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Besuch in Bad Füssing

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Montag, 04. Juli 2016, 17:15 Uhr
Vor einem Jahr veröffentlichte die Bertelsmann Stiftung die Ergebnisse einer Studie zur demografischen Entwicklung in dieser Bundesrepublik. Dabei wurde auch die älteste Kommune im Jahr 2030 genannt: Bad Füssing in Niederbayern sollte es sein...

Porschetreffen in Bad Füssing Anfang Juli (Foto: privat) Porschetreffen in Bad Füssing Anfang Juli (Foto: privat)
In 14 Jahren würde dort das Durchschnittsalter der rund 7.000 Einwohner bei 63 Jahren liegen. Kurdirektor Rudolf Weinberger konnte sich nach Bekanntwerden dieser Zahl nicht mehr retten vor Anrufen, vor Interviewanfragen. Vermutlich auch dem damaligen medialen Sommerloch gewidmet.

Doch, jetzt, nach einem Jahr, sitzt Weinberger mir gegenüber und kann nur noch schmunzeln. Natürlich ist das so, sagt der Mann, der in Europas größtem Kurort den Tourismus organisieren und koordinieren soll. Aber - und das war in der Studie nicht zu finden: Als einer der wenigen Orte in Bayern wird Bad Füssing in der Einwohnerzahl prognostisch zulegen. Immer mehr Menschen, die ihren Lebensabend nicht unbedingt mit den Kindern zusammen unter einem Dach verleben wollen, zieht es an den Inn. Das hat seinen Grund, den vielleicht nur Menschen um die 60 herum verstehen.

Bad Füssing hat eine hervorragende Infrastruktur zu bieten. 37 Arztpraxen, rund 150 Physiotherapiepraxen und mehrere Pflegedienste. Banken, Sparkassen, verschiedene zu Fuß zu erreichende Supermärkte, Bekleidungs- und Schuhgeschäfte, die Aufzählung könne noch länger werden. Natürlich alles ausgerichtet auf die Gäste, die allein im vergangenen Jahr fast 2,5 Millionen Übernachtungen im Niederbayerischen Kurort buchten. Aber eben auch immer mehr ausgerichtet auf jene, die auf Dauer bleiben.

Auch deshalb wird in Bad Füssing und seinen Ortsteilen gebaut. Vor allem seniorengerechte und barrierefreie Wohnanlagen. Sie schießen quasi wie Pilze aus dem Boden. Neben der erwähnten Infrastruktur bietet Füssing vor allem natürlich eines: Sein Thermalwasser und eine darauf ausgerichtete Infrastruktur. Und wer hier wohnt, der kauft sich eine Jahreskarte für eine der drei großen Thermen in dem Ort. So ganz nebenbei kann er all die Veranstaltungen besuchen, die der Kurort in erster Linie für seine Gäste bereithält. Es gibt darüber hinaus Tanzbars und wer es ganz ausgelassen angehen will, der fährt oder läuft zum Hasslinger Hof. Dort steppt der Bär 365 Tage im Jahr.


Die eingangs erwähnten Tourismuszahlen, die wurden in den ersten fünf Monaten dieses Jahres noch einmal gesteigert. Rudolf Weinberger ist stolz: Bei den Übernachtungen konnten wir um 1,3 Prozent, bei den Gästeankünften um rund 4 Prozent zulegen. Allerdings ging die Verweildauer leicht zurück. Waren es ausgangs des vorigen Jahrhunderts noch 21 Tage, so zählt die Statistik jetzt acht Tage.

Diesem Trend zu kürzeren Urlaubserlebnis müssen sich 420 Beherbergungsbetriebe mit ihren 13.700 Betten und 4.000 Beschäftigten stellen. Weinberger weiß: Manche haben es geschafft, viele werden es schaffen, einige werden auf der Strecke bleiben. Den Kampf um den Gast gibt es nicht nur zwischen den Hotels, nicht nur zwischen den Kurorten in Niederbayern, sondern global.

Ihn zu bestehen, muss es neue Wege geben. Der Kurdirektor mit einem Beispiel. "Wir hatten die Betreiber von Hotels, Appartementhäusern und Pensionen eingeladen, um ihnen neue Buchungsportale vorzustellen. Die Webgebundenen Portale verlangen in der Regel bei erfolgreicher Buchung eine Provision zwischen 10 und 12 Prozent, während die etablierten Reiseveranstalter wie TUI oder Neckermann bis zu 28 Prozent Provision kassieren. Obwohl es hier einen eindeutigen Preisvorteil gab, war die Resonanz eher verhalten im Hinblick auf das “'Neue'”.

Der Grund liegt für einige Hotel- oder Pensionsbetreiber auf der Hand: 85 Prozent der Gäste sind Stammgäste. Doch was, wenn die altersbedingt nicht mehr nach Bad Füssing kommen können? Einige Hotels, zum Beispiel “Das Mühlbach” im Ortsteil Safferstetten haben den Trend seit Jahren erkannt. Buchen über mehrere Kanäle, Angebote, die sich nicht nur in Richtung Therapie bewegen, sondern mehr und mehr der Prophylaxe dienen. Neue, vor allem jüngere Gäste gewinnen, das wird mehr und mehr in den Fokus der Anstrengungen und Bemühungen in Bad Füssing rücken. Das fordert aber auch das Risiko zum investieren. Im Mühlbach ist man es eingegangen, die Gäste geben es zurück.

Rudolf Weinberger ist sich sicher, dass einige Häuser in den kommenden Jahren auf der Strecke bleiben werden. Vor allem jene, die nicht eigentümergeführt sind. Aber das sei nun mal Wettbewerb, der letztlich die Spreu vom Weizen trenne. Der touristische Weizen, der übrig bleibt, der führt letztlich zu einer Erhöhung der Gesamtqualität im größten Kurort Europas.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz

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