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Weihnachten 2016

Weihnachtsgruß aus der Himmelgartenbibliothek

Freitag, 23. Dezember 2016, 10:25 Uhr
Es ist davon auszugehen, dass die Bände der St. Blasii- /Himmelgartenbibliothek im Jahr 2017 deutlich mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken als bisher, denn die Breite des darin Dargestellten rückt vor allem die Zeitspanne von 1475 bis 1560 ins Bewusstsein, da die überwiegende Mehrzahl der Druckwerke aus diese Zeit stammt...


Für das Reformationsjubiläum 2017, das an Martin Luthers Veröffentlichung seiner Thesen vor 500 Jahren in Wittenberg erinnert, sind in dieser historischen Bibliothek Bücher und Flugblätter von höchster Aktualität zu entdecken.


Zum Fest der Weihnacht findet sich in einem prächtig ausgestatteten Band eine Holzschnitt-Illustration, die nach dem Johannes-Evangelium gestaltet wurde. Sie zeigt den neugeborenen Jesus in einer zerfallenen Ruine. Die Zeichnung dazu stammt von einem anerkannten Renaissancekünstler, von Hans Schäuflein, der in der Zeit um 1480 bis um 1540 lebte. Schäufelin, wie er auch genannt wird, war ein deutscher Maler und Grafiker, insbesondere ein Holzschneider und Buchillustrator mit den Initialen der zwei Anfangsbuchstaben seines Namens H und S, wobei das S den Querbalken des H umschlingt.

Daneben erkennt man die Darstellung eines Schäufelchens, seines Künstlerzeichens. Der Geburtsort ist Nürnberg, sein Sterbeort Nördlingen. Der Künstler, der sich von 1503 bis 1507 in Dürers Werkstatt aufhielt, schuf eine ansehnliche Zahl von Zeichnungen für Holzschnitte, er selbst führte nur wenige der Schnitte selbst aus.

Schäuflein - Geburt Christi (Foto: Archiv Kneffel) Schäuflein - Geburt Christi (Foto: Archiv Kneffel) Es sind Einzelblätter oder Illustrationen für größere Druckwerke - biblische Bilder, Szenen aus der Historie der Heiligen, auch Darstellungen aus dem mannigfachen Bereich des täglichen Lebens.
In seiner Darstellung bevorzugt er eine ruhige Szenerie wie auch auf dem hier gezeigten Blatt. Er bettet sie gern in die Natur ein. Die markante Säule, im Kapitell prächtig mit dem Akanthusblattmotiv verziert, beweist seine Kenntnis der Antike. Die Kleidung von Maria und Josef entnimmt er seiner Zeit. Das Neugeborene zeigt lebhafte Freude. Die große Hirtengestalt in der Bildmitte sinnt in sich hinein.

Der Holzschnitt von der Geburt Christi ist abgebildet in einem Band mit Predigten des Johann Geiler von Kaysersberg (1455-1510), in dem er die Evangelien auslegt. Von Kaysersberg war ein begnadeter Prediger des ausgehenden Mittelalters, stammte aus Schaffhausen und verstarb in Strassburg. Von ihm sind Porträts überliefert, die von bedeutenden Renaissancekünstlern stammen, z. B. von Hans Burgkmair d. Ä. Er besaß die Priesterweihe und war studierter Theologe, absolvierte einig Jahre eine anerkannte Universitätslaufbahn. Ruhm erntete er vor allem als Prediger in Strassburg im dortigen Münster. Seine Predigten waren im Inhalt und in der Sprache volksnah und mit Humor vorgetragen. Er kritisierte u. a. die Verweltlichung des Klerus und forderte Reformen. Seine Reden entwarf er in Latein, trug sie aber fast ausschließlich frei in deutscher Sprache vor. Hörer schrieben die Ansprachen nach dem Gedächtnis auf, die dann gedruckt wurden.
In den eigens für den besonderen historischen Bibliotheksbestand angeschafften Magazinschränken im Museum Flohburg in Nordhausen gibt es mehrere gedruckte Werke des Geiler von Kaysersberg im einfallsreichen Drucksatz und mit vielseitigen Illustrationen. Unser Holzschnitt stammt aus einem Folianten mit einem reichverzierten Titelblatt über die Evangelienauslegung. Der Drucker ist Johann Grüninger, 1455 - um 1532, der das Buch 1517 in Strassburg herstellte. Er weist ausdrücklich darauf hin, dass ein Nachdruck verboten sei. Denn allmählich machten auch Raubdrucke die Runde.

Titelblatt Evangelien (Foto: Archiv Kneffel) Titelblatt Evangelien (Foto: Archiv Kneffel) Mit dem Aufkommen des Typendruckes um 1455 durch Johann Gutenberg in Mainz bot sich der Holzschnitt als Illustrationstechnik an. Die als Buchillustration verwendeten Schnitte in Holz sind integrierte Teile des gedruckten Werkes. Für die Ausbreitung sorgten seit den 1470er Jahren in Deutschland die Städte Ulm und Augsburg. Denen schloss sich dann Nürnberg an. Das Holzschnitt-Titelblatt mit ornamentaler Rahmung setzte sich durch.

Hatte der Holzschnitt zunächst den Zweck, die Inhalte verständlicher zu machen, und derjenige, der sie schuf, wurde deshalb meist nicht genannt, so erhielt der künstlerische Aspekt mit namentlich benannten Künstlern Bedeutung. Albrecht Dürer, Hans Holbein, Urs Graf, Hans Baldung Grien, Hans Schäuflein signieren zunehmend ihre Arbeiten.

Wer Interesse hat, Einblick in diesen wahrlich nicht alltäglichen Buchbestand zu nehmen, wende sich bitte an das Stadtarchiv Nordhausen, Tel. 03631/ 696 450 oder schreibe eine Mail an stadtarchiv@nordhausen.de. In der Regel besteht dazu freitags von 10.00 bis 12.00 Uhr die Möglichkeit der kostenlosen Einsicht.
Heidelore Kneffel

Die Fotografien des Beitrages stammen von der Autorin, die sie mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Nordhausen und der Evangelischen Kirchengemeinde St. Blasii-Altendorf während ihres Forschungsprojektes über die Himmelgartenbibliothek schuf. Die Bände sind im Bestand 12.8. erfasst. Das © besitzt die evangelische Kirchengemeinde St. Blasii-Altendorf in Nordhausen.
Autor: red

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