitze. Es gibt Schätzungen, führt Haller aus, denen zu Folge man etwa beim Industriekupfer, ein Grundbaustein aktueller Technologie, den Peak in gut 62 Jahren erreicht. Bei Indium, essentiell wichtig für den heimischen Fachbildschirm, gehen Studien sogar von einem Peak in nur 13 Jahren aus.
Neue Verfahren und technologische Lösungen können den Zeitpunkt X zwar hinausschieben, irgendwann ist aber definitiv Schluss. Hundertprozentiges Recycling wäre auch eine Möglichkeit, von einer vollkommenen Kreislaufwirtschaft ist man aber noch weit entfernt.
Am Ende dieser Überlegung kommt die viel gerühmte Nachhaltigkeit ins Spiel. Allgemein wird nachhaltige Entwicklung als eine Entwicklung definiert, die es schafft Bedürfnisse der Gegenwart zu befriedigen ohne dabei zu riskieren das künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.
Taucht man etwas tiefer ein, finden sich verschiedene Modelle, wie nachhaltige Entwicklung konkret aussehen könnte. Wissenschaftler Haller stellt am Abend die zwei bekanntesten vor: das Drei-Säulen-Modell und das Vorrangmodell. Beide beruhen auf drei Kernbereichen der Nachhaltigkeit: Wirtschaft, Soziales und Ökologie. Wirtschaftliche Nachhaltigkeit bedarf einer Gesellschaft, die nicht über ihre Verhältnisse lebt, soziale Nachhaltigkeit organisiert die Gesellschaft so, dass sich soziale Spannungen in Grenzen halten und Konflikte nicht eskalieren und ökologische Nachhaltigkeit bedeutet eine Lebensweise, welche die natürlichen Lebensgrundlagen nur in dem Maße beansprucht, in dem sie sich regenerieren.
Das Drei-Säulen-Modell sei in den Wirtschaftswissenschaften beliebt, allgemein aber fachlich umstritten, da es am Ende einer Wunschliste gleichkomme, aus der man alles oder nichts ableiten könne, meinte Haller. Das Drei-Säulen-Modell geht davon aus das man Defizite in einem der drei Bereiche über mehr Engagement in anderen Bereichen ausgleichen könne. Wer also mehr für soziale und ökologische Nachhaltigkeit sorgt, muss sich theoretisch nicht um Nachhaltigkeit in der wirtschaftlichen Entwicklung kümmern.
Haller favorisiert hingegen das Vorrangmodell. Demnach kann wirtschaftliche Nachhaltigkeit nur innerhalb eines nachhaltigen sozialen Gefüges funktionieren, welches wiederum nur innerhalb der Parameter ökologischer Nachhaltigkeit funktionieren kann. In diesem Modell würde dem ökologischen Aspekt also die meiste Bedeutung zukommen, da er die beiden anderen bedingt. Das Vorrangmodell gehöre daher zur starken Nachhaltigkeit in der Naturkapital nur schwer oder gar nicht zu ersetzen sei, das Säulen-Modell zu schwacher Nachhaltigkeit, die Bereiche gegeneinander aufzuwiegen suche, erklärte der Wissenschaftler.
Die Theorie lässt sich auch praktisch darstellen, etwa über den globalen Fußabdruck. Dieser beschreibt die globale Fläche, die ein Mensch braucht, damit seine Bedürfnisse befriedigt werden können. Also wie viel Hektar gebraucht werden, um Nahrung anzubauen, Wohnraum zur Verfügung zu stellen, Müll zu entsorgen oder ausgestoßenes Kohlendioxid zu speichern. Je nach Land und Lebensweise lassen sich diese Aspekte grafisch darstellen. Ausprobieren kann man das zum Beispiel hier
Ob internationale Abkommen in den nächsten Jahrzehnte eine Wende in der globalen Entwicklung bringen können, ist indes fraglich. Viel Zeit haben wir nicht, sagt Haller, im Moment bräuchte man anderthalb Erden, um dem Rohstoffhunger gerecht zu werden. Er selbst schwanke zwischen Optimismus und Pessimismus, wobei ersterer aber zu überwiegen scheint. Vor 20 Jahren hätte niemand gedacht, das unsere Energieproduktion zu 30% aus regenerativen Quellen kommt. Ich bin aber nicht technikgläubig, es wird einen grundlegenden Wandel im Lebensstil brauchen. Ich will nicht glauben, das dass nicht möglich ist.
Konzepte und Ideen wie die cradle to cradle Bewegung oder Trends wie Carsharing gibt es schon, reichen wird das allein aber nicht, meint Haller. Es brauche eigentlich eine absolute Entkopplung, eine Gesellschaft, die sich nicht mehr über Wachstum definiert und ihre Art sich zu ernähren, sich zu fortzubewegen, zu wohnen und zu konsumieren grundlegend ändert.
