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Gewerkschaft sucht den Dialog

Wie weiter mit der Inklusion?

Dienstag, 01. November 2016, 19:50 Uhr
Die Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit Handicap in den "normalen" Unterricht war in Bildungskreisen ein Großthema der letzten Jahre. Rot-Rot-Grün steht jetzt vor der Novellierung des inklusiven Schulgesetzes. Was auf die Lehrerkollegien des Landes zukommt, weiß indes keiner so recht, das wollte die Gewerkschaft GEW heute in Nordhausen ändern...

Seit 2006 beschäftige man sich bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) schon mit der Inklusion, erklärte Gewerkschafterin Steffi Kalupke, die die Moderation übernahm. An den Schulen des Freistaates, das Thema ist für die Beteiligten kein neues, mit seiner Umsetzung ist man an der pädagogischen Basis bis heute nicht allerorten vollauf zufrieden, vor allem die Personalsituation sorgt für Frust in den Kollegien. Seit die Novellierung des Gesetzes anstehe habe man "heiße Diskussionen" geführt, unter anderem mit der Landtagsabgeordneten Katja Mitteldorf, Vorsitzende.

Die hatte in der Folge vorgeschlagen doch mit denjenigen zu sprechen, die am Gesetz arbeiten, also mit dem Bildungsministerium. Heute nun konnte man mit Birgit Klaubert (die Linke) die zuständige Ministerin im Audimax der Nordhäuser Hochschule begrüßen. Rund 40 Fragen und auch persönliche Briefe hatten die Gewerkschaftsmitglieder aus dem Nordthüringer Raum für den Besuch der Ministerin vorbereitet.

Die Ministerin sah sich einem äußerst kritischen Publikum gegenüber, geäußert wurde unter anderem der Vorwurf das die Arbeit am Gesetz beinahe im Geheimen geschehe, ohne diejenigen einzubeziehen, welche die neuen Regeln dann umsetzen müssten. Gekommen waren Schulleiter und Schulleiterinnen und Lehrkräfte aus dem gesamten Nordthüringer Raum.

Bildungsministerin Klaubert (rechts) stand Lehrerinnen und Lehrern am Abend in Nordhausen Rede und Antwort (Foto: Angelo Glashagel) Bildungsministerin Klaubert (rechts) stand Lehrerinnen und Lehrern am Abend in Nordhausen Rede und Antwort (Foto: Angelo Glashagel)

Es sei in der Presse in den letzten Tagen der Eindruck entstanden sie wolle das Thema durchdrücken, sagte die Ministerin, das Gegenteil sei der Fall, man wolle das Thema nicht von oben herab sondern von der Basis aus bearbeiten und "das Tempo rausnehmen". Voll inklusive Bedingungen herzustellen sei eine Generationenaufgabe, man werde aber auch jetzt in Abstimmung mit dem Infrastrukturministerium Geld in die Hand nehmen um die bauliche Situation zu verbessern.

Im neuen Schulgesetz werde der Vorrang des gemeinsamen Unterrichts erhalten bleiben, so Klaubert, ebenso würden die Förderschwerpunkte wie auch die Förderzentren mit überregionalen Charakter erhalten bleiben. Die Einrichtungen sollen weiter beschulen aber auch regional den Förderbedarf des inklusiven Unterrichts begleiten. Man würde die Förderschulen nicht dicht machen, müsse aber in der Fläche immer wieder neu evaluieren, hieß es am Abend im Audimax.

Bisher gibt es nur ein Eckpunktepapier, gearbeitet habe man unter Einbeziehung eines breit aufgestellten Fachbeirates bereits rund zwei Jahre, erklärte Klaubert. Das was hier erarbeitet worden sei solle den Lehrern in der nächsten Zeit über Workshopangebote vorgestellt werden. Aus Sicht der Lehrer greift das zu kurz und kommt zu spät.

Bildungsministerin Klaubert stand Lehrerinnen und Lehrern am Abend in Nordhausen Rede und Antwort (Foto: Angelo Glashagel) Bildungsministerin Klaubert stand Lehrerinnen und Lehrern am Abend in Nordhausen Rede und Antwort (Foto: Angelo Glashagel) Es fehle dem Land eine "mittlere Lehrergeneration", sagte Klaubert, die selber als Lehrerin gearbeitet hat. An den Schulen des Freistaates arbeiten vor allem ältere Lehrer oder frischer Nachwuchs. Rund 19.000 Pädagoginnen und Pädagogen sind das laut Statistik, tatsächlich dünnen Langzeiterkrankungen bei den Älteren und Elternzeiten bei den Jüngeren die Kollegien über lange Zeiträume aus. Neu eingestellt wird es seit 2015, 500 feste Stellen pro Jahr, allerdings nicht zusätzlich. Hinzukommen 100 "Vertretungsreserven" für zwei Jahre. Und es fehlen schlicht die Fachkräfte, nicht nur im Bereich Sonderpädagogik, sondern auch bei Musik, Sport, Mathe, Physik und anderen Fächern. Der Schülerzuwachs durch Migranten habe sich in Grenzen gehalten, meinte die Ministerin, Bedarf bestehe aber hier dennoch, vor allem für den Bereich "Deutsch als Zweitsprache".

Die Kollegen die man hier anwerben konnte, würden die Pädagogen gerne halten, die Stellen sind aber befristet, den Nachwuchs zieht es deswegen in andere Bundesländer. Eine befriedigende Lösungen gebe es hier zur Zeit nicht, sagte die Ministerin.

Auch in der Beschulung selbst sieht die Gewerkschaft Probleme, gerade im inklusiven Bereich, es fehle Unterstützung, etwa bei der Betreuung von Kindern die Schwierigkeiten mit der emotionalen und sozialen Entwicklung haben, sogenannten "ESE" Kindern. Die Lehrer würden "ausbrennen" wenn nicht bald etwas getan werde. Auch die schulvorbereitenden Einrichtungen hätte man gerne gehalten, die hätten sich aber durch die Neugestaltung des Kindertagesstättengesetzes erledigt, die Aufgabe soll von der KITA übernommen werden. Man habe es mit zwei parallelen Gesetzen zu tun, die sich gegenseitig aufheben würden, hieß es aus dem Ministerium. Auch um die Lehrerausbildung, Fortbildungen, Beförderungen und Verbeamtungen sollte es in der Folge noch gehen. Klaubert wäre für mehr Besoldung, das Finanzministerium hat da aber auch noch mitzureden.

Fragen gab es viele, Ministerin Klaubert hörte zu und gab Antwort. Ob es gereicht hat die Nordthüringer Lehrerschaft in Sachen Bildungsinitiativen und integratives Schulgesetz zu besänftigen bleibt fraglich, viele der angesprochenen Probleme sind struktureller Natur und werden zeitnah kaum gelöst werden können. Es sei gut gewesen das man geredet habe, sagte Carola Böck, Leiterin der Ellricher Regelschule, morgen in der Schule würde es aber nicht helfen, man habe schlicht nicht genug Lehrer und könne die, die da sind kaum halten. "Es wird nicht von heute auf morgen gehen", so die Ministerin, man könne nur Stück für Stück, gerade in den Randregionen zu den alten Bundesländern, Attraktivität gemeinsam gestalten.
Angelo Glashagel
Autor: red

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