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Die dichterische Stimme der Christine Lavant in Limlingerode

„Ich will vom Leiden endlich alles wissen!“

Montag, 24. Oktober 2016, 14:05 Uhr
Um 14:30 Uhr wird am jetzigen Samstag in der Dichterstätte Sarah Kirsch eine ganz besondere lyrische Stimme mit ihren eindringlichen Gedichten zu Wort kommen...


Es ist erstaunlich, wie vielfältig die Facetten dichterischer Worte sein können. Ein nicht enden wollender Strom unterschiedlichster Persönlichkeiten findet im verdichteten Wort seinen unverwechselbaren Ausdruck. Wer die Verse der Christine Lavant liest oder hört, wird in eine Welt versetzt, die er zwar kennt, die er aber so nie vernahm.

Am 4. Juli 2015 wäre Christine Lavant 100 Jahre alt geworden. Geboren wurde sie im südkärntnerischen Lavanttal als neuntes Kind einer Bergarbeiterfamilie.

„Vielleicht hat sich schon im Mutterleib / mein Schicksal mutig von mir getrennt / und ging – tapferer als ich je einmal war - / für mich auf den gottverlassensten Stern, / blieb dort, legte sich schlafen / und träumte vielleicht aus, was mir zustoßen soll / mit glänzenden Schläfen.“

Als Christine Thonhauser wurde sie geboren. 1939 heiratete sie den um 30 Jahre älteren Kunstmaler Josef Haberning. Eine Ehe aus Mitleid? Aus der Begegnung mit dem Maler Werner Berg entwickelte sich Freundschaft. 1949 erschien ihr Gedichtband „Die unvollendete Liebe“. Seit 1948 nannte sie sich Lavant.

Das träumende Schicksal wurde Wort, wurde Gedicht. Und tatsächlich ist der Begriff des Schicksals für die Dichterin von zentraler Bedeutung. Krankheiten belasteten sie von Kindesbeinen an und vermittelten ihr eine Einsamkeit, der sie durch Stärke begegnen musste, Stärke an der ihre Wortkunst auf der Suche nach Ruhe und Frieden wuchs. Ruhe und Frieden jedoch fand sie nie. Davon zeugen ihre Verse sehr eindringlich. Aber gerade die Eindringlichkeit des Unversöhnlichen begründet die Stärke ihrer dichterischen Eigenart.
Thomas Bernhard erkannte im künstlerischen Werk der Christine Lavant eine große Dichtung, die ein elementares Zeugnis eines von allen guten Geistern missbrauchten Menschen ablege, das die Welt bislang in seiner Bedeutung noch nicht vollständig entdeckt habe.

„Sie ist die letzte deutschsprachige Dichterin, die es mit Gott Persönlich aufgenommen hat, im Vergleich zu ihr sind alle katholischen und protestantischen Dichter sanfte Sozialarbeiter … In diese pragmatisch gewordene Welt … ragen die naturmystischen Versenkungen der Christine Lavant wie unzeitgemäße Zaubersprüche.“ (Michael Krüger)

Bemerkenswert ist auch die Wortphantasie, die dadurch beeindruckt, dass man sie nie als Gewollt wahrnehmen muss. Es ist, als tönten im Gedicht die Wörter auf sonderbare Weise zur Textbedeutung.

„Die Sprache der Christine Lavant scheint unerschöpflich. Ihre Worte, Metaphern und Satzfügungen haben etwas Behexendes. Sie dichtet, wie man am Spinnrad sitzt. Die Spindel dreht sich, daran der Lebensfaden dünn Spule um Spule füllt. Worte drehen und verdrehen sich, ziehen sich zusammen und reißen.“ (Kerstin Hensel)

Kongenialer kann man den Geist des drohenden Damoklesschwertes, das heute über allem dräuend schwebt, nicht erfassen. Da ist auf den ersten Blick wenig Trost. Allein die Tatsache, dass die leere Gottsuche nicht verstummt, zeugt vom unbeugsamen Lebensfaden, der sich mutig fort und fort spinnt. Bis zum letzten Atemzug beschreibt die Lavant ein Elend, das sie doch niemals besiegen konnte, da sie sich emotional von ihm trennt, welches sie aber sisyphosgleich annahm. Nein, Christine Lavant gab nicht auf. So müssen wir uns Christine Lavant - dem Sisyphos gleich - als einen glücklichen Menschen vorstellen. Sie wollte es wissen.

„Wo ist mein Anteil, Herr, am Licht? / Ich will doch auch nach Hause Kommen!“

Neben zahlreichen Preisen ehrte man die Dichterin 1970 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur. Am 7. Juni 1973 verstarb Christine Lavant im Landeskrankenhaus Wolfsberg nach einem Schlaganfall.

Gedichtbände: Die unvollendete Liebe, 1949; Die Bettlerschale, 1956; Spindel im Mond, 1959; Sonnenvogel, 1960; Wirf ab den Lehm, 1961 Der Pfauenschrei, 1962 ; Hälfte des Herzens, 1967; Gedichte, 1972; Kunst wie meine ist nur verstümmeltes Leben, 1978; Kreuzzertreteung, 1995

Wir freuen uns, Sie am Samstag (29. Oktober) in der Dichterstätte Sarah Kirsch in Limlingerode um 14:30 Uhr begrüßen zu dürfen.
Karin Kisker, Dichterstätte Sarah Kirsch
Autor: red

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