Wie einige dieser Aspekte in Zukunft umgesetzt werden können, damit wird man sich an der Hochschule in zwölf weiteren Vorlesungen auseinandersetzen, jeweils Dienstag um 18 Uhr. Das genaue Programm findet sich hier .
Angelo Glashagel
Autor: red
Nachhaltigkeit - Worüber reden wir hier eigentlich? Ringvorlesung an der Hochschule Nordhausen (Foto: Angelo Glashagel)
Gehört hat es jeder schon einmal, das ominöse Schlagwort von der Nachhaltigkeit. Johannes Haller, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Nordhäuser Hochschule, beschäftigt sich beruflich und privat mit dem Konzept vom nachhaltigen handeln. Neben der Arbeit im Fachbereich Regenerative Energietechnik engagiert sich der Wissenschaftler sei langen auch in der Initiative GoFair, die an der Hochschule und in der Stadt mit kleinen Projekten versucht, einen kulturellen Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit auch umzusetzen.
Ein weiter so gibt es nicht
Johannes Haller ging im zweiten Teil der aktuellen Ringvorlesung der Hochschule der Frage nach, worüber wir eigentlich reden, wenn wir von "Nachhaltigkeit" sprechen.Die Welt wird kleiner, oder vielmehr gibt es immer mehr Menschen, die immer mehr Platz brauchen. Platz für Häuser, Platz für Straßen, Platz für Felder, Weiden, Plantagen, Industrieparks, und, und, und. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sehen Wissenschaftler ein neues Zeitalter realisiert – das "Anthropozän", das Zeitalter des Menschen. Gemeint ist eine Welt, die in nie zuvor da gewesener Weise vom Menschen nicht nur beeinflusst sondern aktiv und grundlegend verändert wird.
Die rasante Ausbreitung des Menschen und sein industrieller und technischer Fortschritt bringen für den Planeten steigende Belastungen mit sich. Die Wissenschaft fasst diesen Aspekt unter mehreren planetaren Grenzen zusammen, von denen einige bereits weit überschritten sein könnten. Bei der Artenvielfalt sei die Entwicklung der letzten 40 Jahre erschreckend, sagt Haller, auch wenn es an Zahlenwerken wie dem Living Planet Index immer wieder verschiedentliche und legitime Kritik gäbe. Hinzu kommen Klimawandel, Versauerung, Überdüngung und Überfischung der Ozeane und das einschleppen von Pflanzen- und Tierarten in fremde Ökosysteme.
Ein zentraler Punkt der Überlegungen ist die Bevölkerungsentwicklung der Menschheit. In den 80er Jahren lebten rund 5 Mrd. Menschen auf dem blauen Planeten, 2011 knackte man die 7 Mrd. Marke, bis zum Ende des Jahrhunderts könnte die Erde nach konservativer Schätzung 11,2 Mrd. Bewohner haben. Drastischere Modelle gehen sogar von einem Zuwachs auf 16 Mrd. Menschen bis zum Jahr 2100 aus.
Johannes Haller stellte verschieden Nachhaltigkeitskonzeptionen vor (Foto: Angelo Glashagel)
Die Folgen sind auch ganz unwissenschaftlich einfach nachzuvollziehen. Mehr Menschen brauchen: mehr. Von allem. Während Pflanzen und Tiere sich vermehren, bietet die Umwelt bestimmte Kernrohstoffe aber nur in begrenztem Maße. Bekanntestes Beispiel ist das Öl, der Motor der Entwicklung im 20. Jahrhundert. Aber auch andere Materialien wie Kupfer, Kohle, Silber oder exotische Stoffe wie Indium hält die Erde nicht endlos vor. Der Zeitpunkt, nachdem die Fördermenge stetig sinkt nennt man Peak, die Spitze. Es gibt Schätzungen, führt Haller aus, denen zu Folge man etwa beim Industriekupfer, ein Grundbaustein aktueller Technologie, den Peak in gut 62 Jahren erreicht. Bei Indium, essentiell wichtig für den heimischen Fachbildschirm, gehen Studien sogar von einem Peak in nur 13 Jahren aus. Neue Verfahren und technologische Lösungen können den Zeitpunkt X zwar hinausschieben, irgendwann ist aber definitiv Schluss. Hundertprozentiges Recycling wäre auch eine Möglichkeit, von einer vollkommenen Kreislaufwirtschaft ist man aber noch weit entfernt.
Am Ende dieser Überlegung kommt die viel gerühmte Nachhaltigkeit ins Spiel. Allgemein wird nachhaltige Entwicklung als eine Entwicklung definiert, die es schafft Bedürfnisse der Gegenwart zu befriedigen ohne dabei zu riskieren das künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.
Genug. Für alle. Für Immer.
