Gesundheitsamt klärt auf
Es besteht keine Ansteckungsgefahr
Freitag, 16. Dezember 2016, 12:40 Uhr
Gestern hatte die nnz zuerst berichtet, dass eine Schülerin der Regelschule Heringen an einer Lungentuberkulose erkrankt ist. Die Nachricht hat große Wellen geschlagen, heute nun informierte Amtsärztin Ingrid Francke umfassend zum aktuellen Fall und Tuberculoseerkrankungen im allgemeinen...
Der Heringer Fall war in die Öffentlichkeit gelangt, nachdem besorgte Eltern die nnz informiert hatten und schwere Anschuldigungen gegen die Behörden erhoben. Man lasse Kinder wie Eltern "vorsätzlich bis zum heutigen Tage in Ungewißheit der tatsächlichen Gefahr".
Die Anschuldigungen seien "inhaltlich, sachlich und fachlich" falsch, stelle heute Amtsärztin Ingrid Francke klar und zeugten zumindest von "einer Verkennung der Tatsachen". Die betreffende Familie habe das gesamte Jahr über unter Überwachung des Amtes gestanden. Im Rahmen der Kontrolluntersuchungen war die mögliche Erkrankung des Kindes im November aufgefallen. Als Amtsärztin habe sie bei hinreichendem Verdacht auf ein Tuberkuloseerkrankung ein sofortiges Schulverbot ausgesprochen. Ab diesem Zeitpunkt sei eine Gefährdung für die übrigen Kinder nicht mehr vorhanden gewesen, erläuterte die Ärztin.
Das der Fall überhaupt so weite Wellen geschlagen hat, lag daran, dass die Eltern des betroffenen Kindes, entgegen der hiesigen Gepflogenheiten, mit dem für sie bestimmten Schreiben des Gesundheitsamtes zur Schule gegangen waren. Der Schulleiter hatte daraufhin die Eltern der betroffenen Klasse informiert. Weitere Kreise zog der Fall ab dem 5. Dezember, woraufhin das Gesundheitsamt die Schule mit Informationsmaterial rund um Tuberkulose versorgte welche die Schulleitung auch an die betreffenden Eltern weitergab. In der Zwischenzeit war auch bekannt geworden, das dass betroffene Kind noch zwei Geschwister hat, welche die Grundschule Heringens besuchen. Auch sie standen das gesamte Jahr über unter Beobachtung des Amtes, unterstrich die Amtsärztin.
"Die Geschwister des betroffenen Kindes zeigen zum aktuellen Zeitpunkt keine Anzeichen für eine Tuberkuloseerkrankung und wer nicht krank ist, ist auch nicht ansteckend". In der Grundschule hatte es reguläre Reihenuntersuchungen gegeben. Diese ständen aber in keinerlei Zusammenhang mit dem Tuberkulose Fall sondern seien den Thüringer Gesundheitsämtern gesetzlich vorgeschrieben, erläuterte die Amtsärztin.
"Die Tuberkulose ist aufgefallen weil wir unsere Pflicht getan haben", sagte Dr. Francke, "es gibt in der gesamten Versorgungsmedizin Leitlinien, auch für die Überwachung von Tuberkulose und denen sind wir gefolgt."
Tuberkulosefälle sind derweil nichts absolut außergewöhnliches, auch nicht in Deutschland. Im Jahr 2014 registrierte man hierzulande 4.485 Fälle von Tuberkulose, 2015 waren es knapp 6.000 berichtete Francke. Weltweit werden pro Jahr 8 bis 10 Millionen Neuerkrankungen festgestellt. Im April hatte die Amtsärztin in einem Vortrag im Bürgerhaus schon einmal umfassend zur "weltweiten Herausforderung" Tuberkulose referiert und stützte sich dabei unter anderem auf Daten der Weltgesundheitsorganisation, dem "CDC" (Centers for Disease Control and Prevention), dem "ECDC" (European Centre for Disease Prevention and Control) sowie des Robert-Koch-Instituts.
