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nnz-Betrachtung: Fragen stellen

Dienstag, 24. August 2004, 18:57 Uhr
Nordhausen (nnz). Wieder sind in Nordhausen gestern mehr als 2.000 Menschen auf die Straße gegangen. Ausübung eines Grundrechts nennen das die Politiker. Doch ob es ihnen gefällt?


Es werden an den Montagabenden in Nordhausen und in vielen anderen Städten dieses Landes Parolen gerufen. Es werden Forderungen aufgemacht. Da sollen Politiker ihren Hut nehmen und vieles mehr. Doch war auch die Frage nach dem Warum zu vernehmen? Sie und ihre Beantwortung sind das eigentlich Interessante an der derzeitigen Entwicklung.

Warum gehen die Menschen ausgerechnet jetzt auf die Straße? Ist es wirklich das Unwort Hartz IV? Eine schlaue Frau in meinem Leben hat mal etwas gesagt, es muß so Mitte der 90er Jahren gewesen sein, eine Zeit, als die Arbeitslosenquote auch über 20 Prozent im Landkreis Nordhausen lag: Die Leute sind solange ruhig und gehen nicht auf die Straße, solange sie das Gefühl haben auch noch im nächsten Jahr mit übervollen Einkaufswagen aus dem Marktkauf fahren zu können.

Dieses elementare Gefühl ist vielen Menschen in den zurückliegenden Monaten abhanden gekommen. Sie haben einfach Angst. Sie haben Angst ins Abseits gestoßen zu werden. Sie haben Angst, nicht mehr dazu zu gehören. Noch schlimmer: Sie und immer mehr haben Angst vor der Zukunft. Richtig ist, was gestern auf der Demo gesagt wurde, dass Politiker einen Eid schwören müssen. Sie sollen Schaden abwenden vom deutschen Volke. Und glaubt man der Führungsmannschaft in Berlin, dann wird Schaden abgewendet – auch und gerade mit Hartz IV.

Im Umkehrschluß bedeutet das jedoch auch, dass der Schaden ohne Hartz IV noch größer geworden wäre. Warum, so könnte man die Frage stellen, ist dieser Schaden jetzt erst erkannt worden. Warum nicht im Jahr 2000, im Jahr 1995? Wo sind sie, die Vordenker in den Reihen der Parteien? Wo sind sie, die konstruktiven Kritiker? Ganz einfach, sie wurden nicht mehr gebraucht von denen, die in Vier-Jahres-Plänen denken. Ihre Gedanken stören bei der Zelebrierung der Macht der Parteien.

Und immer wieder tönen seit Jahren aus diversen Parteizentralen Sätze wie... „dazu gibt es keine Alternative!“ Für alle, die in der DDR lebten, muß solch ein Satz doch wie Hohn klingen. Es gibt immer Alternativen, nur vermutlich nicht für die, die derzeit regieren und künftig regieren wollen. Man muß diese Alternativen nur diskutieren und eine demokratische Partei muß diese Diskussion aushalten. So wendet man Schaden ab und nicht mit Hartz IV und seiner Durchführung, bei der die Herren Clement und Co. nicht nur in jedes mögliche Fettnäpfchen treten, sondern diese Näpfe auch selbst zuvor platzieren.

Wie soll dieses Deutschland in 20 oder 30 Jahren aussehen? Sie wir amerikanisiert, ist ein Teil des Volkes verelendet, ein anderer Teil so reich, das es vor dem „Rest“ beschützt werden muß? Fakt ist, die Gesellschaft wird überaltert sein. Doch hatten die Eltern derer, die heute in die Schule kommen denn überhaupt Chancen und ein Umfeld, um sich Kinder zu leisten? Da wird doch allen Ortes suggeriert, dass man ohne Nachwuchs besser durchs Leben kommt. Kinder stören bei der Karriere, Kinder stören in einer Spaßgesellschaft. Kinder kosten – so einfach ist das. Wie hat die Politik in den 80er und 90er Jahren - auch ohne den Vereinigungseffekt - gegengesteuert?

Die Fragen nach den Ursachen der Demos sitzen viel tiefer. Sie zu stellen ist schon fast nicht mehr opportun – die Versuchung der Beantwortung reicht bereits an Ketzerei heran. Sie könnte – einem Erdbeben gleich - die Grundfesten dieses Systems erschüttern. Und dann wären alle überrascht und baff. Nur weil diejenigen, die es könnten, vergessen haben gesellschaftliche Seismologen zu engagieren und auf Frühindikatoren zu reagieren.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz

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