Im Kern geht es um Gerechtigkeit, sagt Haller. Gerechtigkeit zwischen den Menschen derselben Generation, also global, etwa zwischen Ländern des Nordens und des Südens, oder innerhalb eines Landes. Gerechtigkeit zwischen den Generationen und zwischen Mensch und Natur.Taucht man etwas tiefer ein, finden sich verschiedene Modelle, wie nachhaltige Entwicklung konkret aussehen könnte. Wissenschaftler Haller stellt am Abend die zwei bekanntesten vor: das Drei-Säulen-Modell und das Vorrangmodell. Beide beruhen auf drei Kernbereichen der Nachhaltigkeit: Wirtschaft, Soziales und Ökologie. Wirtschaftliche Nachhaltigkeit bedarf einer Gesellschaft, die nicht über ihre Verhältnisse lebt, soziale Nachhaltigkeit organisiert die Gesellschaft so, dass sich soziale Spannungen in Grenzen halten und Konflikte nicht eskalieren und ökologische Nachhaltigkeit bedeutet eine Lebensweise, welche die natürlichen Lebensgrundlagen nur in dem Maße beansprucht, in dem sie sich regenerieren.
Das Drei-Säulen-Modell sei in den Wirtschaftswissenschaften beliebt, allgemein aber fachlich umstritten, da es am Ende einer Wunschliste gleichkomme, aus der man alles oder nichts ableiten könne, meinte Haller. Das Drei-Säulen-Modell geht davon aus das man Defizite in einem der drei Bereiche über mehr Engagement in anderen Bereichen ausgleichen könne. Wer also mehr für soziale und ökologische Nachhaltigkeit sorgt, muss sich theoretisch nicht um Nachhaltigkeit in der wirtschaftlichen Entwicklung kümmern.
Haller favorisiert hingegen das Vorrangmodell. Demnach kann wirtschaftliche Nachhaltigkeit nur innerhalb eines nachhaltigen sozialen Gefüges funktionieren, welches wiederum nur innerhalb der Parameter ökologischer Nachhaltigkeit funktionieren kann. In diesem Modell würde dem ökologischen Aspekt also die meiste Bedeutung zukommen, da er die beiden anderen bedingt. Das Vorrangmodell gehöre daher zur starken Nachhaltigkeit in der Naturkapital nur schwer oder gar nicht zu ersetzen sei, das Säulen-Modell zu schwacher Nachhaltigkeit, die Bereiche gegeneinander aufzuwiegen suche, erklärte der Wissenschaftler.
Die Theorie lässt sich auch praktisch darstellen, etwa über den globalen Fußabdruck. Dieser beschreibt die globale Fläche, die ein Mensch braucht, damit seine Bedürfnisse befriedigt werden können. Also wie viel Hektar gebraucht werden, um Nahrung anzubauen, Wohnraum zur Verfügung zu stellen, Müll zu entsorgen oder ausgestoßenes Kohlendioxid zu speichern. Je nach Land und Lebensweise lassen sich diese Aspekte grafisch darstellen. Ausprobieren kann man das zum Beispiel hier
Anderthalb Erden am Tag
Die Menschheit lebt seit den 70ern über ihre Verhältnisse, sagt Haller, in Deutschland sei man im europäischen Vergleich im Mittelfeld, global betrachtet aber Entwicklungsland. International hat man sich auf 17 nachhaltige Entwicklungsziele geeinigt, die wiederum rund 170 Unterkategorien haben. Das sei zwar äußerst schwammig, aber immerhin ein Hebel für politische Forderungen, meint Haller. Wie Deutschland im internationalen Vergleich dasteht, kann man hier nachlesen.Ob internationale Abkommen in den nächsten Jahrzehnte eine Wende in der globalen Entwicklung bringen können, ist indes fraglich. Viel Zeit haben wir nicht, sagt Haller, im Moment bräuchte man anderthalb Erden, um dem Rohstoffhunger gerecht zu werden. Er selbst schwanke zwischen Optimismus und Pessimismus, wobei ersterer aber zu überwiegen scheint. Vor 20 Jahren hätte niemand gedacht, das unsere Energieproduktion zu 30% aus regenerativen Quellen kommt. Ich bin aber nicht technikgläubig, es wird einen grundlegenden Wandel im Lebensstil brauchen. Ich will nicht glauben, das dass nicht möglich ist.
Konzepte und Ideen wie die cradle to cradle Bewegung oder Trends wie Carsharing gibt es schon, reichen wird das allein aber nicht, meint Haller. Es brauche eigentlich eine absolute Entkopplung, eine Gesellschaft, die sich nicht mehr über Wachstum definiert und ihre Art sich zu ernähren, sich zu fortzubewegen, zu wohnen und zu konsumieren grundlegend ändert.
Wie einige dieser Aspekte in Zukunft umgesetzt werden können, damit wird man sich an der Hochschule in zwölf weiteren Vorlesungen auseinandersetzen, jeweils Dienstag um 18 Uhr. Das genaue Programm findet sich hier .
Angelo Glashagel
