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Weltfriedenstag

Wir sind Kinder des Friedens

Donnerstag, 01. September 2016, 12:20 Uhr
Krieg, Leid und Entbehrung haben die wenigsten Menschen in Nordhausen je wirklich erleben müssen. Das war nicht immer so, einige wissen noch, wie es damals war, während und nach dem Krieg. Elfriede Niestroy, inzwischen 100 Jahre alt, sprach heute anlässlich des Weltfriedenstages über das Leben im Krieg...

"Opfer gab es überall, in jeder Familie", sagt Elfriede Niestroy, "irgendwer ist immer im Krieg geblieben". Die alte Dame war kaum 30 Jahre alt, als der zweite Weltkrieg sein Ende fand. Ein Schwager wurde mit dem Flugzeug abgeschossen, ein zweiter verlor vor Moskau ein Bein und starb bevor er nach Hause zurückkehren konnte, der Vater wurde im Chaos der letzten Kriegstage ermordet.

"Es war schon sehr schwer", immer wieder wird Elfriede Niestroy diese Worte an diesem Vormittag wiederholen. Es ist ihre knappe Zusammenfassung vieler Episoden, die sie bis heute im Kopf hat. Etwa an jenen Tag Anfang der 30er Jahre, als eine Gruppe NSDAP Schläger die Friedenseiche im "roten Salza" angreifen wollte, Abende an denen zu Hause heimlich "der Engländer" gehört wurde, also das Radioprogramm der britischen BBC, an die Alarme und die Luftschutzkeller, die Nächte auf dem nackten Boden des Kohnsteins, in dem sie mit ihrem beiden Töchtern nach den Luftangriffen Schutz gesucht hatte.

Anlässlich des Weltfriedenstages fand in der Stadtbibliothek Nordhausen heute ein Zeitzeugengespräch mit Elfriede Niestroy statt (Foto: Angelo Glashagel) Anlässlich des Weltfriedenstages fand in der Stadtbibliothek Nordhausen heute ein Zeitzeugengespräch mit Elfriede Niestroy statt (Foto: Angelo Glashagel)

"Es wusste jeder das es Krieg geben würde", sagt Niestroy und später, als der Atlantikwall gefallen war, hätte man auch gewusst, das der Krieg verloren war. Meist erzählt sie frei von der Leber weg, springt zwischen Jahren und Jahrzehnten, manchmal antwortet sie auf Fragen der Schülerinnen und Schüler des Humboldt-Gymnasiums, die den heutigen Gedenktag gestalteten.

Anlässlich des Weltfriedenstages fand in der Stadtbibliothek Nordhausen heute ein Zeitzeugengespräch mit Elfriede Niestroy statt (Foto: Angelo Glashagel) Anlässlich des Weltfriedenstages fand in der Stadtbibliothek Nordhausen heute ein Zeitzeugengespräch mit Elfriede Niestroy statt (Foto: Angelo Glashagel) Wie sich das Land verändert habe, wird sie gefragt und sie meint es habe sich langsam entwickelt. Am Anfang, da sei es noch gut gewesen, schien es sozialer zu werden, danach aber sei es schlimm geworden. "Geben sie denen 10 Jahre Zeit und sie erkennen Deutschland nicht mehr wieder", sagte die 100jährige. Nach dem Krieg habe das Leben weiter gehen müssen und man sei froh gewesen das "es weg war, wir hatten genug und wollten nichts mehr davon hören".

Präsent geblieben sind ihr diese Jahre trotzdem immer, seien es Namen von handelnden Personen auf der einen oder anderen Seite, oder von Geschäften, Bilder von KZ-Häftlingen, die barfuß und unter Bewachung in die Firmen und Betriebe getrieben wurden, oder Aufforderungen Leichen aus aufgegebene Baracken zu holen, Erinnerungen an Mangel, Überlebensstrategien und die Probleme, welche die Teilung durch die Besatzung mit sich brachte.

Anlässlich des Weltfriedenstages fand in der Stadtbibliothek Nordhausen heute ein Zeitzeugengespräch mit Elfriede Niestroy statt (Foto: Angelo Glashagel) Anlässlich des Weltfriedenstages fand in der Stadtbibliothek Nordhausen heute ein Zeitzeugengespräch mit Elfriede Niestroy statt (Foto: Angelo Glashagel)

Die, die ihr zuhören, können sich nur schwer vorstellen, wie es wirklich gewesen sein muss, sind sich dessen aber anscheinend auch bewusst. Die Schülerinnen und Schüler haben sich anlässlich des Weltfriedenstages Gedanken über Krieg und Frieden gemacht, tragen Gedichte, Fabeln und Weisheiten vor. "Zum Gedenken gehört auch die Mahnung", sagte Oberbürgermeister Zeh, gerade auch für die jungen Menschen, weswegen es wichtig sei, diesen Tag auch weiter zu begehen.

"Wir sind Kinder des Friedens", sagt ein Mädchen. Es bleibt zu hoffen, das dass noch lange so bleibt.
Angelo Glashagel
Autor: red

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