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Frauen im KZ

Wie auf dem Sklavenmarkt

Mittwoch, 05. April 2017, 20:30 Uhr
Der zweite Weltkrieg kennt viele unterschiedliche Schicksale und Geschichten die sich kreuzen und sich in vielen Aspekten ähneln. Wer genauer hinschaut, entdeckt hinter den Gemeinsamkeiten bisher wenig bekannte Facetten des Nazi-Regimes. Dr. Andrea Rudorff tat das gestern im Bürgerhaus. Die Historikern warf einen genaueren Blick auf das Schicksal der Frauen im KZ-System...

Die Selektion beginnt an der Rampe. Männer werden von Frauen getrennt, die Arbeitsfähigen, vorläufig nützlichen Häftlinge, von denen für die ihr nächster Gang ihr letzter sein wird. Mütter mit Kindern, offensichtlich Schwangere, die Alten und Gebrechlichen - sie werden für die Gaskammern bestimmt.

Junge und Kinderlose Frauen hingegen setzt die SS in Auschwitz und anderswo im Reich mit Fortschreiten des Krieges vermehrt als Arbeitskräfte ein. Vor allem in der Rüstungsindustrie, der Textilherstellung und der Feinmechanik sind weibliche Häftlinge und Zwangsarbeiterinnen gefragt. Manche große Firma baut ihre Produktionshallen direkt neben die Lager, andere Firmen entsenden Mitarbeiter zur Begutachtung der Ressourcen in die KZ's.

"Wie auf dem Sklavenmarkt" sei es da zugegangen, zitiert Dr. Andrea Rudorff eine Zeitzeugin. Die Historikerin hat sich in ihrer Doktorarbeit ausgiebig mit dem Thema befasst und zeichnet am gestrigen Abend im Bürgerhaus ein breites Bild von Schickane, Verfolgung und letztlich Vernichtung zwischen 1933 und 1945.

Dr. Andrea Rudorff und Dr. Stefan Hördler beantworteten im Anschluss noch manche Frage (Foto: Angelo Glashagel) Dr. Andrea Rudorff und Dr. Stefan Hördler beantworteten im Anschluss noch manche Frage (Foto: Angelo Glashagel) Die ersten Verhaftungen und Inhaftierungen folgen kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933. Vor allem Regimegegnerinnen oder Angehörige von Oppositionellen werden in "Schutzhaft" genommen. Ende des Jahres wird das erste zentrale Lager für Frauen in Betrieb genommen. Die Zusammensetzung der Häftlinge ändert sich in den Jahren vor dem Krieg. Zunehmend finden sich auch Zeugen Jehovas und soziale Außenseiter wie Prostituierte, Obdachlose und andere Menschen "außerhalb der Volksgemeinschaft" in Lagerhaft wieder.

1939 wird das Lager Ravensbrück errichtet, zu den "Asozialen", den tatsächlich Kriminellen und den politischen Häftlingen kommen nun zunehmend auch Frauen die sich der "Rassenschande" schuldig gemacht haben - Jüdinnen vor allem, die Beziehungen mit Deutschen pflegen.

Mit dem Einsetzen der Massendeportationen ab dem Frühjahr 1942 steigen die Zahlen rasant an. Allein im Januar 1945, so schätzen die Historiker, befinden sich rund 200.000 Frauen in Lagerhaft. Die Momentaufnahme lässt erahnen, wieviele Frauen über die Gesamtzeit des nationalsozialistischen Lagersystems in Haft genommen wurden. Zu diesem Zeitpunkt sind rund 80% aller Gefangenen Jüdinnen.

An Orten wie Auschwitz kam der Tod für diejenigen, die als Unnütz aussortiert wurden, schnell. Die Erfahrungen von männlichen und weiblichen Häftlingen ähneln sich in vielen Aspekten, an anderer Stelle unterscheiden sie sich deutlich. Wer als Frau zur Arbeit eingeteilt wurde, hatte nicht selten bessere Bedingungen zu erwarten. Männliche Häftlinge werden eher zu schweren Arbeiten herangezogen, Stollenvortrieb im Kohnstein etwa, die Lebenserwartung ist entsprechend geringer als bei den Frauen, die zum Beispiel in der Munitionsherstellung in überdachten und beheizten Räumen Einsatz finden, obwohl es auch hier Tote und Verletzte gegeben hat, erläutert Dr. Rudorff.

Auch die "Gewalterfahrungen" seien andere gewesen. Die Bewachung der zur Arbeit eingesetzen Frauen erfolgt oft durch kurzfristig ausgebildete Bewacherinnen, die nicht selten bis vor kurzem an den selben Maschinen gesessen haben, an denen jetzt Häftlinge und Zwangsarbeiterinnen für den Krieg arbeiten müssen. Erschießungen und gewaltätige Bestrafung seien seltener gewesen als bei den Männern, sagt Rudorff. Für die Unternehmen war der Einsatz der Frauen zudem billiger, statt sechs mussten nur vier Reichsmark Gebühren an die SS entrichtet werden.

Ihre Ausführungen unterlegt Dr. Rudorff immer wieder mit Dokumenten, Wortprotokollen von Besprechungen und Bildern. Die nüchterne Betrachtung der Forscherin macht das plastischer, holt die Menschen näher an die Gegenwart heran. Etwa dann, wenn sie von den weiblichen Häftlingen in Dora berichtet. Insgesamt 850 Frauen, die mit Räumungstransporten aus dem KZ's Großrosen und Auschwitz gekommen waren, fanden sich in den letzten Tagen des Krieges am Kohnstein wieder. Einige wurden im neuen Lagerbordell zur Prostitution gezwungen, ansonsten ist über ihr Schicksal immer noch recht wenig bekannt, die Quellenlage gegen Kriegsende ist äußerst schlecht. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Bericht einer Frau, die dem Todesmarsch entkommen kann und bei Bischofferode von amerikanischen Soldaten aufgelesen wird.
Die Amerikaner befragen sie ausführlich, das Protokoll der Befragung hat sich bis heute erhalten.

Es sind Teilaspekte wie diese, welche das Bild vom Nationalsozialismus klarer hervortreten lassen. Zu tun gebe es noch viel, die Geschichte sei bei weitem nicht "auserzählt", sagte Dr. Stefan Hördler, Leiter der Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Mit Veranstatlungen wie dem Vortrag verfolge man auch das Ziel die Auseinandersetzung mit diesen Themen in die Öffentlichkeit zu bringen. Tags zuvor hatte man in der Gedenkstätte die Sonderausstellung "Nichts war vergeblich - Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus" eröffnet.

Am kommenden Montag erwartet man anlässlich der 72. Wiederkehr der Befreiung des Lagers auch wieder die letzten Überlebenden. Die zentrale Gedenkveranstaltung wird um 11 Uhr stattfinden.
Angelo Glashagel
Autor: red

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