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NICHT NUR IN NORDHAUSEN

Radfahrer dürfen alles

Mittwoch, 19. Oktober 2016, 15:21 Uhr
Ob Radfahren in Nordhausen Spaß macht, fragte ein Beitrag in nnz-online. Die Diskussionen wogten hoch. Was folgt, ist eine Betrachtung der Lage mit eigenen Erlebnissen...


Vorweg eins: Es geht um mehr als nur Radfahren. Solange ich denken kann, glaubten Verkehrsteilnehmer, die jeweils anderen seien an allem Schuld. Sogar der unvergessene Heinz Ehrhardt hat diesem Phänomen 3 Filme gewidmet, hat aber die Probleme selbst mit seinem unverwüstlichen Humor nicht lösen können.

Es gibt einen Paragraf 1 der Straßenverkehrsordnung. Sie sind schon mindestens 3 Jahrzehnte Verkehrsteilnehmer? Sie haben einen Führerschein? Wie oft haben Sie beobachtet oder waren gar selbst betroffen, dass jemand für einen Verstoß gegen diesen Paragrafen verwarnt oder bestraft wurde? Nie! Prima, dann sind wir schon 2.

Es ist für den Gesetzgeber ein Leichtes, Bußgeld für z.B. 35 km/h vor einer Schule (30 km/h erlaubt) in der Ferienzeit zu kassieren. Es ist wesentlich schwerer, jemand zu ermahnen, der mit 29,99 km/h an gleicher Stelle an spielenden Kindern vorbei fährt. Der hat nämlich nur gegen § 1 verstoßen und ehrlich gesagt möchte ich eine solche Auseinandersetzung auch nicht führen. Es fehlt die Einsicht, mehr zurück zu stecken, als man muss, weil von den Ordnungshütern die Einsicht fehlt (fehlen muss?), mehr zu erlauben, wenn niemand belästigt, behindert oder geschädigt werden kann. Im Verkehrsrecht steht Kadavergehorsam vor Vernunft.

Der Begriff „Bußgeld“ tut ein Übriges. Man hat für einen Verstoß bezahlt, Buße getan und nun ist wieder alles gut. Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele von der Hölle in den Himmel springt, war der zugehörige Spruch zu Luthers Zeiten. Ohne jede Ironie: Das war ein Hauptgrund für die Abwanderungen von der katholischen Kirche.

Radfahrer sind die Schwächsten der auf Rädern am Straßenverkehr Teilnehmenden. Radfahren ist umweltfreundlich und gesund. Radfahrer haben daher immer ein gutes Gewissen.

Sportlich orientierte Radfahrer erreichen auch über 40 km/h, vor allem auch auf dem Gehweg. Fußgänger müssen da schon mal mit gebrülltem „Vorsicht“ beiseite gescheucht werden, weil die Klingelchen ja keiner mehr hört. Radfahrer verweisen auf ihre viel schwereren Verletzungen von dem Sturz, den sie „gebaut“ haben, weil ein Kind nicht schnell genug reagierte.

Radfahrer dürfen neben den geschlossenen Schranken über den Bahnübergang und auch bei Rot über die Kreuzung, wenn keiner kommt. Der Ordnungshüter zu Fuß braucht eine Verfolgung nicht zu versuchen, mit dem Auto ist sie unmöglich.

Radfahrer dürfen „normale“ Menschen, die sie ermahnen zu richtigem Verhalten im Straßenverkehr, beleidigen, beschimpfen, bedrohen. Ihre Identität bleibt nämlich unbekannt. Verkehrsregeln müssen sie nicht kennen, haben nie einen Führerschein besessen. Diese Sonderstellung im Straßenverkehr nutzen sie nicht nur in Nordhausen aus, sondern auch in Hannover und Berlin vermutlich aber fast überall. Wer´s nicht glaubt, kann gern von mir die Stellen in den beiden Großstädten benannt bekommen, wo trotz vorhandenem Radweg über den daneben befindlichen Fußweg geradelt wird.

Slalom um die Fußgänger als Massensport, mit den Hörern vom Smartphone in den Ohren. Konsequente Ahndungen dieser Ordnungswidrigkeiten würden viel Geld in die Stadtkassen bringen. Aber man sollte den kräftigen Ordnungshütern auch mindestens 3 ebenso kräftige Helfer zur Seite stellen.

Und dann gibt es noch die vielen freundlichen und rücksichtsvollen Radfahrer, die sich an jede relevante Verkehrsregel halten. Die fallen nicht auf, erst recht nicht unangenehm. Das ist die Tragik dabei. Von denen redet keiner. Ob sich deswegen der eine oder andere von ihnen nach und nach „radikalisiert“?

Notorische Verkehrs“sünder“ gibt es unter allen am Straßenverkehr Teilnehmenden. Nur Radfahrer können davon ausgehen, weitgehend unbestraft zu bleiben.

Was kann man tun? Zuerst müsste man wohl das Verkehrsrecht auf den Prüfstand stellen. Aber wie misst man Vernunft? Wie bestraft man die Unvernünftigen?
Jürgen Wiethoff

PS: Der Verfasser hat Null Flensburg-Punkte bei ca. 2,5 Mio. dienstlich und privat gefahrenen km. Er ist gehorsam und geizig. In den letzten 15 Jahren bekam er 1 Knöllchen für´s Verschlafen (im wahrsten Sinne des Wortes) der Kehrzeit. Er fährt auch immer noch gern Rad.......aber nicht in Nordhausen.
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