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Lichtblick zur Weihnacht

Denn also hat Gott die Welt geliebt

Freitag, 23. Dezember 2016, 06:00 Uhr
Krippenfiguren, Weihnachtslieder, Kerzenlicht und gute Düfte - Weihnachten ist auch ein Fest der Sinneseindrücke. In seinem Ursprung, vor über 2000 Jahren, war das noch ganz anders. Über die Ursprünge der Weihnacht macht sich im Lichtblick zum Fest Pfarrer Martin Weber Gedanken...


Wenn ich an das Weihnachtsfest denke, so ist es für mich immer ein Fest für alle Sinne gewesen. Es gibt das sanfte Kerzenlicht zu bestaunen, die Drehungen der Pyramide, die Lichterbögen, die Krippenfiguren. Ich denke auch an die unzähligen Bücher und Filme, die von der Geschichte erzählen, die wir gerade gehört haben und uns vorgestellt haben.

Die Geschichte die uns Lukas und Matthäus überliefert haben. Wir sehen den Stall, das Christuskind samt Eltern, die Hirten, die Weisen, den Stern über der Krippe, die Engel die vom Frieden singen. Alles irgendwie romantisch und „so richtig zum Wohlfühlen“ denke ich oft und vielleicht geht es Ihnen genauso.

Doch nicht nur die Augen bekommen einiges geboten, auch die Nase und die Ohren. Der Klang von Weihnachtsliedern, das Lachen der Menschen, der Geruch von Lebkuchen und anderen Leckereien. Räucherkerzen usw. Weihnachten? Das ist das Fest der Familie, das Fest von Ruhe und Harmonie. So klingt die Geschichte für uns. So habe ich es gelernt und die meisten verbinden genau das damit. Ist es das, was die Geschichte über dieses Kind erzählen will?

Der Evangelist Johannes schreibt: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.

Die Ställe vor 2000 Jahren in Palästina waren weder stabile Unterkünfte noch trocken. Sie waren teilweise in natürlichen Höhlen angelegt oder einfach nur Unterstände nahe am Haus. Maria und Josef können den zugigen Wind auf der Haut spüren, der durch ihre Gewänder dringt. Sie können die Feuchtigkeit riechen und spüren, die um sie herum herrscht, die sich in ihren Kleidern festsetzt und sie zittern lässt. Da ist nichts zu spüren von der Bauernhausromantik, die uns Kinderbibeln oder Holzschnitzereien suggerieren.

Dazu gesellt sich der saure Geruch der von den Ausscheidungen und Ausdünstungen der Tiere ausgeht und der Hochschwangeren in die Nase dringen. Die Augen des Paares sehen nicht viel, sie haben nur eine kleine Öllampe und das Licht, dass spärlich von draußen herein scheint. Zwischen Ihnen steht ein Futtertrog aus rauen, unbehandelten Holz. Am Boden des Troges kleben noch die Überreste der letzten Fütterung. Darin soll das Kind seinen Platz haben, das in wenigen Stunden erwartet wird. Sie haben nur ein einfaches kratziges Leinentuch für das Neugeborene und eine Schüssel mit Wasser. Und dann geht es los.

Jeder von Ihnen der schon einmal eine Geburt miterlebt hat, der weiß, mit wie viel Schmerzen und Anstrengungen dieser Vorgang verbunden ist. Und auch wenn den Menschen vor knapp 2000 Jahren keine modernen Kreissäle zur Verfügung standen, so konnten doch die meisten mit einem trockenen Platz und halbwegs sauberen Wasser rechnen.