"Es gibt kein Land, das frei ist von Tuberkulose", erklärte Francke am Vormittag noch einmal. Rund 30% der Weltbevölkerung sind demnach mit dem Erreger infiziert. 80% der Fälle treten dabei in 22 Ländern auf, darunter auch Staaten wie Russland, Brasilien oder China. Lediglich 5 bis 10% der Infizierten erkranken auch tatsächlich an Tuberkulose. Bis 1988 wurde in Deutschland gegen Tuberkulose geimpft, mit rund 60% sei der Schutz aber nicht ausreichend gewesen, erklärte Francke, man lege hierzulande höhere Maßstäbe an. Ein effektiver Schutz von 95% sei eher die Maßgabe.
Bis 2011 ging der Mehrzahl der in Deutschland registrierten Fälle auf hierzulande geborene Menschen zurück, seit 2013 hat sich das Verhältnis hin zu im Ausland geborenen Menschen verschoben. Das liege aber nicht so sehr an der Zuwanderung durch Asylbewerber, erklärte Francke, sondern eher an der Freizügigkeit des Arbeitsmarktes. Die meisten der in Deutschland festgestellten Fälle von Tuberkulose traten bei Menschen mit ausländischen Wurzeln mit den Herkunftsländern Somalia, der Türkei und Rumänien auf.
Im Landkreis Nordhausen waren 2014 drei Fälle (einmal deutscher, zweimal ausländischer Herkunft), 2015 zwei Fälle (einmal deutscher, einmal ausländischer Herkunft) und 2016 bisher fünf Fälle (zwei mal deutscher, drei mal ausländischer Herkunft) registriert worden.
Die Krankheit kann alle Organe befallen, zumeist ist aber die Lunge betroffen, das trifft auch auf den Heringer Fall zu. Eine "latente Tuberkulose" ist derweil nicht ansteckend. Im Fall einer "offenen" Lungentuberkulose müssen betreffende Personen je nach Ausprägung der Krankheit zwischen 8 und 40 Stunden in "engem Kontakt" miteinander verbringen um eine aerosole Tröpfcheninfektion zu ermöglichen, etwa in geschlossenen Räumen. Ein paar Minuten toben auf dem Schulhof reichen nicht aus, um sich anzustecken. Die bakterielle Krankheit ist antibiotisch behandelbar und führt bei richtiger Einnahme der Medikamente in 95% aller Fälle zur Ausheilung.
Bei den Kindern der betroffenen Klasse würden definitiv Bluttests durchgeführt, kündigte Amtsärztin an, jedoch erst dann, wenn diese auch aussagefähig seien, also rund 8 Wochen nach dem letzten Kontakt mit der erkrankten Person. Alles andere wäre "medizinische Scharlatanerie", sagte die Amtsärztin.
Mit den endgültigen Ergebnissen der Untersuchungen zu der erkrankten Person ist nicht vor Mitte Januar zu rechnen. Daher plant das Gesundheitsamt für den 18. Januar eine Informationsveranstaltung in Heringen. Um 17 Uhr wird die Amtsärztin in der Aula der Regelschule einen ausführlichen Vortrag rund um Tuberkulose halten und will nach Kenntniss der definitiven Befunde dann auch ganz konkrete Aussagen machen, wie in dem Fall weiter verfahren werde. Alle Eltern, Lehrer und interessierte Zuhörer sind eingeladen sich hier zu informieren. Desweiteren kann bei Fragen auch weiterhin das Gesundheitsamt Nordhausen unter 03631/911170 kontaktiert werden.
Angelo Glashagel
Update: Den Report des Robert Koch Instituts zur Tuberkulose in Deutschland für das Jahr 2015 finden sie hier .
Autor: redDer Heringer Fall war in die Öffentlichkeit gelangt, nachdem besorgte Eltern die nnz informiert hatten und schwere Anschuldigungen gegen die Behörden erhoben. Man lasse Kinder wie Eltern "vorsätzlich bis zum heutigen Tage in Ungewißheit der tatsächlichen Gefahr".
