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DIE SPD HIERZULANDE WÜNSCHT IHN SICH HERBEI, DOCH:

Der Messias ist nicht in Sicht

Samstag, 04. Februar 2017, 11:10 Uhr
Die SPD in Stadt und Kreis wünschte sich so einen Messias wie Martin Schulz, der sie wachrütteln, ihr zu einem besseres Image verhelfen könnte. Momentan demontieren sich die Genossen hierzulande selbst. Jeder gegen jeden, so scheint es. Anzeigen, Wortgefechte – von den Medien genüsslich kommentiert...


Mittendrin Landtagsabgeordnete Dagmar Becker, der Mut und Kraft fehlen, Ordnung in die Parteireihen zu bringen. Das freut die CDU. Ihr ist so ein Hader in ihren Reihen fremd.

Doch der Messias, der Erlöser, ist hierzulande nicht in Sicht. Jetzt setzt die SPD auf ihren neuen Stern am Parteihimmel: Martin Schulz. Die Euphorie ist deutschlandweit überschäumend: Beliebter als die Kanzlerin. Steigende Werte der Partei, fallende bei der CDU.

Dem Kandidaten kommt zugute, unbelastet von den Jahren der großen Koalition in Berlin zu sein. Schulz kann punkten, nie mit Angela Merkel am Kabinettstisch gesessen zu haben. Im Gegensatz zu Gabriel und Co. kann er sie glaubwürdiger angreifen. Schulz weiß: Die rege Unterstützung des Koalitionspartners CDU brachten die SPD erst in das Tal der Tränen.

Noch hält sich Schulz zurück. Wie ein Langstreckenläufer wisse er, die Kräfte einzuteilen und sie nicht gleich nach dem Start zu verausgaben. Er werde mit seinen inhaltlichen Vorstellungen zu gegebener Zeit aufwarten. Soziale Erleichterungen für die Menschen habe in der Koalition nur die SPD gegen den Widerstand des Partners bewirkt, zum Beispiel den Mindestlohn auf den Weg gebracht.

Durchgreifende soziale Gerechtigkeit, so Schulz, könne es nur mit dem Original geben: der SPD. Chancengleichheit, kleinere Einkommen entlasten, höhere Steuern für Superreiche, mehr Elterngeld, Mindestlohn und Einkommen erhöhen, Ausbau der Kindertagesstätten, um nur einige Eckpunkte zu nennen. Kann ein Mann, der im Gegensatz zur promovierten Kanzlerin die Schule ohne Abitur verließ, Buchhändler und schon in jungen Jahren Bürgermeister in Würselen war ein Land führen?

Ich bleibe neutral, betreibe hier keinen Wahlkampf. Auch Doktortitel, sei mir erlaubt zu sagen, befreien nicht vor Torheiten. Der 61-Jährige spricht hingegen mehrere Sprachen. Er ist witzig und schlagfertig, zudem ein begnadeter und leidenschaftlicher Redner, der Menschen mitreißen und begeistern kann, wo immer er auch auftritt. Die Kanzlerin kann da nicht mithalten.

Wie sie ist er ehrgeizig und machtbesessen, wie sie als ehemaliger EU-Parlamentspräsident auf dem internationalen Parkett erfahren. Regierungserfahrung hat sie ihm voraus. Im Gegensatz zu Merkel macht er aber von seinem Missfallen gegenüber dem US-Präsidenten Donald Trump deutlich kein Hehl. Bauchweh scheint Schulz bei ihrer Türkei-Politik zu haben. In der Flüchtlingspolitik ist er hingegen ganz auf Merkel-Linie, die einst die Leute zu Hunderttausenden willkommen hieß und jetzt Heimkehr-Gelder zahlt.

Erst wenn der Kanzlerkandidat der SPD die Karten offen auf den Tisch legt und glaubhaft begründet, wie er seine soviel beschworene soziale Gerechtigkeit umsetzen will, kann man beurteilen, ob er eine ernst zu nehmende Alternative zur seit elf Jahren regierenden Angela Merkel ist. Wenn ja, hat er gute Karten. Die Entscheidung wird der Wähler treffen.
Kurt Frank
Autor: red

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