Diese Eltern nicht und dieses Kind nicht. Es kommt im Elend zur Welt. Und die Eltern werden trotz der Freude über den Jungen wohl kaum so entspannt geschaut haben, wie es viele Bilder darstellen. Josef weiß nicht, ob in den folgenden Nächten dieser Verschlag ihr zuhause sein wird oder er doch noch eine Bleibe findet. Maria hat nicht nur mit den schäbigen Bedingungen zu kämpfen, sondern auch mit Nachwehen und Erschöpfung. Die Weihnachtsgeschichte spricht bei aller Verheißung und Engelschören vor allem von einem: Von einem Kind das ins Elend geboren wird. Und so wie das Leben dieses Jungen beginnt, so wird es drei Jahrzehnte später enden: Im Elend. Geschlagen von Soldaten, verlassen von fast allen, die geschworen hatten ihm beizustehen. Ein König der ins Elend kommt. Ein König der umkommt. Und drei Tage später der wage hoffnungsvolle Ausblick: Das Grab ist leer…

Die Geburtsgeschichte Jesu ist aufs engste mit seinem Tod verbunden. Und das ist unangenehm für mich und sicher auch für die meisten von Ihnen. Es ist unangenehm weil es mein Bild und ihr Bild dieses Festes in Frage stellt, weil es unser Leben hier in einem reichen Land in Frage stellt. Es ist unangenehm diese Worte zu sprechen, es ist unangenehm sie zu hören. Und doch müssen sie gesagt und gehört werden, denn sie erzählen vom Wesen dieses Gottes: Er stellt uns in Frage und damit ruft er uns zum Nachdenken über unser Leben und unseren Umgang mit anderen Menschen.

Ich sage diese Worte heute bewusst, im Angesicht des Schreckens und des Elends, dass uns diese Woche in Deutschland widerfahren ist. Angesichts der Toten und der Verletzten. Schrecken und Elend sind die Dinge, die die Täter hinter dieser feigen Tat zwischen uns sähen wollen. Und es ist schwer für mich und sicher auch für euch, ihnen nicht zu geben was sie wollen. Schrecken, Hass, Spaltung. Der König aus der Krippe, steht für einen anderen Weg. Den Weg des Friedens, auch im Schrecken, auch im Elend. Ich hoffe dass ich auch an diesem Weihnachtsfest daran festhalten kann. Und denen die für dieses sinnlose Morden verantwortlich sind zu zurufen: Meinen Hass bekommt ihr nicht, meine Angst bekommt ihr nicht. Ich werde euch nicht geben was ihr wollt. Ich vertraue auf den König der für mich alles gegeben hat. Der ist auf den ersten Blick kein Sieger und Gewinner. Vielmehr scheint vereinzelt in seinem Leben Licht, Harmonie und Frieden auf.

Und immer dann, wenn er sich den Kranken und Elenden zuwendet, mit ihnen teilt und mit ihnen isst, ihnen zuhört. Der König der wegwischt, was uns von Gott und von einander trennt. Und ganz am Ende der Evangelien schimmert das Licht des Lebens auf, das aus Elend und Niederlage einen Triumph macht.
Wir dürfen feiern und jubeln, weil er durchs Elend hindurch gegangen ist und es verwandelt hat. Das Grab ist leer, er ist nicht dort.

Ohne dieses Bewusstsein bleibt die Nachricht der Engel leer, ihre Worte nur Hülsen ohne Inhalt. Die Krippe ein kitschiger Dekogegenstand. Das Weihnachtsfest nicht mehr als ein beliebiger Grund einander zu beschenken.
Das Kind in der Krippe ist mehr als das, wir können mehr als das sein. Gott hält uns dazu seine Hand hin. Ergreifen müssen wir sie selbst.

Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde

Ich wünschen ihnen und mir, dass wir in dieser Ruhe auch das wahrnehmen, was diese Geschichte in ihrem Kern erzählt. Ich wünsche uns das wir den Mut finden beides zu zulassen: die Freude über diese Zeit mit ihren wundervollen Eindrücken und das Gedenken an das Elend des Königs der uns diese Zeit ermöglicht und uns herausfordert neu auf Gott und die unsre Mitmenschen zuzugehen.

Und der Friede Gottes der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Sinne und Herzen in unserem Herrn Jesus Christus AMEN
Pfarrer Martin Weber
Autor: red

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