Die Anschuldigungen seien "inhaltlich, sachlich und fachlich" falsch, stelle heute Amtsärztin Ingrid Francke klar und zeugten zumindest von "einer Verkennung der Tatsachen". Die betreffende Familie habe das gesamte Jahr über unter Überwachung des Amtes gestanden. Im Rahmen der Kontrolluntersuchungen war die mögliche Erkrankung des Kindes im November aufgefallen. Als Amtsärztin habe sie bei hinreichendem Verdacht auf ein Tuberkuloseerkrankung ein sofortiges Schulverbot ausgesprochen. Ab diesem Zeitpunkt sei eine Gefährdung für die übrigen Kinder nicht mehr vorhanden gewesen, erläuterte die Ärztin.
Das der Fall überhaupt so weite Wellen geschlagen hat, lag daran, dass die Eltern des betroffenen Kindes, entgegen der hiesigen Gepflogenheiten, mit dem für sie bestimmten Schreiben des Gesundheitsamtes zur Schule gegangen waren. Der Schulleiter hatte daraufhin die Eltern der betroffenen Klasse informiert. Weitere Kreise zog der Fall ab dem 5. Dezember, woraufhin das Gesundheitsamt die Schule mit Informationsmaterial rund um Tuberkulose versorgte welche die Schulleitung auch an die betreffenden Eltern weitergab. In der Zwischenzeit war auch bekannt geworden, das dass betroffene Kind noch zwei Geschwister hat, welche die Grundschule Heringens besuchen. Auch sie standen das gesamte Jahr über unter Beobachtung des Amtes, unterstrich die Amtsärztin.
"Die Geschwister des betroffenen Kindes zeigen zum aktuellen Zeitpunkt keine Anzeichen für eine Tuberkuloseerkrankung und wer nicht krank ist, ist auch nicht ansteckend". In der Grundschule hatte es reguläre Reihenuntersuchungen gegeben. Diese ständen aber in keinerlei Zusammenhang mit dem Tuberkulose Fall sondern seien den Thüringer Gesundheitsämtern gesetzlich vorgeschrieben, erläuterte die Amtsärztin.
"Die Tuberkulose ist aufgefallen weil wir unsere Pflicht getan haben", sagte Dr. Francke, "es gibt in der gesamten Versorgungsmedizin Leitlinien, auch für die Überwachung von Tuberkulose und denen sind wir gefolgt."
Zahlen und Fakten rund um Tuberkulose
Seit gestern seien im Amt viele Fragen eingegangen, der rege Zuspruch besorgter Eltern sei auch gut so, erklärte Francke, man verstehe die Sorgen. Es bestehe aber weder in der Regel- noch in der Grundschule Ansteckungsgefahr. "Alle können in die Schule gehen", sagte Francke.Tuberkulosefälle sind derweil nichts absolut außergewöhnliches, auch nicht in Deutschland. Im Jahr 2014 registrierte man hierzulande 4.485 Fälle von Tuberkulose, 2015 waren es knapp 6.000 berichtete Francke. Weltweit werden pro Jahr 8 bis 10 Millionen Neuerkrankungen festgestellt. Im April hatte die Amtsärztin in einem Vortrag im Bürgerhaus schon einmal umfassend zur "weltweiten Herausforderung" Tuberkulose referiert und stützte sich dabei unter anderem auf Daten der Weltgesundheitsorganisation, dem "CDC" (Centers for Disease Control and Prevention), dem "ECDC" (European Centre for Disease Prevention and Control) sowie des Robert-Koch-Instituts.
"Es gibt kein Land, das frei ist von Tuberkulose", erklärte Francke am Vormittag noch einmal. Rund 30% der Weltbevölkerung sind demnach mit dem Erreger infiziert. 80% der Fälle treten dabei in 22 Ländern auf, darunter auch Staaten wie Russland, Brasilien oder China. Lediglich 5 bis 10% der Infizierten erkranken auch tatsächlich an Tuberkulose. Bis 1988 wurde in Deutschland gegen Tuberkulose geimpft, mit rund 60% sei der Schutz aber nicht ausreichend gewesen, erklärte Francke, man lege hierzulande höhere Maßstäbe an. Ein effektiver Schutz von 95% sei eher die Maßgabe.
Bis 2011 ging der Mehrzahl der in Deutschland registrierten Fälle auf hierzulande geborene Menschen zurück, seit 2013 hat sich das Verhältnis hin zu im Ausland geborenen Menschen verschoben. Das liege aber nicht so sehr an der Zuwanderung durch Asylbewerber, erklärte Francke, sondern eher an der Freizügigkeit des Arbeitsmarktes. Die meisten der in Deutschland festgestellten Fälle von Tuberkulose traten bei Menschen mit ausländischen Wurzeln mit den Herkunftsländern Somalia, der Türkei und Rumänien auf.
Im Landkreis Nordhausen waren 2014 drei Fälle (einmal deutscher, zweimal ausländischer Herkunft), 2015 zwei Fälle (einmal deutscher, einmal ausländischer Herkunft) und 2016 bisher fünf Fälle (zwei mal deutscher, drei mal ausländischer Herkunft) registriert worden.
Die Krankheit kann alle Organe befallen, zumeist ist aber die Lunge betroffen, das trifft auch auf den Heringer Fall zu. Eine "latente Tuberkulose" ist derweil nicht ansteckend. Im Fall einer "offenen" Lungentuberkulose müssen betreffende Personen je nach Ausprägung der Krankheit zwischen 8 und 40 Stunden in "engem Kontakt" miteinander verbringen um eine aerosole Tröpfcheninfektion zu ermöglichen, etwa in geschlossenen Räumen. Ein paar Minuten toben auf dem Schulhof reichen nicht aus, um sich anzustecken. Die bakterielle Krankheit ist antibiotisch behandelbar und führt bei richtiger Einnahme der Medikamente in 95% aller Fälle zur Ausheilung.
Wie geht es weiter?
Wird eine Tuberkuloseerkrankung festgestellt, untersucht man zunächst das soziale Umfeld des Erkrankten. In Falle eines Schulkindes, wie im Heringer Fall, wären das die Schulklasse, Lehrer, etwaige Arbeitsgruppen oder Vereine und längerfristige Besucher. Die Schwierigkeit bei Tuberkulose bestehe darin, dass die Erreger sehr langsam wachsen, erklärte Francke. Der letzte Beweis ob es sich im vorliegenden Fall tatsächlich um eine ansteckende Tuberkulose handelt, steht deswegen noch aus. Die aus Proben gewonnen Errergerkulturen brauchen bis zu acht Wochen um zu wachsen, vorher können keine definitiven Aussagen getroffen werden.Bei den Kindern der betroffenen Klasse würden definitiv Bluttests durchgeführt, kündigte Amtsärztin an, jedoch erst dann, wenn diese auch aussagefähig seien, also rund 8 Wochen nach dem letzten Kontakt mit der erkrankten Person. Alles andere wäre "medizinische Scharlatanerie", sagte die Amtsärztin.
Mit den endgültigen Ergebnissen der Untersuchungen zu der erkrankten Person ist nicht vor Mitte Januar zu rechnen. Daher plant das Gesundheitsamt für den 18. Januar eine Informationsveranstaltung in Heringen. Um 17 Uhr wird die Amtsärztin in der Aula der Regelschule einen ausführlichen Vortrag rund um Tuberkulose halten und will nach Kenntniss der definitiven Befunde dann auch ganz konkrete Aussagen machen, wie in dem Fall weiter verfahren werde. Alle Eltern, Lehrer und interessierte Zuhörer sind eingeladen sich hier zu informieren. Desweiteren kann bei Fragen auch weiterhin das Gesundheitsamt Nordhausen unter 03631/911170 kontaktiert werden.
Angelo Glashagel
Update: Den Report des Robert Koch Instituts zur Tuberkulose in Deutschland für das Jahr 2015 finden sie hier .


